Intensiv-Pflege Todesfall durch Pflegemängel?

Ein Intensiv-Pflegedienst aus Erfurt steht bereits in der Kritik – wegen schlechten Arbeitsbedingungen und ausbleibenden Lohnzahlungen. Doch nun gibt es weitere schwere Vorwürfe gegen das Unternehmen "Nemopflege". Ein Todesfall in einer Intensivpflege-WG könnte auf Pflegemängel - verursacht durch schlecht qualifiziertes Personal - zurück gehen.

eine ältere Frau im Gespräch 7 min
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Nach einem Schlaganfall lebte Ralf Hertzsch in einer sogenannten Intensiv-Pflege-WG in Gera. Dort wurde er von "Nemopflege" versorgt. Immer wieder habe es Probleme gegeben, sagt seine Frau Ursula. Die Kommunikation mit schlecht deutsch sprechendem Personal war schwierig. Und mit der Pflege der Die Kommunikation mit schlecht deutsch sprechendem Personal war schwierig. Und mit der Pflege der Trachealkanüle waren einige Pfleger nicht vertraut. Solch eine Trachealkanüle benötigen Patienten, wenn sie nicht mehr selbst durch Mund und Nase atmen können. "Als ich meinen Mann besuchte, habe ich gemerkt, dass das Sekret in der Trachealkanüle ganz voll war." Sie habe die Pflegerin darauf hinweisen müssen, dass abgesaugt werden muss.

Hätte der Tod verhindert werden können?

Die Patientenakte von Ralf Hertzsch belegt: Am Tag seines Todes wurde die Trachealkanüle weniger als halb so oft geprüft wie in der Schicht zuvor. Gegen 18 Uhr sinkt schließlich die Sauerstoffsättigung im Blut dramatisch. Der Notarzt kann nur noch den Tod feststellen. Ursula Hertzsch vermutet, dass der Tod ihres Mannes hätte verhindert werden können.

Eine Trachealkanüle
Eine Trachealkanüle brauchen Patienten, wenn sie nicht mehr selbst durch Mund und Nase atmen können. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch andere Angehörige von Patienten beklagen gefährliche Pflegemängel. Birgit Schmidt war nach einem Schlaganfall bis April 2019 bei "Nemopflege" in der Intensivpflege. Mehrmals sei Birgit Schmidt gestürzt, weil die Pflegerin sie nicht in ihrem Rollstuhl angeschnallt hätte, sagt ihre Familie. Nur mit Hilfe der Familie sei es gelungen, Brigitt Schmidt wieder aufzurichten. Eine Situation war sogar lebensbedrohlich: "Die Kanüle ist beim Duschen rausgerutscht", beschreibt Stefan Schmidt. "Und der Pfleger, der da gerade da war, konnte die nicht wieder reinmachen, weil er angeblich keine Befugnis dazu hatte."

Aber ohne Trachialkanüle drohte Birgitt Schmidt zu ersticken. Erst auf Drängen der Angehörigen wurde der Notarzt gerufen. Birgitt Schmidt wird mittlerweile in einer anderen Einrichtung versorgt. Ihre Erlebnisse bei "Nemopflege" fasst sie in einem Wort zusammen: "Grauenvoll."

Das lukrative Geschäft mit der Intensiv-Pflege

In Deutschland werden etwa 5.000 Intensivpflege-Patienten außerklinisch versorgt. Für die Behandlung rund um die Uhr zahlen die Kassen je nach Diagnose von 6.000 bis zu 30.000 Euro pro Patient und Monat. Für die "Nemopflege" mit etwa 280 Patienten ein lukratives Geschäft.

Um solche Fälle wie den von Ralf Hertzsch und Birgit Schmidt zu verhindern, überprüft der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) das Unternehmen "Nemopflege" jedes Jahr. Der MDK gibt wiederholt Einser-Noten für den Pflegedienst.

Mitarbeiter sollen zur Akten-Manipulation angehalten worden sein

Birgit Schmidt war als Schlaganfall-Patientin in der Intensiv-Pflege bei "Nemopflege".
Ihre Erfahrungen in der Intensiv-Pflege bei der "Nemopflege" beschreibt Birgitt Schmidt mit nur einem Wort: "Grauenvoll." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Maria Sesselmann arbeitet aktuell als Altenpflegerin bei "Nemopflege" und  erklärt, wie leicht es für das Unternehmen ist, etwaige Mängel zu vertuschen. Schließlich kündigt der MDK seine Überprüfungen am Vortag an. "Ich war auch im Frei. Dann  habe ich eine Nachricht gekriegt, dass sofort alle Mitarbeiter auf Arbeit kommen und ihre Akten auf Vordermann bringen sollen, weil der MDK morgen kommt."

Gleich mehrere Mitarbeiter des Pflegedienstes erheben den Vorwurf, dass sie zur Manipulation von Dokumenten angehalten wurden, wenn eine MDK-Prüfung ins Haus stand. Der Chef von "Nemopflege" will sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Ursula Hertzsch fragt sich, ob ihr Mann noch leben könnte, wenn Sie rechtzeitig einen Platz bei einem anderen Pflegedienst gefunden hätte. Unterdessen ermittelt nun die Staatsanwaltschaft.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 03. Juli 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Juli 2019, 05:00 Uhr