Psychisch kranker Nachbar Hilflose Behörden: Wie umgehen mit Übergriffen durch psychisch Kranke?

Manche Betroffene einiger psychischer Krankheiten können aggressiv werden, Nachbarn befürchten teils sogar Gewalttaten. Doch solange nichts Konkretes passiert ist, können diese Menschen nicht zu einer Behandlung gezwungen werden.

"Und da habe ich das erste Mal erlebt, was es heißt, Todesangst zu haben", sagt Inge Peters. Es war der Moment, als ihr psychisch kranker Nachbar mit einer Eisenstange vor ihr stand. Er drohte, ihr den Kopf einzuschlagen. Das Ehepaar Peters wird seit Jahren von dem Mann terrorisiert. Doch eine dauerhafte Lösung lässt sich nur schwer finden.

Ein psychisch Kranker Mann aus Münster ist vor dem SEK auf das Dach seines Hauses geflohen
Der psychisch Kranke ist vor der Polizei auf das Dach seines Hauses geflohen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Es ist das, was man immer wieder hört: Es muss erst Blut fließen", sagt Inge Peters. Bei ihrem Nachbarn war bereits mehrfach die Polizei angerückt. Als er im vergangenen Oktober wieder einmal auf Inge Peters losgeht, kommt sogar das SEK. Der Mann flieht aufs Dach. Er leidet an einer schweren Persönlichkeitsstörung. Zum wiederholten Male wird er deshalb in die Psychiatrie eingewiesen.

Von dort aber türmt er, flüchtet auf einen Kran und löst damit einen Großeinsatz der Polizei aus. Derzeit ist er in einer Forensik untergebracht, einer psychiatrischen Spezialklinik für Gewalt- und Straftäter, schwer gesichert wie ein Gefängnis. Ob er dort auf Dauer bleiben muss, prüft derzeit das Landgericht Münster.

Hohe Hürden für Maßregelvollzug

Doch für diesen sogenannten Maßregelvollzug gelten hohe Hürden. Es muss bereits eine Straftat begangen worden sein, eine verminderte Schuldfähigkeit als Folge der psychischen Erkrankung bestehen, und auch künftig eine erhebliche Gefahr durch den Täter erwartet werden. Für Familie Peters heißt das: Weil ihr Nachbar mit schweren Straftaten bislang nur gedroht hat, könnte er bald wieder frei kommen.

Psychiatrischen Gutachterin Nahlah Saimeh
Bei manchen Fällen könne man nur warten, bis die Siutation eskaliert, sagt die Psychiatrische Gutachterin Nahlah Saimeh. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Solche Fälle machen der psychiatrischen Gutachterin Nahlah Saimeh große Sorgen. Denn sie fallen durch alle Maschen. "Der Ist-Zustand ist zurzeit so, dass in bestimmten Fällen man nichts anderes tun kann, als zu warten, dass die Situation eskaliert", sagt sie. Erst dann gebe es eine Handhabe, jemanden in der forensischen Psychiatrie einer Behandlung zuführen zu können.

Dabei gibt es auch noch andere Möglichkeiten. Im bayrischen Ansbach versuchen Ärzte, Gewaltneigungen bei psychisch Kranken zu bekämpfen, ehe sie in der Forensik landen. "Wir machen die Therapie, die sonst erst erfolgt, wenn ein Delikt passiert ist. Aber das funktioniert genauso gut bei dieser Hochrisikogruppe, bevor es passiert", sagt der Chefarzt der Präventionsambulanz Ansbach, Joachim Nitschke.

Wenn die Hilfe angenommen wird

Im Zentrum der Prävention steht eine engmaschige Betreuung - inklusive Hausbesuche durch Psychologen, wie bei einer 38-jährigen Mutter. Sie litt unter Wahnvorstellungen und war mehrfach gewalttätig. Die Ansbacher Ambulanz hat der Frau auch eine WG vermittelt und berät in sozialen Dingen. So konnte sich die Patientin stabilisieren. Ihrem Betreuer gelang, was die psychiatrischen Kliniken nicht schafften.

Chefarzt der Präventionsambulanz Ansbach, Joachim Nitschke
Bis zu 80 Prozent würden mitmachen, sagt der Chefarzt der Präventionsambulanz Ansbach, Joachim Nitschke. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"In der Klinik da gibt es auch keine Therapeuten, Ärzte kommen, schauen dich zehn Minuten an, kriegst 'ne Diagnose, aber man weiß nicht, was ist das", sagt die Patientin. Sie erklärt, nachdem sie die Hilfe angenommen habe, ging es bei ihr langsam bergauf. Das Ansbacher Projekt setzt auf Freiwilligkeit. Bis zu 80 Prozent der Risikopatienten würden aber mitmachen, wenn man sich intensiv um sie bemüht, sagt Leiter Joachim Nitschke.

In Bayern wurde kürzlich beschlossen, das Ansbacher Modellprojekt auf das ganze Land auszuweiten. Andere Bundesländer könnten sich ein Beispiel nehmen. Ob das auch Inge Peters und ihrem Mann mit dem psychisch kranken Nachbarn helfen würde, ist fraglich.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 10. April 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. April 2019, 09:01 Uhr

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