Nord- und Ostsee Offshore-Windparks machen sich den Wind streitig

Die Bundesregierung hat im Herbst beschlossen, den Ausbau der Offshore-Windparks zu beschleunigen. Das sind große, teils mehr als 100 Windräder große Anlagen im Meer. Allerdings gibt es da einen Effekt, der bislang nur wenig beachtet wurde: Windparks schwächen den Wind ab. Warum das so ist und wie groß dieser Effekt ist, wird nun untersucht.

von Niklas Ottersbach, MDR AKTUELL

Das Versetzboot "Detector" fährt durch den Offshore-Windpark "Nordsee 1".
Windparks schwächen den Wind ab. Bildrechte: dpa

Der Wind wird nicht knapp, er wird schwächer. Zumindest, nachdem er auf eine Windkraftanlage trifft. Denn die wandelt die Bewegungsenergie des Windes in Strom um. Auf hoher See spielt das eine viel größere Rolle, weil der Wind dort konstanter und stärker weht, als an Land.

All das sei schon seit Jahren bekannt, sagt Martin Dörenkemper. Der Meteorologe beschäftigt sich am Fraunhofer-Institut damit, welchen Einfluss große Offshore-Parks auf den Wind haben. Bisher ging man davon aus, dass der Wind sich 30 Kilometer nach einem Offshore-Windpark erholt. Sprich, seine alte Stärke wieder hat.

"Erholungsphase" dauert länger

Inzwischen wisse man, dass er noch länger schwächelt, sagt Forscher Martin Dörenkemper. Die neuesten Erkentnisse zeigen, dass es einzelne Situationen gebe, in denen die Nachholeffekte hinter den Windparks 50 bis sogar 100 Kilometer reichen könnten. Die Frage sei aber, wie oft diese einzelnen Situationen vorkommen und welchen Einfluss das auf den Ertrag habe.

Beide Fragen möchte Dörenkemper in einem bundesweiten Forschungsprojekt in den nächsten drei Jahren beantworten. Denn auch wenn der Windnachlass-Effekt nach seinen Worten insgesamt gering ausfällt – Offshore-Windparks kosten ein bis zwei Millarden Euro, sie laufen in der Regel 20 bis 30 Jahre. Über so einen langen Zeitraum würden sich auch kleine Windveränderungen dauerhaft bemerkbar machen. Und zwar durch einen geringeren Stromertrag, sagt der Forscher.

Ehrgeizige Ausbaupläne

Das wiederum wirft die Frage auf: Gibt es ein Platzproblem im Meer? Denn bisher stehen Windparks oft im 30-Kilometer-Abstand. Und die Bundesregierung hat im Herbst ihre Offshore-Ziele erhöht. Bislang war das Ziel 15 Gigawatt Stromleistung aus Offshore-Energie bis 2030. Seit November heißt es: 20 Gigawatt.

Sturmflut über der Nordermole mit Leuchtturm
In Nord- und Ostsee gebe es kein Platzproblem, sagt Salecker vom Bundesamt für Seeschiffahrt. Bildrechte: imago/Susanne Hübner

Hanno Salecker ist einer derjenigen, die das jetzt umsetzen müssen. Er arbeitet im Bundesamt für Seeschifffahrt, das auch die Raumplanung für neue Offshore-Parks übernimmt. Salecker ist sozusagen der Platzanweiser für neue Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee.

Und er sagt: Trotz neu bekanntem Windnachlass-Effekt und ehrgeizigeren Zielen, das Meer sei groß genug. Zugleich räumt er ein: "Es ist eine Herausforderung, das kann man sich ja vorstellen, in dem gleichen Zeitraum dann fünf Gigawatt mehr." Das betreffe aber eher andere Aspekte, wie zum Beispiel den Planungsprozess, die Voruntersuchung dieser Flächen, die Ausschreibung. Und letztlich vielleicht auch logistische Herausforderungen.

Rein vom Platz her sehen wir da kein Problem.

Hanno Salecker Bundesamt für Seeschiffahrt

Zumindest bis 2030, sagt Salecker. Danach soll der Anteil der Erneuerbaren Energien ja weiterhin steigen. Und damit die Zahl der Offshore-Parks.

Europäische Zusammenarbeit

Stefan Thimm denkt da schon größer. Der Chef vom Bundesverband der Offshore-Windparkbetreiber hofft auf Meeresgrenzen übergreifende Windparks. "Wir sind davon überzeugt, dass diese Phase genutzt werden sollte, um diese Kooperation mit den europäischen Nachbarstaaten voranzutreiben. Und um dann auch auf eine großflächige, europäische Meeresraumplanung hinzuarbeiten."

Als Beweis stellt Stefan Thimm eine Rechnung auf: Für die deutsche Nordsee läge das Stromerzeugungspotenzial bei 57 Gigawatt, für die europäische Nordsee bei insgesamt 200 Gigawatt. Genügend Meereswind also, der in den nächsten Jahrzehnten in Strom verwandelt werden kann.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 04. Februar 2020 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Februar 2020, 05:00 Uhr

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