Tierschutz

Wo sich echter Pelz hinter Kunstpelz versteckt

Stand: 19. Februar 2020, 14:30 Uhr

Oft ist künstliches Fell in der Herstellung teurer als echte Pelze, die unter schlimmen Bedingungen gewonnen werden. Der Handel macht offenbar beide Augen zu, der Staat kontrolliert kaum und der Verbraucher wird getäuscht.

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Tierquälerei - Das grausame Geschäft mit den Pelztieren

Es sind schlimme Bilder: Füchse, Marderhund oder Nerze eingepfercht in engen Käfigen. Gezüchtet und gehalten für die Pelzproduktion. In Deutschland geschieht so etwas seit 2019 nicht mehr. Doch viele Kunden tragen inzwischen auch hierzulande echte Pelze aus diesen Farmen – ohne, dass sie es wissen.

Denn dass Echtpelz verarbeitet wurde, lassen einige Textilhersteller einfach weg. "Es gibt mittlerweile Bommelmützen oder Jacken für 10 oder 20 Euro, die in Wirklichkeit Echtpelz enthalten", erklärt Denise Weber vom Deutschen Tierschutzbüro. "Einfach deswegen, weil die Produktion von Echtpelzen mittlerweile wirklich günstiger geworden ist als von Kunstpelz."

In vielen Etiketten fehlt der Hinweis

Tierschützerin Denise Weber. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In einem Leipziger Geschäft fallen Mützen aus Polen auf. Wären die Bommeln aus echtem Pelz, müsste im Etikett zumindest der Hinweis "enthält nichttextile Teile tierischen Ursprungs" vermerkt sein. Doch davon steht dort nichts. Die Verkäuferin sagt: "Da braucht es keinen Hinweis." Doch sie irrt sich. Denn seit 2012 gilt die europäische Textilkennzeichnungsverordnung.

Doch woran könnten Kunden dennoch erkennen, dass es sich gar nicht um künstlichen Pelz handelt? "Das erste, was man machen kann, ist dass man reinpustet. Und wenn das super weich ist, dann ist das schon der erste Hinweis, dass es wahrscheinlich echt ist", sagt Tierschützerin Denise Weber. Ein weiteres Indiz: die lederähnliche Hautstruktur am Haaransatz. Der Feuerzeugtest gibt schließlich letzte Gewissheit. "Wenn man dann dran riecht und es riecht so ganz typisch nach Horn, verbrannten Haaren... Also das ist auf jeden Fall 100 Prozent Echtpelz."

Im Fall der Mütze aus dem Geschäft sieht Denise Weber den Verbraucher "willentlich getäuscht", da nicht auf den ersten Blick erkennbar ist, worum es sich handelt. Theoretisch drohen dafür Bußgelder bis zu 10.000 Euro. Doch in Sachsen wird die Textilkennzeichnung nicht kontrolliert, erklärt das Wirtschaftsministerium gegenüber MDR-exakt. Grund: weder Gesundheit noch Sicherheit der Bevölkerung seien gefährdet.

In vielen Bundesländern keine aktiven Kontrollen

Die Tiere leben unter schrecklichen Bedingungen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine Abfrage von MDR-exakt in den anderen Bundesländern hat ergeben: in Bayern, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und im Saarland wird die Einhaltung der Textilkennzeichnung aktiv kontrolliert. In den meisten anderen Bundesländern werden die zuständigen Behörden und Ministerien erst aktiv, wenn es Hinweise etwa aus der Bevölkerung gibt.

In Europa ist derzeit Polen einer der größten Produzenten von Pelz. Dafür werden in dem Land jährlich etwa fünf Millionen Tiere getötet. Gehalten werden sie auf etwa 800 Farmen mit teilweise mehr als 100.000 Tieren.

Unter welchen Bedingungen sie untergebracht sind, haben Denise Weber und ihre Mitstreiter vom Deutschen Tierschutzbüro dokumentiert. "Sie leiden unter Krankheiten, neigen zu Verhaltensstörungen, Kannibalismus, das heißt, sie fangen an, sich gegenseitig anzufressen", sagt Weber. Zudem würden sich die Pfoten deformieren, da die Tiere nur auf Gitterböden stehen.

Tierschutzgründe: Die meisten lehnen Pelzprodukte ab

Deutschland hat die Haltungsbedingungen für Pelztiere freiwillig verschärft, 2019 schloss hierzulande die letzte Pelzfarm in Nordrhein-Westfalen. Zudem zeigen Umfragen, dass die meisten Deutschen Pelzprodukte aus Tierschutzgründen ablehnen.

Die junge Frau war überzeugt: Ihr Pelz sei nicht echt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch viele wissen offenbar nicht, was sie tatsächlich tragen. Denise Weber hat mehrere Passanten in der Leipziger Innenstadt angesprochen. Eine junge Frau mit Pelzkragen glaubt nicht, dass dieser echt wäre. Davon ist sie fest überzeugt. Der Test mit dem Feuerzeug liefert ein eindeutiges Ergebnis: Es riecht nach verbrannten Haaren. Die Jacke sei ein Geschenk, sagt sie. Einen echten Pelzkragen würde sie sich nie kaufen.

Sogar in einer Edelboutique entdeckt MDR-exakt eine Bommelmütze für 150 Euro mit echtem Pelz – doch ohne Hinweis im Etikett. Die Verkäuferin sagt dazu: "Ja, das ist Echtpelz. Aber wir sind als Boutique nah am Kunden dran und können bei Unklarheiten aufklären."

Doch das reicht eben nicht. Die Mitarbeiter rufen die Besitzerin der Boutique an, die mit MDR-exakt  sprechen möchte. Denise Weber berichtet ihr von der fehlenden Kennzeichnung. Die Chefin gelobt Besserung und lässt die betroffenen Artikel aus dem Sortiment nehmen.

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 19. Februar 2020 | 20:15 Uhr