Mangelnde Kontrolle Rinder verhungern im Naturschutzgebiet

Es sollte ein Vorzeigeprojekt sein, doch in einem Naturschutzgebiet verhungern Rinder und den Vögeln geht es schlecht. An der "Wilden Weide" in Thüringen sind sowohl das Umweltministerium als auch der NABU beteiligt. Was ist passiert?

Es sollte eine Idylle für die Tiere sein - die sogenannte Wilde Weide bei Dankmarshausen: Robuste Rinder und Pferde halten das Naturschutzgebiet von Sträuchern frei, so sollten sich Amphibien und Vögel besser vermehren können. Doch etliche Rinder verhungern. Wie konnte es dazu kommen?

Der Naturschutzbund Thüringen (NABU) hat das ambitionierte Beweidungsprojekt 2015 initiiert. Anfangs weideten dort 19 sogenannte Heckrinder. Daraus wurden schließlich 90 -  zu viele für die 71 Hektar Weidefläche. Maximal 40 Rinder und Pferde dürften hier grasen, so steht es in den Pachtverträgen. Zu viele Tiere stören die Brutvögel, außerdem könnte das Futter knapp werden.    

Tote Rinder im Naturschutzgebiet
Verhungerte Tiere: Teilweise hätten die Verantwortlichen über Tage nichts bemerkt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im vergangenen Jahr gab es 14 tote Rinder, im Februar dieses Jahres sind noch einmal sechs weitere gestorben. "Ich hab alle darauf hingewiesen, aber keiner hat sich gekümmert", sagt ein Informant gegenüber MDR-exakt, der anonym bleiben will. Weil nicht zu gefüttert worden sei, wären die Tiere verhungert. Zudem hätten dies auch die Verantwortlichen über Tage nicht bemerkt.

Knochen treten unter der Haut hervor

Für die Betreuung der Rinder und Pferde ist die Tierproduktion Dankmarshausen zuständig. Gegen den Chef stellte das zuständige Veterinäramt Strafanzeige - wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz nach dem Vorfall im Februar. Seitdem gibt es Auflagen: zusätzliches Heu für die Rinder, die Anzahl der Tiere soll sofort reduziert werden. Die Tiere müssen auf der Weide geschossen, danach geschlachtet werden. Der Chef will sich dazu nicht äußern. "Weil das nun doch ein Verfahren geworden ist", sagt er.

Tote Rinder im Naturschutzgebiet
Der Rentner Götz Krapf hat das Naturschutzgebiet mit entwickelt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Den Tieren ist der Nahrungsmangel deutlich anzusehen. Bei einigen treten die Knochen unter der Haut hervor. Wenigstens diese Rinder hätten dringend aus der Herde genommen werden müssen. Dabei sei der Landwirt bereits mehrfach aufgefordert worden, dies zu tun. "Es gibt diese Aufforderungen und er hat auch diesen Aufforderungen zugestimmt", sagt Götz Krapf. Der Rentner hat das Naturschutzgebiet in der Umweltbehörde des Landes mit entwickelt. Dennoch ist nichts geschehen. "Nur die praktischen Umstände haben das bisher nicht im ausreichenden Maße umsetzen lassen", sagt Krapf ärgerlich. 

Das Gesamtkonstrukt der "Wilden Weiden" ist komplex: Projektträger ist der NABU Thüringen. Das Umweltministerium Thüringen und die Stiftung Naturschutz sind Eigentümer des Gebietes. Das Landratsamt soll über das Tierwohl und den Naturschutz wachen. "Die Vielzahl der Projektbeteiligten sind Teil des Problems", sagt Krapf. Die Kontrollen hätten über Jahre versagt.

Wilde Weide: Es ging bereits mehrfach schief

Tote Rinder im Naturschutzgebiet
Das Gesamtkonstrukt der "Wilden Weiden" ist komplex - viele sind beteiligt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch warum ist selbst dem NABU nichts aufgefallen? Dieser teilt schriftlich mit, er habe dort nur den Zaun gebaut. Dabei haben die Naturschützer zahlreiche "Wilde Weiden" deutschlandweit ins Leben gerufen und betreut. Doch mehrfach gab es große Probleme. 2008 sterben 16 Heckrinder im niedersächsischem Leer, wegen mangelnder Versorgung mit Futter. 2013 ertrinken in Stendal Tiere, weil sie vor dem Hochwasser nicht rechtzeitig evakuiert werden.

Aufgrund der häufigen Probleme hat Tierärztin Ulrike Adrian für die "Wilden Weiden" Leitlinien aufgestellt. Es handele sich bei Heckrindern eher um Haustiere. Das bedeutet: "Ich brauche eine Betreuungsperson, die sachkundig ist, die auch mein Ansprechpartner als sachkundiger Tierhalter ist und ein Betreuungstierarzt", sagt sie.

Würden die Rinder ordentlich betreut, könnte es auch den Vögeln besser gehen. Dass es denen schlecht geht, bestätigt der Biologe Frank Meyer, der das Projekt begutachtet und einen Managementplan im Auftrag des Freistaates erstellt hat.  

Immerhin, das Thüringer Umweltministerium will nun endlich tätig werden: Wenn die Maßnahmen nicht umgesetzt werden, dann werde "sowohl der Pachtvertrag mit der Stiftung Naturschutz Thüringen als auch der Pachtvertrag mit der Thüringer Landgesellschaft aufgelöst", sagt ein Sprecher.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 17. April 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. April 2019, 21:48 Uhr