Interview mit Miro Dittrich "Es tauchen massenhaft Leute in die Verschwörungswelt ab"

Miro Dittrich beobachtet für die Amadeu-Antonio-Stiftung das Geschehen in rechtsextremen Online-Foren: Ihm ist der Zulauf aufgefallen, den rechtsextreme und andere Verschwörungsideologen in der Corona-Pandemie verzeichnen – eine gefährliche Tendenz, die auch in Gewalt münden könnte.

Frage: Stimmt es, dass zurzeit immer mehr Menschen zum Glauben an Verschwörungsmythen neigen?

Miro Dittrich: "Ja, auf jeden Fall. Wir haben eine deutliche Explosion gesehen. Einige der Kanäle in den sozialen Netzwerken  haben ihre Nutzerzahlen sogar verdoppelt. Ich sehe gerade eine sehr große Gefahr darin, dass massenhaft neue Leute in diese Verschwörungswelt eintauchen."

Welchen Einfluss hat dabei die Corona-Pandemie?

"Also wir kennen das von Krisen, dass da Menschen sehr schnell zu Verschwörungserzählungen kommen. Doch diese Krise zeichnet sich besonders aus, weil die Menschen alleine zuhause sind – abgekoppelt von ihrem normalen sozialen Umfeld – und den ganzen Tag online verbringen."

Die Menschen sitzen allein zu Hause am Rechner. Worin liegt – spitz gefragt – die Gefahr?

"Diese Menschen werden in ein apokalyptisches Weltbild geholt, es droht ein Untergang, da entsteht ein großer Handlungsdruck und der wird sich leider in Gewalt entladen."

Warum glauben Sie das?

"In den USA gab es leider schon mehrere Fälle, in den Menschen, die von verschiedenen Verschwörungserzählungen überzeugt waren, gewalttätig geworden sind. Es gab einen Mann, der mit einem mit Sprengstoff beladenen Auto zu einem Krankenhaus gefahren ist, um es in die Luft zu jagen. Das wurde zum Glück verhindert. Es gab ein Mann, der einen Zug entgleisen lassen hat, um ein Rettungsschiff anzugreifen. In England wurden bereits mehr als 60 Sendemasten angezündet. Und auch in Deutschland haben bereits erste Masten gebrannt."

Man sieht deutlich, dass in diesen ganzen Gruppen auf Telegram, die gerade explodieren an Usern, dass dort Leute sagen, wir müssen jetzt Gewalt anwenden. Und es gibt Leute, die Politiker kommentieren mit: 'der muss mal abgeknallt werden'. Also es ist eine Szene, die sich für sich eine Rechtfertigung für Gewalt geschaffen hat."

Welche Absicht verfolgen Verschwörungsideologen, die solche Erzählungen verbreiten?

"Sehr wichtig ist für die sogenannten Accelerationists, also Leute, die den Untergang beschleunigen wollen, dass sie sagen: jetzt könne man super Masken tragen und Terrorakte verüben und niemand merkt es. Jetzt müsse man gerade das Chaos, diesen Ausnahmezustand, noch mehr ins Extreme treiben, um noch mehr Unruhe auszulösen, um einen instabileren Staat zu haben, den man dann durch einen Bürgerkrieg stürzen kann. Aber neu ist das nicht, die Probleme haben wir seit Langem in unserer Gesellschaft. Leider wurden sie viel zu sehr belächelt. Das holt uns jetzt in der Krise ein."

Was haben Verschwörungsideologen und Rechtsextreme gemeinsam?

"Die Kernthesen sind bei beiden zu finden: ein böse Elite, die dir etwas Schlechtes will und alle Medien werden vom Staat und der Elite gesteuert und nur die alternative Presse berichtet die Wahrheit. Wenn man Menschen gegenüber Informationen, die von verlässlichen Quellen kommen, immunisiert und sie so in Wahnwelten zieht, ist natürlich eine Propaganda von rechtsextremen Inhalten viel einfacher."

 Das heißt, von der Krise können Rechtsextreme profitieren?

"Ja, auf jeden Fall. Das liegt auch daran, dass Rechtsextreme und Verschwörungsideologen keine Berührungsängste haben. Sie arbeiten miteinander oder sie empfehlen die Kanäle."

Warum ist diese Krise anders im Vergleich zu vorherigen?

"All diese Dinge brodelten schon lange in unserer Gesellschaft. Die kochen nun nach oben und haben eine Reichweite, die wir noch nie gesehen haben. Ich beobachte die Szene schon seit über vier Jahren, und stelle fest, das wir gerade einen vollkommenen Wahnsinn sehen und der Bezug zur Realität fehlt vollkommen. Jetzt steigen auch noch viele Prominente neu ein. Das hatten wir noch nie."

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 06. Mai 2020 | 20:15 Uhr