Waldsterben Masterplan oder Selbstheilung? – Was tun mit dem Wald?

Bundesweit haben Stürme, Dürre und Borkenkäfer seit dem vergangenen Jahr mehr als 100.000 Hektar Wald zerstört. Um den Wald wieder aufzuforsten gibt es unterschiedliche Konzepte – von der Suche nach resistenteren Bäumen bis hin zum „einfach wachsen lassen“.

Ein Wald aus Vogelperspektive mit riesigen Arealen abgestorbener Bäume. 8 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Masterplan soll den deutschen Wald retten. Vorgestellt wurde er im Sommer von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner und Fachministern aus den Ländern auf einem Waldgipfel im sächsischen Moritzburg. Die CDU-Minister forderten 800 Mio Euro Hilfe vom Bund. Das Geld soll für akute und langfristige Maßnahmen eingesetzt werden, hieß es in der „Moritzburger Erklärung“.

Aktionismus oder Strategie?

Eine halbe Milliarde Euro soll vom Bund kommen. Etwa zur Beseitigung von  vom Borkenkäfer befallenem Holz. Die Bundeswehr soll antreten gegen den krabbelnden Feind. Schulklassen sollen Bäume pflanzen –zur Wiederaufforstung.  Doch nicht alle sehen die im Plan aufgeführten Maßnahmen als sinnvoll an. Forstingenieur Rolf Steffens leitete lange die Naturschutz-Fachbehörde Sachsen. Er warnt vor unüberlegtem Geldausgeben.

Ich kann ja damit leben, dass die Forstwirtschaft zusätzliches Geld braucht für forstsanitäre Maßnahmen. Aber für diese massenhafte Wiederaufforstung mit Baumarten, deren Zukunft wir nicht kennen, würde ich keinen Euro ausgeben.

Dr. Rolf Steffens, Naturschutzbeauftragter Land Sachsen MDR exakt

Zusammen mit prominenten Waldaktivisten, Naturschützern, Forstbesitzern, Wissenschaftlern und Vertretern fast aller Umwelt- und Naturschutzverbände unterschrieb Steffens einen offenen Brief an Ministerin Klöckner. Sie fordern eine "konsequente Abkehr von der Plantagenwirtschaft", "Ruhepausen für den Wald" und "mehr Naturnähe".

Der 75-jährige Rolf Steffens hat gut Gründe für diese Forderungen. Er erlebte bereits eine Waldkatastrophe - vor 30 Jahren auf dem Kamm des Erzgebirges. Ende der 1980er-Jahre gab es laut Steffens in Sachsen auf zwei Drittel der Nadelwaldbestockung Emissionsschäden, sprich Rauchschäden. Etwa 30.000 Hektar seien abgestorben - im Erzgebirge, in der Sächsischen Schweiz und im Zittauer Gebirge. Deshalb pflanzte man damals sogenannte "rauchharte" Bäume. Doch die meisten dieser Bäume haben nicht überlebt.

Monokultur löst Monokultur ab

Auch der Privatwald-Förster Karsten Bergner sieht die von der Politik geplante Mega-Aufforstung kritisch – vor allem bezüglich der Auswahl der Baumsorten. Bei Förderprogrammen werde den Waldbesitzern immer vorgeschrieben, welche Baumsorten verwendet werden dürfen. So seien in den vergangenen Jahren Nadelholz-Monokulturen durch Laubholz-Monokulturen abgelöst worden. So wurde zum Beispiel die heimische Rot-Buche verstärkt angepflanzt, weil sie als besonders robust bei Klimastress galt. Doch nach zwei Dürresommern in Folge starben die Rot-Buchen auf Hunderten Hektar ab.

In der Dresdner Heide glaubte man 2006 den Baum der Zukunft gepflanzt zu haben: die amerikanische Douglasie. Die gilt als  trockenresistent. Doch offenbar ist es zu trocken für die amerikanische Douglasie - sie gedeiht nicht in der Dresdner Heide. Auch die im letzten Jahrhundert hier großflächig angepflanzte Fichte sei nicht gut geeignet für die heimischen Wälder, sagt Revier-Försterin Uta Krause. Der Baum wächst schnell und bringt gute Erträge als Bauholz. Doch nun sind es vor allem die Fichtenbestände, die Opfer der Borkenkäfer werden. Monokulturen bergen hohe Risiken. Als stabiler gilt der Laubmischwald. Doch in der Realität wurden massenhaft reine Fichten- und Kiefernwälder gepflanzt. So standen in Sachsen zur Wendezeit 80 Prozent Nadelbäume im Wald. 2019 sind es noch immer 75 Prozent. Es hat sich also wenig geändert.

Ist Urwald eine Lösung?

Im Erzgebirge, rings um die Lugsteine bei Zinnwald war vor 30 Jahren alles kahl. Niemand hat hier aufgeforstet. Auf 50 Hektar wuchs ganz von selbst ein junger Urwald  – mit Karpatenbirke, Moorbirke, Aspe, Rot-Erle, Salweide, Bergahorn.

Rolf Steffens, der Naturschutzbeauftragte des Freistaats Sachsen glaubt, dass der Wald genügend Potenzial hat, sich von selbst zu ändern. Steffens setzt statt auf vorgeschrieben Aufforstung und der Suche nach dem „Superbaum der Zukunft, auf  vielfältige Laub-Mischwälder mit hoher Arten Vielfalt und  innerartlich genetischer Vielfalt.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 25. September 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. September 2019, 12:30 Uhr

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