Interview mit Leiter Gesundheitsamt Hennig: "Wir haben die Gesundheit der gesamten Stadt im Blick"

Krankenhäuser und Trinkwasser überwachen, Kinder untersuchen oder Einsätze bei Katastrophen – die Aufgaben der Gesundheitsämter sind groß, doch die Bezahlung der Amtsärzte zu gering, um junge Ärzte für diesen Beruf zu gewinnen, sagt Eike Hennig. Der Amtsleiter im Gesundheitsamt Magdeburg erklärt im Interview, warum sich das ändern muss.

Eike Hennig
Eike Hennig leitet das Gesundheitsamt der Stadt Magdeburg. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Frage: Welche Aufgaben hat ein Gesundheitsamt, unabhängig von Corona?

Eike Hennig: "Ein Gesundheitsamt hat vielfältige Aufgaben, allesamt sind gesetzlich geregelt. Fangen wir an mit Überwachungsaufgaben: Wir gucken uns Krankenhäuser an, was die Hygiene betrifft, Arztpraxen, sämtliche Gemeinschaftseinrichtungen kontrollieren wir auf hygienische Zustände. Wir wollen dort helfen und Mängel gemeinsam beseitigen. Das ist unsere Aufgabe in der Überwachung.

Wir haben einen großen Bereich der Kinderärzte: Dazu gehören Jahrgangsuntersuchungen für Kinder. Die meisten kennen die Einschul-Untersuchung, die ja so mit fünf Jahren stattfindet, wo wir gemeinsam mit der Schule entscheiden, in welche Richtung dieses Kind geht. Ist es die Regelschule oder muss man auch eine Förderschule in Betracht ziehen.

Wir haben einen großen Bereich Umweltmedizin, was auch wichtig ist. Dazu gehört Überwachung von Trinkwasser. Trinkwasser ist ein hohes Gut, ist ein Lebensmittel, das muss immer einwandfrei sein. Und wir kontrollieren auch Badegewässer.

Dann gibt es auch eine Medizinalstatistik: Wir müssen wissen, wer in der Stadt in Medizinberufen tätig ist. Das ist auch wichtig für eine mögliche Katastrophen-Planung. Das ist nächste Stichwort: Wir haben eine große Rolle in Katastrophen und Pandemiegeschehen.

Und dann sind wir auch noch in der sozialen Beratung von Menschen etwa mit HIV oder Krebserkrankungen tätig. Es gibt den amtsärztlichen Dienst. Das sind sehr viele Gutachten für Angestellte, für Beamte, die wir erstellen als unabhängige, medizinische Behörde. Und noch ein paar weitere wichtige Aufgaben."

Welche Aufgaben hat ein Amtsarzt, die niemand sonst übernehmen kann?

"Amtsärzte haben hoheitliche Aufgaben. Der Amtsarzt entscheidet also in eigener Verantwortung über Maßnahmen zum Beispiel nach dem Infektionsschutzgesetz oder nach anderen Gesetzen, die er im Grunde nicht vor der Verwaltungsleitung rechtfertigen muss, weil es hoheitliche Aufgaben sind. Der Amtsarzt, wird also zum Beispiel entscheiden, welche Maßnahmen in einer Schule ergriffen werden bei positiven Corona-Fällen. Wir Amtsärzte werden nicht von der Verwaltungsspitze kontrolliert, sondern von der Fachaufsicht, die im Landesverwaltungsamt ist.

Die Amtsärzte unterschreiben auch medizinische Gutachten, zum Beispiel für Beamte oder Angestellte. Sie entscheiden, was beim Trinkwasser zu tun ist, was beim Badewasser zu tun ist. Amtsärzte wachen grundsätzlich über die gesundheitliche Lage einer Bevölkerung. Wir haben nicht den Überblick über die Gesundheit des Einzelnen, sondern wir haben den Überblick über die Gesundheit der gesamten Bevölkerung in einer Stadt. Das kommt insbesondere natürlich in Pandemien oder in Krisensituationen zur Geltung, wo auch der Amtsarzt einen Sitz im Katastrophenstab hat als Berater. Das haben wir in den letzten Jahren beim Hochwasser erlebt. Dort hat der Amtsarzt die Aufgabe, Fachberater im Bereich Medizin zu sein für die Entscheidung des Stabes. Also das ist eine vielfältige Aufgabe, die gesetzlich geregelt ist."

Warum ist es problematisch, dass es offensichtlich einen Mangel an Amtsärzten gibt?

"Es ist in der Tat so: Wir haben einen Mangel deutschlandweit an Amtsärzten. Und wir werden in den nächsten Jahren noch massiv Probleme bekommen. In Sachsen-Anhalt ist es so, dass wir Amtsärzte haben, die leider überaltert sind. Das heißt, in den nächsten Jahren wird ein Großteil der Amtsärzte in Rente gehen. Und aus meiner Sicht ist im Moment kein Nachwuchs in Sicht. Amtsärzte müssen eine bestimmte Ausbildung haben, das ist ein eigenständiger Facharzt, der heißt Facharzt für öffentliches Gesundheitswesen. Und wer den nicht hat, kann kein Amtsarzt sein, das ist auch geregelt im Gesetz. Und ich weiß, dass im Land Sachsen-Anhalt derzeit keine Ausbildungen stattfinden zu diesem Facharzt. Das heißt, es ist einfach logisch, dass wir in der amtsärztlichen Besetzung der Gesundheitsämter große Sorgen kriegen werden in der nächsten Zeit. Ich weiß auch, dass in anderen Bundesländern die Lage ähnlich ist, sodass wir auch nicht hoffen können, dass jetzt aus anderen Bundesländern hier Stellen besetzt werden können in Sachsen-Anhalt."

Was passiert, wenn in einer Kommune kein Amtsarzt mehr da ist?

"Wenn kein Amtsarzt mehr einem Amt ist, dann muss zunächst das Amt geführt werde, das ist die Verwaltungsschiene. Das bedeutet, die Verwaltungsstruktur Gesundheitsamt muss geführt werden. Das wird eine andere Berufsgruppe übernehmen. Das halte ich nicht für gut, aber ich habe keine andere Lösung. Und was die amtsärztlichen Aufgaben betrifft: Das kann nur ein Amtsarzt. Das heißt, dann müssen möglicherweise Amtsärzte aus benachbarten Landkreisen unterstützen. Das muss gesetzlich geregelt werden im Land Sachsen-Anhalt, damit das geht. Also wir haben hier wirklich ein Problem, wo wir uns zusammensetzen müssen und Lösung finden müssen."

Wen sehen sie in der Pflicht, um diesem Mangel an Amtsärzten zu begegnen? Wer muss da endlich was tun?

"Wir müssen mit der Politik, mit dem Sozialministerium, auch mit den Verwaltungsspitzen, also den Oberbürgermeistern und Landräten in einen Dialog treten, um zu besprechen, wie wir dieses Problem lösen. Es wird ein langfristiger Weg sein, es kann nicht kurzfristig gelöst werden. Aber wir müssen jetzt beginnen."

Warum ist denn der Job des Amtsarztes so unattraktiv, warum will keiner mehr Amtsarzt sein?

Jens Spahn
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Bildrechte: dpa

"Es ist in der Tat so, dass sowohl der Amtsarzt-Beruf, als auch der Arztberuf im Gesundheitsamt - das ist ja noch mal etwas anderes - im Moment nicht attraktiv sind. Wir sind in der Gehaltsfrage - ich muss das so ansprechen wie es ist - das Schlusslicht. Das bedeutet, bei einem generellen Ärztemangel in Deutschland, auch in Sachsen-Anhalt, ringen sozusagen die einzelnen Institutionen, die Ärzte anstellen wollen, um die wenigen Köpfe. Und dort ist keine Gleichberechtigung. Das bedeutet, dass der Arzt im Gesundheitsamt immer noch deutlich weniger Geld bekommt als die Ärzte in den Krankenhäusern oder beim Meidizinischen Dienst der Krankenkassen. Und wenn das so bleibt, werden wir hier keine Lösung finden. Wir werden kein Nachwuchspersonal bekommen, weil die Frage nach dem Gehalt natürlich auch gerechtfertigt ist."

Wie könnte sich das ändern?

"Ziel ist, dass wir dem Tarifvertrag der Krankenhausärzte angeglichen werden. Natürlich haben die Ärzte in Krankenhäusern Nachtdienste, das wird auch zusätzlich vergütet. Das ist unbenommen, das ist klar. Ich war elf Jahre im Krankenhaus. Ich weiß, was das bedeutet. Aber ohne diese Angleichung an den Tarifvertrag der Klinikärzte habe ich keine Hoffnung. Das muss passieren. Wir haben auch Unterstützung von der Bundesärztekammer in dieser Frage und möglicherweise wird der Pakt für den ÖGD (Öffentlichen Gesundheitsdienst) von Bundesgesundheitsminister Spahn ja auch noch mal ein Signal setzen."

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Dieses Thema im Programm: Das Erste | FAKT | 01. September 2020 | 21:45 Uhr

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