Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge Den Opfern eine Identität geben

Dort, wo Waldspaziergänger entlanglaufen, starben während der Weltkriege abertausende Menschen - und zum Teil liegen ihre Überreste noch immer dort, unentdeckt. Seit 100 Jahren spürt der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge solche Kriegsopfer auf. Für viele die einzige Chance, etwas über das Schicksal ihrer Angehörigen zu erfahren.

Noch immer werden Fliegerbomben und Munition gefunden. Noch immer liegen Überreste Tausender Menschen in den Wäldern – mitten in Deutschland. Das ist auch fast 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges so. Doch noch immer wissen Familienangehörige nicht, was aus ihren Verwandten damals geworden ist.

Eine wichtige Anlaufstelle für die Söhne oder Töchter von im Krieg gefallenen Menschen ist der "Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge". Der gemeinnützige Verein mit humanitärem Auftrag ist vor 100 Jahren gegründet worden und hilft Angehörigen bei der Gräbersuche.

Fotomontage: historisches Bild von Kriegsopfern zwischen Bäumen in einem Wald
In nur drei Tagen verlieren mindestens 60.000 Menschen in dem Waldstück ihr Leben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

So wie etwa rund um Halbe – einer Gemeinde 60 Kilometer südlich von Berlin. Dort tobte Ende April 1945 eine erbitterte Schlacht: Die deutschen Truppen sind auf dem Rückzug, im Schlepptau haben sie viele Zivilisten und Kriegsgefangene. Bei Halbe werden sie von der Roten Armee eingekesselt. In nur drei Tagen verlieren mindestens 60.000 Menschen dort ihr Leben: Sowjetsoldaten, deutsche Soldaten und Zivilisten.

Ein Toter war Mitglied der der Waffen-SS

"Wir haben Sowjetsoldaten gefunden, die in deutschen Uniformen steckten. Wir haben Kriegsgefangene festgestellt. Frauen, Kinder. Alles. Das ist Wahnsinn", berichtet Joachim Kozlowski vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Der 47-Jährige ist schon seit einiger Zeit damit beschäftigt, in einem Waldstück bei Halbe sterbliche Überreste zu bergen. Bei einer Routine-Suche nach Munition hat der Kampfmittelbeseitigungsdienst dort Knochen gefunden – zunächst einen Schuh samt Unterschenkelknochen.

Kriegsgräber
Durch die gefundene Erkennungsmarke wird klar, der Tote war ein Mitglied der Waffen-SS. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Während Joachim Kozlowski den Waldboden an der Stelle vorsichtig abtastet, kommen Stück für Stück weitere menschliche Überreste zum Vorschein: Knochen, Schädel – und eine Brusttasche. Darin findet Kozlowski eine Erkennungsmarke. "Ja, sieht gut aus. Da sind jetzt natürlich sogar noch ein paar Papierreste drin."

Als die Marke am folgenden Tag gereinigt wird, kommt die persönliche Nummer des Gefallenen zum Vorschein und dessen militärische Einheit ist zu erkennen. Der Tote war Mitglied der Waffen-SS. Doch welcher Name steckt hinter der Nummer auf der Marke? Im Bundesarchiv in Berlin lagern Millionen Akten aus den beiden Weltkriegen – inklusive des Erkennungsmarkenarchivs.

Waldfriedhof letzte Ruhestätte für über 24.000 Menschen

Doch für "für SS-Einheiten – das war nämlich eine SS-Marke – haben wir hier überhaupt keine Unterlagen vorliegen, keine Erkennungsmarkenverzeichnisse", sagt laut Birgit Wulf vom Bundesarchiv. Für diesen Soldaten lässt sich keine Identifikation anhand der Marke durchführen. "Denn die SS hatte seinerzeit eine eigene Meldestelle. Und dort sind die Unterlagen zum Kriegsende hin vernichtet worden."

Kriegsgräber
Joachim Kozlowski schätzt, dass noch immer tausende Tote nicht geborgen wurden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auf dem Waldfriedhof bei Halbe ist die letzte Ruhestätte von über 24.000 Menschen, die bei der Kesselschlacht ums Leben gekommen sind. Joachim Kozlowski schätzt, dass noch immer tausende Tote nicht geborgen wurden. "Da sind Bereiche, die wurden noch gar nicht abgesucht."

Auf dem dortigen Waldfriedhof sind viele bestattet, denen ihr Name und ihre Identität durch die Arbeit der Kriegsgräberfürsorge zurückgegeben wurde. Kozlowski schaut auf die Grabsteine – viele starben, als sie so alt waren, wie seine Kinder heute: "Mein Sohn ist 18, meine Tochter ist 20, der ist 19. Das sind ganz junge Menschen, das sind Kinder."

Wie alt der SS-Mann war, wo er herkam, ob er Familie hatte und ob und welche Verbrechen er im Krieg begangen hat, lässt sich in seinem Fall nicht mehr feststellen. Doch auch er bekommt seine letzte Ruhestätte auf dem Waldfriedhof.

Für die Personen- und Ahnenforschung: Bundesarchiv
Eichborndamm 179
13403 Berlin
Tel.: 030/41904-440
Fax: 030/41904-155

www.bundesarchiv.de

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 07. August 2019 | 20:15 Uhr

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3 Kommentare

10.08.2019 14:59 part 3

Von deutschen offiziellen Stellen lassen sich oftmals keine oder nur wenige Informationen ergattern, besonders was den Seekrieg anbetrifft. Von britischen Stellen dafür um so mehr, dort wurde alles genau archiviert und erfasst, auch vom Gegner. So lassen sich Einzelschicksale bis auf Tag und Stunde genau nachverfolgen.

10.08.2019 09:56 Martha 2

Auch beim Roten Kreuz kann man nachfragen ,sie haben viele Unterlagen aus Rußland bekommen. In Rußland bemüht man sich den dort gefallen ,umgebrachten und in Lagern gestorbenen Feinden eine würdige Stätte zu geben.

10.08.2019 08:35 optinator 1

Es ist schon schrecklich das die Schicksale vieler Menschen während des 2. Weltkrieges nicht geklärt sind.

Meine beiden Opas waren auch im Krieg, sind aber gesund zurück gekommen.