Herbst '89 Trotz Schlagstöcken und Handschellen - Warum die 1989er-Revolution friedlich verlief

Vor 30 Jahren demonstrierten tausende DDR-Bürger gegen Partei – und Staatsführung. Bis heute wird immer wieder der friedliche Verlauf der Proteste betont. Doch dass es keine massiven Opfer zu beklagen gab, lag vor allem an den Menschen, die eigentlich verpflichtet gewesen wären, gegen die eigenen Kollegen, Freunde und Familie vorzugehen und diesen Befehl verweigerten.

Wende Herbst 89 Plauen
Bildrechte: BStU

Am 7. Oktober 1989 feierte die DDR ihren 40. Geburtstag. Doch während Honecker und Co mit Michael Gorbatschow anstoßen, rumort es längst gewaltig. Tausende DDR-Bürger sind bereits über Ungarn geflohen – andere gerade nach wochenlangem Ausharren in der Prager Botschaft ausgereist. Der Unmut bei vielen Zurückgebliebenen wächst. Montag für Montag kommen mehr zu den Demonstrationen. Fordern Reisefreiheit, freie Wahlen und Meinungsfreiheit. Auch wenn Polizei und Armee im Einsatz sind, blutige Zusammenstöße, wie etwa auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking, bleiben aus. Bis heute spricht man von der "friedlichen Revolution".

Schikanen in Plauen

Im sächsischen Plauen sind  die Proteste im Herbst 89 besonders heftig. Klaus Vetter arbeitet 1989 als Justizbeamter in der Haftanstalt in Plauen. Er macht damals Fotos von verhafteten Demonstrationsteilnehmern. Diese wichtigen Zeitdokumente stellt Vetter jetzt dem ARD-Magazin "FAKT" für eine Veröffentlichung zur Verfügung. Auf den Fotos ist deutlich zu sehen: Die Polizisten trugen Schlagstöcke. Verhafteten waren mit Handschellen fixiert, mussten so teilweise in sehr unbequemen Positionen ausharren.

So standen wir dann die ganze Nacht. Ich kann auch keine Zeitangaben mehr machen, das waren bestimmt drei, vier, fünf Stunden. Es wurden Leute auch zusammengeknüppelt. Paar Meter von mir stand einer, der musste einfach mal und hat das dann deutlich gesagt, dass er mal muss. Daraufhin ist er dann von zwei Leuten zusammengeschlagen worden, also niedergeknüppelt worden.

Jens Bühring, Zeitzeuge FAKT im Ersten

Die Fotos zeigen das wahre Gesicht des kleinen Landes. Das System unterdrückt seine Gegner. Der Umgang mit den Regimekritikern grenzt an Folter. Selbst einigen Funktionsträgern wird es damals viel wurde. Auch dem Justizbediensteten Klaus Vetter, der die Szenen fotografiert hat, ist es damals mulmig zumute.

Das war schon eine Situation, wo ich dann auch gedacht habe, das ist schon die Grenze, was man solchen Leuten zumuten tut.

Klaus Vetter, ehem. Justizbediensteter FAKT im Ersten

Kampfgruppenmitglieder verweigern Einsatz

Den staatlichen Organen fällt es zunehmend schwer, die Lage in den Griff zu bekommen. Hinzu kommt: Sie können sich der eigenen Truppen nicht mehr sicher sein. Etwa den bewaffneten Kampfgruppen der Volkseigenen Betriebe, die im Ernstfall zum Einsatz gerufen werden konnten.

Als zwei Tage vor dem 7. Oktober, dem "Tag der Republik" die Züge mit den Botschaftsflüchtlingen aus Prag durch Plauen in die Bundesrepublik rollen, sollen die Kampfgruppen dafür sorgen, dass niemand aufspringt und dass es nicht zu Sympathiebekundungen der Bevölkerung kommt. Norbert Siegert ist damals Mitglied der Kampfgruppe eines Maschinenbaukombinats. Er wird abends 22 Uhr herausgeklingelt, erinnert sich Siegert in "FAKT", soll zum Einsatz. Doch er habe sich geweigert.

Aber ich hab gesagt ich mach das nicht und ich bleibe zu Hause. Ich bin nicht gewillt, gegen Bürger, gegen Menschen unseres Landes, unserer Stadt mit einer Waffe in der Hand vorzugehen oder ihnen entgegenzutreten.

Norbert Siegert FAKT im Ersten
Wende Herbst 89 Plauen
Demonstration in Plauen, Herbst 1989 Bildrechte: BStU

Am 7. Oktober demonstriert in Plauen die Bevölkerung gegen das DDR-Regime. Auf dem Postplatz versammeln sich 10.000 bis 15.000 Menschen zur größten Demonstration, die es in der DDR seit dem Aufstand im Juni 1953 je gab. Um 16:50 Uhr droht die Lage aus Sicht der Staatssicherheit außer Kontrolle zu geraten. 320 Kampfgruppenmitglieder werden in volle Gefechtsbereitschaft versetzt. Doch es erscheinen nur 121. Daraufhin werden alle 1.000 Plauener Kämpfer alarmiert, von denen sage und schreibe nur 92 antreten.

Auch die Feuerwehrkameraden verweigern sich

Da die Volkspolizei in Plauen keine Wasserwerfer hat, weist sie die Feuerwehr an, mit Löschfahrzeugen gegen die Demonstranten vorzugehen. Mit der Berufsfeuerwehr wird auch die Freiwillige Feuerwehr alarmiert. Gerold Kny ist damals Wehrleiter bei der FFW Plauen. Die Kameraden der FFW seien sich von Anfang an einig gewesen, so Kny, dass sie diesen gegen die eigene Bevölkerung gerichteten Befehl gerichteten Befehl nicht ausführen werden.

Über Sprechfunk habe er mit gehört, so Kny, dass auch der Leiter der Berufsfeuerwehr sich zunächst weigerte, den Befehl auszuführen. Dann aber habe die Polizeiführung die Befehlsgewalt über die Berufsfeuerwehr übernommen.

Protestbrief an den Rat der Stadt

Am nächsten Tag schreibt Gerold Kny zusammen mit vier weiteren Feuerwehrleuten einen Protestbrief an den Rat der Stadt. Darin verurteilt er den Einsatzbefehl, der Leben und Gesundheit friedlicher Bürger gefährdet hat. Der Brief sei "aus dem Bauch heraus" entstanden, ohne viel Nachzudenken, einfach mit Mut. In Plauen fanden im Herbst 1989 außergewöhnlich viele Menschen den Mut zum Widerstand. Ob als Demonstranten oder als Menschen, die sich weigerten, gegen diese Demonstranten vorzugehen. Keiner von ihnen ahnte, dass er straffrei davonkommt, weil einen Monat später die Mauer fällt und die DDR am Ende ist.


Kampfgruppen der Arbeiterklasse In jedem größeren DDR-Betrieb, in Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften sowie Hoch- und Fachschulen  gab es paramilitärische Einheiten, die sich aus Betriebsangehörigen zusammensetzten. Sie sollten die DDR und ihren Betrieb in einem Kriegsfall verteidigen. Die Kämpfer wurden regelmäßig geschult und führten militärische Übungen durch. Die Kampfgruppen waren dem Ministerium des Innern unterstellt. 1980 gab es DDR-weit 210.000 Kampfgruppenmitglieder (lt. Wikipedia). Die Kampfgruppen wurden im Dezember 1989 entwaffnet und später aufgelöst.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | Fakt | 24. September 2019 | 21:45 Uhr