Privathaushalte Wirtschaftsboom erreicht Geringverdiener nicht

Die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosenzahlen sind im Keller. Auch die Gerichtsvollzieher in Mitteldeutschland haben weniger zu tun. Die Überschuldungsgefahr bei Menschen mit Niedriglöhnen aber ist gestiegen.

Grafik Arbeitslosigkeit versus Niedriglohnsektorüberschuldung
Arbeitslosigkeit wurde seltener zum Überschuldungsgrund, die Gefahr durch Niedriglohnjobs stieg hier jedoch an. (Quelle: Zahlen des Statistischen Bundesamtes) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doreen Donner arbeitet seit Jahrzehnten als Gerichtsvollzieherin. "mdr-exakt" trifft sie in Sömmerda und begleitet sie bei einem normalen Arbeitstag. Sie ist auf den Weg zu Schuldnern, um Vollstreckungen durchzuführen. Oft gehe es hier um 200 bis 1.000 Euro, die die Verbraucher säumig seien, oft wegen Handyrechnungen.

 Dorren Donner, Gerichtsvollziehern
Dorren Donner, Gerichtsvollziehern Bildrechte: MDR/Exakt

Typische Schuldnerkarrieren begleite sie oft über Jahre. Doch die Zahl der zu betreuenden Klienten sei zurückgegangen. "Die Aufträge werden immer weniger. Das stellen hier in Thüringen alle Kollegen fest.", sagt Doreen Donner. Das belegen auch die Statistiken: Hatten Gerichtsvollzieher in Thüringen 2016 noch 190.000 Fälle zu bearbeiten, waren es 2019 dann rund 160.000. Und auch in Sachsen und Sachsen-Anhalt haben Gerichtsvollzieher weniger zu tun.

Gerichtsvollzieher und Inkassounternehmen seltener beauftragt

Kirsten Pedd, Präsidentin BDIU Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen e.V.
Kirsten Pedd, Präsidentin vom Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen e.V. Bildrechte: MDR/Exakt

Einen Grund für den Auftragsrückgang bei Gerichtsvollziehern vermutet Doreen Donner darin, dass Inkassobüros immer häufiger Schulden eintreiben, für die es noch keine gerichtliche Titel gibt. So würde bereits schon "vieles geklärt, was der Gerichtsvollzieher dann gar nicht mitkriegt", so Doreen Donner. Aber auch die Inkassobranche kommt weniger zum Zuge, um fällige Zahlungen bei Privatpersonen einzufordern. Der Auftragsboom durch die letzte Finanzkrise sei abgeebbt, spürbar sei, dass "die Forderungsanzahl deutlich nach unten gegangen ist", bilanziert Kirsten Pedd, Präsidentin vom Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen e.V., die Situation ihres Geschäftsbereiches.

Die Situation habe sich nunmehr normalisiert, so Pedd. Die Datenerhebungen des Bundesverbandes belegen diesen Rückgang. Die Summe der Schulden, die Verbraucher nicht zurückzahlen können, ist gesunken. Anfang 2016 hatten die Branche 64 Millionen Euro offenen Forderungen in Bearbeitung. Anfang 2019 waren es nur noch 36 Millionen. Für Pedd ist das eine logische Folge der sinkenden Arbeitslosenquote.

Wenn die Arbeitslosenquote gering ist, also ein guter Beschäftigungsstand da ist, dann können die Menschen ihre Verbindlichkeiten auch besser bezahlen. Das lässt sich durchaus all die letzten Jahre gut nachvollziehen.

Kirsten Pedd, Präsidentin vom Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen e.V. exakt

Prekäre Jobs öfter ein Überschuldungsrund

Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen, der Anteil derer, die sich auf Grund von Arbeitslosigkeit überschuldet haben, ist von 28 auf 20 Prozent gesunken - dafür ist heute ein Niedrigeinkommen immer öfter der Hauptgrund für eine Überschuldung. Das weiß auch Schuldnerberaterin Gudrun Dietz, die bei der Caritas in Leipzig arbeitet. Seit neun Jahren hilft die Juristin Menschen mit in Lebensnotlagen aus der Schuldenfalle.

Exakt,  Gudrun Dietz, Schuldnerberatung
Gudrun Dietz, Schuldnerberaterin Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

So käme der Wirtschaftsboom bei Geringverdienern gar nicht an, sagt sie basierend auf ihrem Beratungsalltag. Die Juristin erklärt, "wir erleben, dass mehr Menschen in Lohn und Brot sind. Aber die Beschäftigung ist natürlich bei einem Großteil unserer Beratungsgruppe mit einer so geringen Entlohnung nach wie vor verbunden, dass dieser Boom nicht ankommt und die Schulden letztlich nicht aus eigener Kraft gemeistert werden können". Das Fatale sei, dass Geringverdiener oft ungelernt oder in branchenfremden Jobs arbeiten würden.

Und dann nimmt man die Effekte, die dieses Wirtschaftswachstum hat, nur in der Form mit, dass man überhaupt wieder einen Job hat.

Gudrun Dietz, Schuldnerberatung Caritas Leipzig exakt
Prof. Marcel Fratzscher, Präsident des DIW Berlin
Prof. Marcel Fratzscher, Präsident des DIW Berlin Bildrechte: MDR/Exakt

Auch Marcel Fratzscher, Präsident vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, stellt fest, dass nicht alle Einkommensgruppen gleichermaßen vom jüngsten Wirtschaftsboom profitieren würden. "Der Wirtschaftsboom, den wir in den letzten zehn Jahren erlebt haben, war sicherlich beeindruckend aber, er ist eben nicht bei allen Menschen angekommen", erklärt der Experte für Ökonomie und soziale Gerechtigkeit. "Wir sehen sehr gegenläufige Entwicklungen, die Einkommen am unteren Ende sind stagniert", so Fratzscher.

Was die Menschen sich leisten können, da geht die Schere auf.

Marcel Fratzscher, Präsident vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung exakt

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 26. Februar 2020 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Februar 2020, 05:00 Uhr