Hans-Böckler-Stiftung Studie: Gleichstellung kommt nur langsam voran

Frauen sind inzwischen etwa gleich gut qualifiziert wie Männer – bei der Berufswahl gibt es aber weiterhin klare geschlechtsspezifische Unterschiede. Angleichungen bei der Aufteilung von unbezahlter Sorgearbeit oder von Mitsprache im Betrieb kommen nur langsam voran. Eine Studie macht nun auch Vorschläge, wie das beschleunigt werden kann.

Ein Mann sitzt zwischen mehreren Kindern und liest ihnen vor.
Mehr Männer in "typisch weiblichen" Berufen wie Erzieher - um das zu erreichen, müssen solche Berufe der Studie zufolge auch finanziell aufgewertet werden. Bildrechte: IMAGO

Trotz Fortschritten gibt es in Deutschland in Sachen Gleichstellung der Geschlechter noch einiges zu tun. Das ist das Ergebnis einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Demnach ist die berufliche, wirtschaftliche und soziale Situation von Frauen im Schnitt weiterhin oft schlechter als die von Männern.

Insgesamt untersuchte das Forschungsteam 29 Kernindikatoren. Darin ging es unter anderem darum, welche Abschlüsse Frauen und Männer jeweils im Schnitt erreichten, in welchen Beschäftigungsverhältnissen sie waren – etwa Selbstständigkeit, Minijobs oder befristet – und auf welches Einkommen beziehungsweise welche Alterssicherungsleistungen sie zugreifen konnten. Zudem geht es in der Studie darum, wieviel Zeit Männer und Frauen jeweils in bezahlte und unbezahlte Arbeit steckten, wie die Sorgearbeit aufgeteilt und organisiert war sowie wer in welchen Gremien mitbestimmen darf.

Minijobs, Berufswahl, Alterseinkommen

Besonders bei der Absicherung im Alter bestehen laut der Studie weiterhin gravierende Unterschiede zwischen den Geschlechtern. So bezogen Frauen im Jahr 2015 durchschnittlich ein um 53 Prozent geringeres Alterseinkommen als Männer – das sind gesetzliche Rente beziehungsweise Beamtenversorgung und betriebliche sowie private Alterssicherung zusammengerechnet. Besonders groß fiel die Rentenlücke etwa bei verheirateten und verwitweten Personen sowie bei Rentenbeziehenden mit niedrigem Berufsabschluss oder einer höheren Anzahl von Kindern aus. Im Vergleich zum Jahr 1992 holten Frauen dennoch auf: Damals lag der sogenannte "Gender Pension Gap" (zu deutsch etwa: Geschlechter-Altersvorsorgelücke) noch bei 69 Prozent.

Der Rückstand der Frauen wird in wichtigen Bereichen kleiner. Aber Fortschritte bei der Gleichstellung vollziehen sich meist sehr langsam.

Dr. Karin Schulze Buschoff WSI-Forscherin

Wenig Veränderung gab es indes beim durchschnittlichen Brutto-Stundenverdienst. Nach wie vor werden Frauen für ihre geleistete Arbeit schlechter bezahlt als Männer: Von 2006 bis 2018 lag der sogenannte "Gender Pay Gap" (zu deutsch etwa: Geschlechter-Einkommenslücke) zwischen 21 und 23 Prozent. Ursache dafür ist der Studie zufolge unter anderem, dass Frauen gut viermal so häufig in Teilzeit arbeiteten wie Männer und sie 62 Prozent der ausschließlich in Minijobs arbeitenden Beschäftigten ausmachten. Zudem ließen sich nach wie vor geschlechtsspezifische Präferenzen bei der Berufswahl beobachten. Dabei werden Berufe mit überwiegend weiblichen Beschäftigten – etwa im Pflege- und Gesundheitsbereich – tendenziell schlechter bezahlt.

Politische Vorgaben und Investitionen wirken

Veränderungen zugunsten einer tatsächlichen Gleichstellung beobachteten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler insbesondere da, wo Politik gezielt investierte oder verbindliche Vorgaben machte. So sei etwa der Ausbau der Ganztagesbetreuung von Kindern auf regen Zuspruch gestoßen: Bei den 3- bis 6-Jährigen verdoppelte sich die Quote zwischen 2007 und 2017, bei den Kindern unter drei Jahren verdreifachte sich die Quote nahezu. Dennoch werde der Bedarf bisher nicht vollständig abgedeckt.

Auch eine verbindliche Geschlechterquote bringt der Studie zufolge die Gleichstellung voran. So glich sich der Frauenanteil besonders dort dem der Männer an, wo es gesetzliche Vorschriften gab. In den Aufsichtsräten der 160 größten börsennotierten Unternehmen stieg der Anteil der Frauen bis 2018 auf gut 30 Prozent – wenn auch Beschäftigte im Kontrollgremium sitzen. In nicht mitbestimmten Unternehmen, für die keine Quote gilt, lag der Anteil dagegen bei knapp 20 Prozent.

Änderungen im Arbeitsmarkt gefordert

Um die Gleichstellung der Geschlechter weiter voranzubringen, stellen die Studienautoren eine Reihe von Forderungen an die Politik auf. So sollen frauendominierte Berufe im Sozial-, Erziehungs- und Gesundheitsbereich finanziell aufgewertet werden, um auch mehr Männer dafür zu gewinnen. Bereits für Kinder und Jugendliche sollen den Wissenschaftlern zufolge mehr Möglichkeiten geschaffen werden, geschlechteruntypische Berufsfelder kennenzulernen. Auch werben sie dafür, das Ehegattensplitting aufzuheben, da dieses "Fehlanreize für Ehefrauen" setze, sich aus dem Berufsleben ganz oder teilweise zurückzuziehen. Umgekehrt könne eine Erweiterung der Partnermonate im Elterngeld mehr Männer dazu bringen, Sorgearbeit zu übernehmen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 26. Februar 2020 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Februar 2020, 05:00 Uhr

19 Kommentare

elisa K vor 4 Wochen

Frauenquote ist ein Ausgleich zu den männlichen Seilschaften, wo Männer gut dotierte Posten unter sich aufteilen, oder dachten Sie, dass Männer besser qualifiziert sind als Frauen?

Ludwig vor 4 Wochen

Liebes MDR-Team, warum sollten Männer und Frauen sich nur äußerlich unterscheiden? Die allermeisten Dinge, die sich äußerlich ungleich sind, haben auch charakteristische unterschiedliche innere Werte und Eigenschaften.

MDR-Team vor 4 Wochen

Lieber Ludwig,
wo genau sehen Sie denn eine Ungleichheit zwischen Männern und Frauen? Und nein, reine Äußerlichkeiten meinen wir nicht, denn diese spielen keine Rolle. Sind die Ungleichheiten der Geschlecht nicht viel mehr "Schubladendenken"?
Freundliche Grüße aus der MDR.de-Redaktion