Internationaler Aktionstag Giffey startet bundesweite Initiative gegen Gewalt an Frauen

Die Bundesregierung will angesichts weiterhin hoher Fallzahlen bei der Gewalt gegen Frauen mit Förderprogrammen mehr Hilfsmöglichkeiten bieten. In Frankreich wurden unterdessen einige weitergehende Maßnahmen angekündigt.

Statistisch gesehen wird in Deutschland mehr als einmal pro Stunde eine Frau durch ihren Partner gefährlich verletzt. Diese Zahl nannte Bundesfrauenministerin Franziska Giffey (SPD) am Montag – dem "Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen".

Sie berief sich auf die "Kriminalstatistische Auswertung zu Partnerschaftsgewalt 2018" des Bundeskriminalamts. Danach waren Frauen zu mehr als 81 Prozent die Opfer von Mord und Totschlag, von Körperverletzung, Vergewaltigung, sexueller Nötigung, von sexuellen Übergriffen, Bedrohungen und Stalking, von anderweitiger Nötigung, von Freiheitsberaubung sowie von Zwangsprostitution und verbotener Zuhälterei.

Mehr Geld für Frauenhäuser

Die Ministerin bezeichnete solche Zahlen als "sehr alarmierend". Dabei verwies sie darauf, dass hier nur von einem "Hellfeld" zu sprechen und das "Dunkelfeld" weitaus größer sei. Nicht alle Taten würden angezeigt. Insgesamt ist den Angaben zufolge jede dritte Frau mindestens einmal im Leben von Gewalt betroffen – 122 Frauen seien 2018 durch ihre Partner getötet worden, im Jahr 2017 seien es 147 gewesen.

Gewalt gegen Frauen gebe es in allen sozialen Schichten, in allen Alters- und ethnischen Gruppen, betonte Giffey. Sie starte am Montag die bundesweite Initiative "Stärker als Gewalt", die Frauen und Männer ermutigen soll, Hilfe zu holen und Angebote zu finden.

Zudem will sie mit einem Förderprogramm "Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen" in den vier Jahren ab 2020 insgesamt 120 Millionen Euro zusätzlich für Beratungsstellen und Frauenhäuser bereitstellen. Derzeit gebe es in Frauenhäusern knapp 7.000 Plätze, 20.000 seien aber notwendig. Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) sprach in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" von einem "widerlichen Phänomen", wenn etwa versucht werde, Frauen über sexualisierte Beleidigungen zu treffen. Anders als in Frankreich werden rechtliche Veränderungen in Deutschland derzeit aber nicht erwogen.

Frankreich: "Elektroschock" gegen Gewalt

In Frankreich legte die Regierung einen 30-Punkte-Plan vor, der rund zwei Monate lang mit Frauenverbänden beraten worden war: Er sieht unter anderem eine Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht und verschärfte Gesetze gegen Gewalttäter vor.

Wie Premierminister Édouard Philippe am Montag ankündigte, sollten französische Ärzte künftig ihr Schweigen brechen können, wenn eine "unmittelbare Gefahr für das Opfer besteht". Bisher schlägt bei häuslicher Gewalt in nur fünf Prozent der Fälle das Gesundheitspersonal Alarm. Die Regierung will es den Opfern zudem ermöglichen, direkt im Krankenhaus eine Anzeige zu erstatten.

Zudem soll es künftig unter bestimmten Umständen strafbar sein, "psychologischen Druck" auf Frauen auszuüben. Wer andere Menschen in den Suizid treibe, solle leichter bestraft werden können, sagte Philippe: "Gegen Partnerschaftsgewalt braucht unsere Gesellschaft einen Elektroschock." Es müsse eindeutiger definiert werden, was Gewalt sei, und psychische Gewalt dabei besser berücksichtigt werden.

Die Staatssekretärin für Gleichstellung, Marlène Schiappa, kündigte zudem die Einrichtung von "Männerhäusern" für Gewalttäter an, damit nicht die Frauen die gemeinsame Wohnung verlassen müssen.

Nach Recherchen der französischen Nachrichtenagentur AFP gab es in diesem Jahr mindestens 117 sogenannte Femizide in Frankreich, also Tötungen von Frauen durch Ehemänner oder Lebensgefährten. Am Samstag waren in Paris und anderen Städten des Landes zehntausende Menschen gegen Gewalt an Frauen auf die Straße gegangen. Der Regierung war im Sommer vorgeworfen worden, nicht ausreichend zu handeln.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 24. November 2019 | 08:00 Uhr

7 Kommentare

Denkschnecke vor 42 Wochen

Nachtrag, nachdem ich selber nachgelesen habe: ("Nur") knapp 80% der Tatverdächtigen sind Männer. Ebenfalls knapp 80% sind Deutsche. Und knapp ein Viertel der Tatverdächtigen stand unter Alkoholeinfluss. Wenn wir schon an einzelnen Risikofaktoren herumdoktern wollen: Vielleicht sollte Alkohol verboten werden. ;-)

Denkschnecke vor 42 Wochen

Alle möglichen Männer. Schwarz, weiß, groß, klein, Abitur, ohne Schulabschluss, Muslime, Christen, Agnostiker, mit und ohne Glatze. Wenn Sie es noch genauer brauchen, lesen Sie die "Kriminalstatistische Auswertung zu Partnerschaftsgewalt 2018". Kostenlos beim BKA.

Denkschnecke vor 42 Wochen

Was genau zeichnet denn einen "Ehrenmord" aus? Können den nur bestimmte ethnische Gruppen ausüben? Oder Angehörige einer bestimmten Religion?
Warum "gerade aktuell so ein Aufstand darum gemacht" wird, können Sie oben lesen: Weil die Zahlen so erschreckend hoch sind (und entgegen aller Gerüchte nicht 2015 sprunghaft angestiegen sind, sondern seit vielen Jahren langsam zunehmen). Und weil es in vielen Städten nicht genug Plätze gibt für Frauen, die zuhause Gewalt ausgesetzt sind.