Opferschutz Zeugenaussage vor dem Mörder des eigenen Sohnes

Kevin, der Sohn von Karsten Lissau, wurde beim Anschlag von Halle vor einem Jahr getötet. Seitdem dreht sich die Berichterstattung vor allem um den Täter. Doch wie geht es den Opfern und deren Angehörigen - etwa bei einer Konfrontation mit dem Täter? Und werden sie ausreichend unterstützt?

Opferschutz
Der Sohn von Karsten Lissau war Fan des Halleschen FC. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit über zwei Monaten läuft vor dem Landgericht Magdeburg der Prozess gegen den Attentäter von Halle. Am zwölften Prozesstag ging es um Kevin. Er ist eines der beiden Opfer des Attentats und wurde in einem Dönerimbiss erschossen. An jenem Tag sagte Kevins Vater, Karsten Lissau, aus. Er tritt als Nebenkläger auf. Beim Anschlag war er nicht dabei. Dennoch hatte das Gericht ihn als Zeugen geladen.

Vor dem Beginn der Verhandlung wird Lissau von seinem Anwalt Erkan Görgülü vom Parkplatz abgeholt. Er sieht stark mitgenommen aus und kämpft mit den Tränen. Der Rechtsanwalt weiß, dass es für seinen Mandanten an diesem Tag ein schwerer Gang werden wird und versucht ihn zu trösten. Er verstehe, dass es Lissau nicht gut geht, sagt Görgülü. Und es werde erst einmal nicht besser werden. Aber in zwei, drei Stunden werde er das schlimmste hinter sich gebracht haben.   

Tote können nicht sprechen. Um sie hier irgendwie in den Prozess einführen zu können, ist es leider erforderlich, dass die Angehörigen, also die Hinterbliebenen der Verstorbenen, etwas sagen.

Erkan Görgülü Anwalt von Karsten Lissau

Attentat Halle: Geschichte des Sohnes soll gehört werden

Junge Frau
Christin Bremer von der Opferberatung kümmert sich während der Verhandlung um Karsten Lissau. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Karsten Lissau möchte, dass die Geschichte seines Sohnes gehört wird. Deswegen setzt er sich dieser Qual aus. Er hätte sich mit einem Attest auch befreien lassen können. Denn seit Kevins Tod ist er traumatisiert, war schon dreimal in der Psychiatrie. Auch die Folgen der Tat für die Hinterbliebenen sind für das Gericht wichtig. Er ist der einzige Angehörige, der hier aussagt. Doch jede Konfrontation mit der Tat kann bei Traumatisierten einen Zusammenbruch auslösen. Deswegen kümmert sich auch Christin Bremer von der Opferberatung um ihn.

"Wenn er jetzt in eine Krise fallen sollte, dann schauen wir, dass wir da sind", erläutert Bremer ihre Aufgabe. "Ich werde jetzt im Vorfeld mit den Sanitätern sprechen, habe noch einen Kollegen hinzugezogen, der es auch noch mitbegleiten wird, um ihn aufzubauen. Ein paar Atemübungen zu machen, um ihn einfach ein bisschen zu beruhigen."

Nicht ansehen: Den Mann, der seinen Sohn ermordet

Bevor die Verhandlung an diesem Tag eröffnet wird, zeigen die Opferberaterin und der Rechtsanwalt Karsten Lissau den leeren Gerichtssaal. Damit der weiß, was auf ihn zukommt. Und um ihm die Angst etwas zu nehmen. Sie sprechen wichtige Details ab, auf die er bei der Vernehmung achten soll. Zeigen ihm seinen Platz, zeigen wo die Richter sitzen und die anderen Nebenkläger. Und, wo der Angeklagte während der Verhandlung sitzen wird.

"Rechts, da sitzt der Angeklagte mit seinen beiden Verteidigern", sagt Görgülü zu Karsten Lissau. "Das heißt, du musst bedenken: von vorne und von links, da ist alles in Ordnung. Da musst du aber nicht hingucken. Du musst nicht nach rechts gucken." Aber man schaue doch automatisch auch nach rechts, entgegnet ihm Lissau. Er weiß, dass es schwer sein wird, den Mann, der seinen Sohn ermordet hat nicht anzusehen.

Wut und Trauer sollen bei der Aussage nicht hochkommen

Eine halbe Stunde vor Verhandlungsbeginn ziehen sie sich in den abgeschirmten Zeugenraum zurück. Der Vater von Kevin soll als Erster aussagen. Zuerst wird jedoch der Angeklagte rein geführt, sein Platz ist nur wenige Meter vom Zeugenstand entfernt. Er muss sich alle Zeugen anhören, soll wissen, was seine Tat angerichtet hat. Um den traumatisierten Karsten Lissau vom Täter abzuschirmen, wird sich ein Kollege von Christin Bremer als zusätzlicher Sichtschutz zwischen Zeugenstand und Angeklagten setzen.

"Erstmal ist es so, dass dieser Mann seinen Sohn erschossen hat, was emotional schwer belastend ist", erklärt die Opferberaterin. "Und dann würde das wahrscheinlich auch seine Aussage beeinträchtigen. Er würde sich vielleicht davon ablenken lassen. Es kommen in dem Moment vielleicht Wut und Trauer hoch, die ja sowieso schon da sind. Aber das muss jetzt nicht noch mehr geschürt werden." So kann sich Karsten Lissau ganz auf die Vorsitzende Richterin in seinem Blickfeld konzentrieren. Die speziell geschulte Opferberaterin sitzt neben ihm.

"Ich habe ihn so erlebt, dass das natürlich im Laufe des Gespräches bei ihm auch sehr viel Emotionen auslöste, er dann auch sehr geweint hat und gezittert hat und dass wir das auch mal unterbrechen mussten", erzählt Bremer im Nachgang der Verhandlung. "Wir mussten eine Pause machen. Ich kann ihm dann die Hand auf die Schulter legen, versuchen ihn so ein bisschen zu beruhigen. Das ist das Maximale, was ich hier drinnen, im Gerichtssaal machen kann."

Gesetzlicher Anspruch für psychosoziale Prozessbegleitung erst seit 2017

Erst seit 2017 haben Opfer und Zeugen einen gesetzlichen Anspruch auf diese psychosoziale Prozessbegleitung. Doch Opferberatung geht noch viel weiter. Sie organisiert schon ab der Tat psychologische und juristische Hilfe, bietet Gespräche an.

Es ist einfach ganz wichtig, in solchen Gesprächen, vielleicht sogar gerade im Erstgespräch rück zu melden: Die Symptome, die Sie haben, das ist ganz normal."

Christin Bremer Opferberaterin

"Sie sind nicht verrückt und so wie es Ihnen jetzt geht, ist normal nach dem, was Ihnen widerfahren ist", ergänzt Bremer. Das sei für die Betroffenen sehr erleichternd. "Die fühlen sich angenommen, die fühlen sich nicht alleingelassen." Jedes Bundesland organisiert die Opferberatung anders. Christin Bremer gehört zum Justizministerium Sachsen-Anhalt, betreut mit ihren zwölf Kollegen momentan knapp 300 Opfer und Zeugen. Erst langsam kommt ein breiteres Bewusstsein dafür auf, dass auch sie resozialisiert werden müssen – nicht nur die Täter.

Vater kann nur noch eingeschränkt arbeiten

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Unter Tränen erzählt Karsten Lissau über seinen Sohn. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Karsten Lissau hält seine Zeugenaussage durch, erzählt unter Tränen über seinen Sohn. Wie Ärzte bei ihm im Kleinkindalter eine geistige und körperliche Behinderung diagnostiziert hatten. Und meinten, dass er nicht älter als zehn Jahre werden würde. Dass Kevin es aber dennoch geschafft hat, später sogar eine Malerlehre anfing.

"Nach der Vernehmung habe ich mich mal umgeschaut, ich habe, ehrlich gesagt, viele Tränen gesehen, ganz viele bestürzte Gesichter", beschreibt der Anwalt Erkan Görgülü seine Eindrücke nach der Aussage seines Mandanten. "Diese Menschen hat er auf jeden Fall erreicht." Direkt nach der Aussage geht es Karsten Lissau zunächst schlecht. Drei Stunden später ist aber auch er bereit, über seine Erfahrung an diesem Tag zu sprechen.

Ich habe eigentlich gedacht, dieser Tag würde für mich etwas Erleichterung bringen, aber momentan spüre ich davon nichts.

Karsten Lissau Vater von Kevin

"Ich bin nur froh, wenn irgendwann der Punkt kommt, dass der Schmerz etwas weniger wird", sagt Lissau. "Ich habe schon Angst, dass ich irgendwann total zusammenklappe und ganz kaputt oder krank werde." Karsten Lissau wird weiter von Opferberatung und Psychologen betreut. Arbeiten kann er nur eingeschränkt. Er ist oft antriebslos, erschöpft. Das kannte der Gerüstbauer vorher nicht. Und der nächste schwere Tag steht kurz bevor, Kevins Todestag. Am 9. Oktober jährt sich der Anschlag. Kevin wurde nur 20 Jahre alt.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 30. September 2020 | 20:15 Uhr

4 Kommentare

Dreibeiner vor 2 Wochen

erinnere an Matthias Lüders der am 24. April 1993 von 40 Rechten in Obhausen (Saalekreis) , am 8. Oktober 1999 Hans-Werner Gärtner in Löbejün (Saalekreis) und Jörg Danek am 29. Dezember 1999 in Halle-Neustadt ermordet wurden

Zarathustra vor 2 Wochen

Die Täter sind unter uns, über das Schönreden der SED-Diktatur gibt es Bücher, über rechtsextreme Mörder und deren verbale Anstifter kenne ich noch keines

Dreibeiner vor 2 Wochen

heute am Jahrestag gilt erst recht die Initiative 9. Oktober Halle: "Ein 'Weiter so' darf es gesellschaftlich nicht geben"