Systemrelevant Pflegekräfte fordern dauerhaft mehr Anerkennung

Der Tag der Pflege fällt in diesem Jahr auf den 200. Geburtstag von Florence Nightingale, die als Begründerin der modernen Pflege gilt. Und mitten in die Corona-Krise, in der die Pflegebranche bisher viel Zuspruch erhielt. Nun soll es einen einmaligen Bonus in Höhe von maximal 1.500 Euro geben. Das kommt nicht bei allen gut an.

Im Altenpflegeheim nutzen zwei 90-jährige Heimbewohnerinnen die warmen Sonnenstrahlen für einen Schwatz mit der Heimleiterin im Garten.
Altenpfleger sollen aufgrund der Corona-Krise eine Bonuszahlung erhalten. Ob sich die Wertschätzung langfristig in Pflegeberufen etwa finanziell niederschlägt, ist nicht absehbar. Bildrechte: dpa

Der Frühling kommt leichtfüßig daher. Er macht alle ein bisschen jünger, auch die Alten. Sie spazieren durch den Garten des Diakonie-Pflegeheims Johann Hinrich Wichern in Leipzig. Im Schatten eines Baumes steht Natalie Petzold. Die Altenpflegerin hat wochenlang mehr geleistet als sonst. Nun soll sie, wie alle Altenpfleger, einen Bonus erhalten. Bis zu 1.500 Euro. Petzold stimmt das nachdenklich. In Corona-Zeiten werde man gewertschätzt, aber wenn die Zeit hoffentlich irgendwann vorbei sei, werde man wieder vergessen.

Ich würde mir einfach wünschen, dass der Beruf an sich mehr Anerkennung in der Gesellschaft findet. Und dass es nicht so läuft: Jetzt zahlen wir einen Bonus und dann sind sie erst einmal zufriedengestellt.

Natalie Petzold, Altenpflegerin

Ein Bonus löst keine Probleme

Viele Pflegende sehen das ähnlich. Natürlich helfe das zusätzliche Geld, man könne sich mal etwas gönnen. Aber das Gezerre um die Finanzierung des Bonus, die noch immer nicht ganz geklärt ist, sei unwürdig, sagt Michael Junge. Der Vorsitzende des Sächsischen Pflegerats kritisiert zudem, dass den Bonus keineswegs alle Pfleger erhalten sollen. Wieso ihn nur Mitarbeiter in der Altenpflege bekämen und nicht in den Krankenhäusern und in den Reha-Kliniken, sei ihm völlig unverständlich.

Junge hätte sich gewünscht, dass es statt eines Auto-Gipfels einen Pflege-Gipfel gebe: "Und jetzt zu fordern, dass der Kauf neuer Autos mit Verbrennungsmotoren staatlich subventioniert wird und gleichzeitig grundlegende Probleme in der Pflege weiterhin nicht anzugehen, das halte ich für ein verheerendes Signal."

Auch bei der Gewerkschaft Verdi heißt es, der Bonus für die Altenpfleger könne nur ein Anfang sein. Bernd Becker ist Fachbereichsleiter im Verdi-Landesbezirk Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Er sagt, das jahrelange Kürzen der Pflegestellen in Krankenhäusern müsse aufhören. Denn so sei es auch dazu gekommen, dass in Deutschland eine Pflegekraft 13 Patienten habe. Das sei eine der höchsten Zahlen in Europa, sagt Becker.

Wir brauchen Regelungen, wie viele Patienten eine Pflegekraft zu betreuen hat. Und keine Nacht mehr allein, das ist ganz wichtig. Wir haben viele Häuser, in denen eine Kollegin nachts 26 bis 30 Patienten hat.

Bernd Becker, Verdi-Fachbereichsleiter für Gesundheit und Soziales in Mitteldeutschland

Kein Elektriker dürfe allein arbeiten, gemäß der Arbeitsschutzverordnung. Dass eine Krankenschwester oder ein Krankenpfleger das dürfe, sei nicht einsehbar, so Becker.

Den Pflegeberuf durch einen Tarifvertrag attraktiv machen

Doch woher sollen weitere Pflegekräfte kommen? Damit mehr Menschen den Beruf ergreifen, müsse er attraktiver werden, sagt Johannes Hermann. Der Betriebsratschef der Arbeiterwohlfahrt Dresden wünscht sich einen bundesweit gültigen Pflegetarifvertrag. Die Arbeitsbedingungen seien dort, wo es Tarifverträge gebe, einfach besser. "Deswegen hätte ich mir schon lange sehr gewünscht, dass es dort einheitliche Bedingungen in ganz Deutschland gibt, damit wir in der Pflege wegkommen vom Wettbewerb über die Kosten und hin zu Wettbewerb über Qualität und Angebot."

Hermann hat selbst lange als Altenpfleger gearbeitet. Die Kollegen, sagt er, hätten die vergangenen Wochen Besonderes geleistet. Sie hätten Enkel ersetzen müssen, die nicht mehr kommen durften. Sie hätten Demenzpatienten trotz Mundschutz ein Lächeln schenken müssen – mit ihren Augen. Für all das hätten die Pfleger den Bonus verdient, aber auch langfristige Verbesserungen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 12. Mai 2020 | 07:13 Uhr

44 Kommentare

MDR-Team vor 3 Wochen

Hallo ElBuffo, auf welche Quellen berufen Sie sich bei der Aussage, dass der Bonus auf die Sozialleistungen angerechnet wird. An welche Sozialleistungen denken Sie? Liebe Grüße aus der MDR.de-Redaktion

MDR-Team vor 3 Wochen

Hallo ElBuffo, was genau meinen Sie mit "sogenannten" Corona-Toten? Nachweislich ist Covid-19 eine schwerwiegende Atemwegserkrankung, die schwere Folgen bis zum Tod mit sich führen kann. Obgleich der Anteil der Todesfälle im Verhältnis zur Anzahl der Infizierten relativ gering ist, gibt es Gruppen, die besonders gefährdet und somit auch geschützt werden müssen. Liebe Grüße aus der MDR.de-Redaktion

ElBuffo vor 3 Wochen

Na der Bonus ist jedenfalls steuer- und abgabenfrei, solange er die 1.500€ nicht übersteigt. Da gibt es auch keinen Progressionsvorbehalt.
Für den Staat wird die Rechnung am Ende trotzdem aufgehen, falls nicht auch beschlossen wird, dass er nicht auf Sozialleistungen angerechnet wird. Ich denke mal, dass viele Pflegekräfte auf die eine oder andere Sozialleistung angewiesen sind, auf die das dann angerechnet wird.
Da spart dann der Staat auf Kosten der Beitragszahler. So läuft das.