Halle-Attentäter vor Gericht Der Angeklagte möchte eine Aussage machen

Im Prozess gegen den mutmaßlichen Attentäter von Halle erlebten die Beobachter am ersten Tag einen redseligen Angeklagten, der bloß bei Fragen zu seiner Kindheit einsilbig blieb. Stephan B.'s selbstbewusstes Auftreten sorgte für Fassungslosigkeit.

Am Landgericht Magdeburg begann am 21. Juli 2020 der Prozess gegen den mutmaßlichen Attentäter von Halle Saale, Stephan B.
Die Prozessbeobachter im Landgericht Magdeburg erlebten einen Angeklagten, der eine Bühne sucht. Bildrechte: imago images/Christian Grube

Die ersten Geschichten schreibt dieser Prozess vor dem Gerichtssaal. Der Tag beginnt mit einer Mahnwache der Opfer und ihrer Unterstützer vor dem Magdeburger Landgericht. Das Wort ergreift zuerst Christina Feist. Sie war am 9. Oktober 2019 in der Synagoge von Halle, als der Attentäter versuchte, dort einzudringen und ein Massaker zu begehen. Christina Feist lebt inzwischen in Paris. In ihrer Rede fordert sie alle Deutschen auf, antisemitische Angriffe persönlich zu nehmen: "Sie müssen sich einmischen, wenn Sie Ungerechtigkeit, Hass und Ausgrenzung sehen. Sie müssen für Ihre Mitmenschen einstehen und Sie müssen uns endlich ernst nehmen!"

Vor dem Gericht bilden sich schon früh lange Schlangen. Das Medieninteresse ist groß, das Gericht beim Einlass offensichtlich überfordert. Um 10 Uhr soll der Prozess beginnen. Ab halb neun geht nichts mehr vorwärts. "Ich bin konsterniert", sagt der Pressesprecher des Gerichts. Und fängt an Wasser zu verteilen. Manche Journalisten warten drei Stunden. Der Prozessbeginn verzögert sich so um fast zwei Stunden.

Angeklagter lässt sich ein

Um 11:51 Uhr wird der Angeklagte von fünf vermummten Justizbeamten in den Saal geführt. Er ist klein, verschwindet fast zwischen den Beamten. Im Saal ist es still. Er setzt sich, mustert den Raum und wendet den Blick nicht von den Kameras ab. Die Nebenklägerinnen und Nebenkläger sitzen ihm direkt gegenüber. Sie verfolgen seinen Auftritt äußerlich überwiegend regungslos, viele mit verschränkten Armen. Richterin Ursula Mertens eröffnet die Sitzung und fragt, ob sich der Angeklagte äußern will. "Ich möchte eine Aussage machen", antwortet er mit fester Stimme. Damit ist eine zentrale Frage des Tages beantwortet.

Generalbundesanwalt Lohse beginnt, die Anklageschrift zu verlesen. Während er die Taten von B. minutiös vorträgt, schaut der Angeklagte ihn nicht an, sondern hält seinen Blick auf den Bänken der Nebenkläger und ihrer Anwälte. Im Zuschauerraum atmen Menschen immer wieder tief durch, während Lohse den Anschlag von Stephan B. von der Synagoge über den Döner-Imbiss bis zur zwischenzeitlichen Flucht nachzeichnet.

"Wie ist Ihre Kindheit abgelaufen?"

Richterin Mertens beginnt mit der Vernehmung: "Wie ist ihre Kindheit abgelaufen?" "Das ist unwichtig!", antwortet B. und erzählt dann trotzdem, dass er einsam gewesen sei. Keine Freunde.

Interessen?"
"Internet."
"Familie?"
"Hat mit der Tat nichts zu tun.

Wortwechsel zwischen Richterin und Stephan B.

Die biographischen Fragen der Richterin beantwortet er einsilbig. B. hat Wehrdienst geleistet, ein Studium begonnen und abgebrochen, dann kamen gesundheitliche Probleme. Er zog zurück zu seiner Mutter aufs Dorf, "lebte so in den Tag hinein".

Richterin warnt Angeklagten

Der endgültige Bruch im Leben war für ihn die sogenannte Flüchtlingskrise im Jahr 2015. Er habe entschieden, nichts mehr für eine Gesellschaft zu tun, die ihn unter anderem "mit Muslimen ersetzt." Im gleichen Atemzug äußert sich B. noch derart rassistisch, dass die Richterin sich gezwungen sieht einzugreifen. Sie droht B., ihn bei weiteren Beleidigungen von der Verhandlung auszuschließen. B. fährt fort, er habe schon 2015 begonnen, sich zu bewaffnen, habe im Internet für 1.200 Euro ein Gewehr gekauft, danach selbst weitere Waffen gebaut.

Zum Anschlag auf die Synagoge entschließt sich B. nach eigener Aussage nach dem Attentat von Christchurch. Die Synagoge wählt er als Ziel, da er die Verschwörungserzählung glaubt, Juden würden den Plan einer neuen Weltordnung verfolgen. Er da unten, die da oben.

Die Richterin fragt geschickt, versucht immer wieder herauszukitzeln, ob es Mitwisser gab. B. sagt, er habe anonym mit Gleichgesinnten kommuniziert, von seinen Plänen aber nichts verraten, um nicht aufzufliegen. Auch vor seinen Eltern habe er versucht, alles geheim zu halten. Die Eltern werden die Aussage verweigern, teilt die Richterin mit. 

Wie ein Wasserfall: B. erzählt gern von der Tat

Als es um die Details des Anschlags und die Waffen geht, ist B. nicht mehr einsilbig – es sprudelt fast aus ihm heraus. Er will, dass die Welt alles weiß. Das zeigt vor allem ein Satz darüber, warum er die Tat live übertragen hat: "Die Übertragung ist wichtiger als die Tat an sich." 

Im Sommer 2019 habe er die Synagoge zum ersten Mal ausgespäht, erzählt B., dann unter Zeitdruck Waffen und Sprengsätze vorbereitet. Die Tat an sich erinnere er teils "schwammig". Dass er sein erstes Opfer, Jana L., vor der Synagoge erschossen habe, bereue er. Sie sei nicht sein Feind gewesen. Sein Ziel, das betont er immer wieder, waren die Menschen in der Synagoge.

Bis er feststellte, die Tür nicht öffnen zu können, aufgab und den Döner-Imbiss wenige Hundert Meter entfernt fand. Dort vermutete er "Muslime". 

Prozessbeobachter mitgenommen

"Ich glaube, wir haben uns alle eine Pause verdient", sagt Richterin Mertens nach fast zweieinhalb Stunden. Aufatmen im Saal. Die Schilderungen haben alle merklich mitgenommen. Auf dem Flur gibt Christina Feist ein Interview. Sie sei fassungslos, wie selbstbewusst B. aufgetreten sei. Und: Sie wolle wissen, wie es sein kann, dass seine Radikalisierung unbemerkt bleiben konnte.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 21. Juli 2020 | 17:45 Uhr