Bauarbeiten an den Fernbahngleisen.
Stiefkind Eisenbahn-Bau? Die Allianz pro Schiene kritisiert den Vorrang der Straße. Bildrechte: imago/Hohlfeld

Allianz pro Schiene Mehr Investitionen in Schienen-Netz gefordert

Deutschland hat im vergangenen Jahr pro Bürger 77 Euro für das Schienen-Netz ausgegeben. Das hat die Allianz pro Schiene ermittelt. Das sei zwar eine deutliche Steigerung, es gebe aber großen Nachholbedarf. So gebe Spitzenreiter Schweiz pro Bürger 365 Euro aus. Für eine Verkehrswende in Deutschland brauche es mehr.

Bauarbeiten an den Fernbahngleisen.
Stiefkind Eisenbahn-Bau? Die Allianz pro Schiene kritisiert den Vorrang der Straße. Bildrechte: imago/Hohlfeld

Die Allianz pro Schiene hat zu geringe Investitionen in die deutsche Eisenbahn-Infrastruktur kritisiert. Allianz-Geschäftsführer Dirk Flege legte dazu am Montag in Berlin einen Vergleich mit anderen europäischen Ländern vor.

Danach kommt Deutschland mit seinen Pro-Kopf-Investitionen unter den zehn führenden Volkswirtschaften in Europa auf den drittletzten Platz. Laut der von der Allianz und der Unternehmensberatung SCI Verkehr gemeinsam erstellten Analyse liegt Deutschland unter den verglichenen Ländern nur vor Frankreich und Spanien.

Investitionen Bahn Schiene Europa Vergleich
Bildrechte: Allianz pro Schiene

Mit jährlichen Pro-Kopf-Investitionen von rund 77 Euro in die Schiene kommt Deutschland demnach nur auf ein Fünftel des Schweizer Niveaus mit einem Wert von 365 Euro. Und Österreich liege mit 218 Euro noch beim Dreifachen.

Tendenz bereits steigend

Immerhin zeige sich seit einigen Jahren nach langer Stagnation aber eine Aufwärtstendenz. Von 49 Euro im Jahr 2014 habe die Politik die Investitionen in die Schienen-Infrastruktur auf 69 Euro 2017 und 77 Euro im vergangenen Jahr gesteigert. Flege meinte dazu: "Wir erkennen das Bemühen der Bundesregierung und gerade des Bundesverkehrsministers an, die Schiene zu stärken. Mit Klein-Klein aber ist es nicht getan", um die "Versäumnisse der Vergangenheit" aufzuarbeiten.

Investitionen Bahn Schiene Europa Vergleich
Bildrechte: Allianz pro Schiene

Zwar legten laut Flege die Investitionen in die Schiene seit 2014 zu: "Doch mit diesem Tempo kann die Bundesrepublik gerade einmal die größten Schwachstellen ausbessern, aber nicht die Verkehrswende gestalten." So konstatiert Flege hier: "Die Verkehrswende hin zu einer umweltgerechten Mobilität kommt in Deutschland trotz aller Bekenntnisse zum Klimaschutz nicht wirklich voran."


Die Allianz pro Schiene Die Allianz pro Schiene ist nach eigenen Angaben das "unkonventionellste Verkehrsbündnis" in Deutschland, mit mehr als 150 Unternehmen der Branche sowie Umweltverbänden, Gewerkschaften, Verbraucherorganisationen und Hochschulen – mit dem Interesse einer Stärkung des Schienenverkehrs.


Für Maria Leenen, Chefin der Unternehmensberatung SCI Verkehr, ist für die Realisierung der Klimaschutzziele "eine Verkehrswende weg von fossilen Brennstoffen hin zu regenerierbaren Energien einer der wichtigsten Bausteine". Die Schiene biete die "ökonomisch und ökologisch effizienteste E-Mobilität", auch für die Beförderung von Gütern. Allerdings werde der Umstieg "durch den Zustand und die fehlenden Kapazitätsreserven" der Bahn-Infrastruktur gebremst: "Hoffnungslos überlastete Linien, Langsamfahrstellen, fehlende Überholgleise oder zu wenig Netz-Redundanz im Fall von Störungen belasten die Qualität des komplexen Systems Schiene."

Ein wichtiger Grund für die konstatierten Mängel ist laut Leenen "die langjährige Unterfinanzierung der Bahninfrastruktur in der Vergangenheit". Man sei "zu lange auf Verschleiß gefahren". Nötig sei ein deutliches Hochfahren der Investitionen, um die Infrastruktur zu modernisieren und die Kapazität auszubauen.

Zielvorgabe: 150 Euro

Für eine erfolgreiche Verkehrswende in Deutschland notwendig sind aus Sicht der Allianz rund 150 an Investitionen pro Bürger. Unklar blieb, inwieweit die europäischen Werte vergleichbar sind. So wird zwar darauf verwiesen, dass die Schweiz und Österreich besondere Anforderungen an ihr Schienennetz haben. Inwieweit deren hohe Investitionen auch durch ihre Gebirgslage bedingt ist, wurde nicht deutlich.

Gleichwohl aber hieß es dazu: "Auch Länder ohne Hochgebirgsketten wie Großbritannien, Dänemark und die Niederlande investieren in etwa doppelt so viel wie die Bundesrepublik in die Schiene." Vor allem die Schweiz, Österreich und Schweden seien aber "Vorzeigeländer" und Deutschland ein "Nachzügler in Europa".


SCI Verkehr SCI Verkehr ist nach eigenen Angaben eine auf den Verkehrs- und Bahnsektor spezialisierte Unternehmensberatung in Hamburg, Köln und Berlin. Als Kunden zählt sie Bahn- und Nahverkehrsunternehmen auf, industrielle Bahnzulieferer, spezialisierte Finanz-Unternehmen sowie Politik und Verwaltung.


Bewusstseinwandel

Als besonders enttäuschend bezeichnete Flege, dass Deutschland nach wie vor "ein Vielfaches" in die Straße stecke, während etwa in der Schweiz und Österreich die Investitionen in die Schiene die in die Straße übertreffen. Deutlicher könne man nicht machen, "dass Deutschland dem Klimaschutz im Verkehr noch immer keine Priorität einräumt".

Die Menschen seien da schon weiter, hieß es. So zeige eine von der Allianz beauftrage repräsentative Umfrage von Civey "einen klaren Stimmungsumschwung" zugunsten der Schiene. Erstmals seit Beginn der Erhebung vor zwei Jahren fordere nun die mit 32,9 Prozent größte Gruppe einen "deutlichen stärkeren Ausbau" des Schienennetzes. Sie liege damit erstmals vor denen, die Schienen- und Straßenbau zu gleichen Teilen wollten (30,1 Prozent).

Flege meint dazu: "Nicht nur die Klimademonstrationen zeigen, dass die Politik umsteuern muss, wenn sie auf die Wünsche der Menschen eingehen möchte. Die Bevölkerung will eine wirksame Senkung der Treibhausgas-Emissionen. Sie will eine andere Verkehrspolitik." Darum könne und müsse jetzt das Bundeskabinett mit dem Haushalt 2020 zeigen, "dass es den Klimaschutz im Verkehr ernst nimmt".

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. Juni 2019 | 11:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Juni 2019, 17:18 Uhr

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6 Kommentare

18.06.2019 09:10 Mane 6

Ja die Bahn ist ein Haufen ? Geld wird für andere Sachen gebraucht.Müssen jeden Tag 500 neue Bürger bezahlen.

17.06.2019 21:37 Kristian Schulze 5

@Anton: Das wird die Autobahn 72 immer noch eher fertig als die Elektrifizierung der Bahnstrecke Leipzig-Chemnitz...

17.06.2019 20:12 GEWY38 4

Vielleicht sollte man erst mal Fernverkehr auf vorhandene Strecken bringen, die IC-züchtig ausgebaut sind. Ich denke da an Hof-Plauen-Zwickau-Chemnitz-Freiberg-DD wo es sofort weitergehen kann Richtung -Berlin-Norden. Alles nur Palaver wenn man Vorhandenes nicht nutzt. Dort wohnen 1,5 Mill. Menschen, die abgeschnitten sind.

17.06.2019 18:07 Anton 3

Die These, Straßenbau hat Vorrang, mit Beispiel von Autobahn 72 zu bestätigen... MDR hat feinen Humor... Ich möchte erinnern: ganze A72 sollte 2006 fertig sein. Im 2019 ist Bauende noch nicht in Sicht...

17.06.2019 14:12 Bernd 2

ja der Vorteil der Schweiz - ein relativ kleines Land und Strom um die Zuege elektrisch zu betreiben das nutzt man dort schon lange. Dazu kommen Puenktlichkeit und Freundlichkeit. Die Bahn ist schon ein umweltfreundliches System. Aus meiner Sicht ein Fehler, Haltestellen auf Hauptstrecken zu schliessen. Dann Strecken wo es sich lohnt wieder zu aktivieren. Gut das letzte Dorf wird man mit der Bahn nicht erreichen.

17.06.2019 12:56 Anton 1

Es gibt viele Dörfer, wo öffentliche Verkehr drei mal am Tag außer Samstag und Sonntag vorhanden ist - wenn überhaupt. Ich habe große Zweifel, daß die Regierung genug Mitteln ausgibt, um diese Dörfer mindestens einmal pro Stunde Tag und Nacht zu bedienen. Das bedeutet: ohne PKW gibt es kein Leben im Land. Investieren in Bahn - was bringt das? Lieber mehr für Straßen investieren und Steuer für Treibstoff senken, damit man im Dorf auch weiter leben könnte.