Landwirtschaft Pestizide: Schädlich für Anwohner?

Fünf Meter Abstand muss zwischen Feldern, auf denen Pestizide gesprüht werden, und Wohngrundstücken eingehalten werden. Dass die giftigen Stoffe weiter streuen, legt eine aktuelle Studie nahe. Das trifft auch die Gesundheit der Anwohner.

Wenn Bauern Pestizide auf ihre Felder spritzen, dann empfehlen einige Hersteller Schutzkleidung für die Landwirte – jedoch nicht für Menschen oder Tiere, die direkt neben dem Acker leben. Dabei legt eine aktuelle Studie nahe, dass diese Unkraut- und Insektenvernichter sogar sehr weit streuen.

Das Haus von Karin Thiel steht direkt neben einem Acker. Wenn der Landwirt auf seinem Rapsfeld wieder Pflanzenschutzmittel sprüht, dann gehe es der 67-Jährigen schlecht.

Wahnsinnige Kopfschmerzen, Schwindelgefühl und mit der Luft wird es immer schlimmer.

Karin Thiel Anwohnerin

Seit Jahren ginge das so, obwohl die Asthmatikerin schon lange dagegen protestiere. Zum Gesundheitsschutz der Fahrer gibt es Traktoren mit Überdruckkabinen und Belüftungsanlage. Während Karin Thiel und ihre Pferde nur wenige Meter daneben leben – Haus und Koppel stehen in einer Senke. Ihr Grundstück sei beim Sprühen in Schwaden gehüllt, erzählt sie.

Abdrift: Wie weit streuen die Pestizide

Doch wie weit wehen die Pestizide vom Feld weg zu den Nachbarn? Zum ersten Mal hat ein Ingenieurbüro systematisch Messungen zur sogenannten Abdrift angestellt. Biologin Maren Kruse-Plaß betreut das bundesweite Luft-Messprogramm im Auftrag der Bioanbauverbände und kennt die Situation von Anwohnern: "Das Problem-Bewusstsein wächst ganz stark."

Die Biologin Maren Kruse-Plaß betreut das bundesweite Luft-Messprogramm.
Die Biologin Maren Kruse-Plaß betreut systematische Messungen zur sogenannten Abdrift. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kruse-Plaß habe persönlich Familien getroffen, die sagen: "Wir wissen nicht, wie wir hier weiter leben sollen. Wir betreuen Kinder, die sensibel sind. Wir müssen reingehen, die haben Atembeschwerden." Dass Anwohner Atembeschwerden haben, höre sie sehr oft.

Karin Thiel hat mit ihren Protesten bislang nur erreicht, dass die Landwirte seit einigen Jahren die Spritzaktionen telefonisch ankündigen. Seit vergangenem April waren es neun chemische Wirkstoffe in sechs Pflanzenschutzmitteln. Ein Stoff, der dabei verwendet wurde: "Karate Zeon" – ein Mittel gegen Insekten. Laut Herstellerangaben ist Karate Zeon akut toxisch. Es kann beim Einatmen asthmaartige Symptome und Atembeschwerden verursachen.

Herbizide in Trinkwasser und Laub

Die verantwortlichen Besitzer des Feldes, die Brüder Thomas und Matthias K., wohnen nicht weit entfernt von Karin Thiel. Ein Interview mit MDR-exakt lehnen sie ab. Die Vorwürfe seien pauschal und einseitig, schreiben sie. "Wir halten uns beim Einsatz von Pflanzenschutzmittel strikt an die dafür geltenden Vorschriften und gehen sogar noch darüber hinaus."

Karin Thiel - betroffene Anwohnerin von Pestizid Abdrift.
Karin Thiel hat Anzeige gegen die Landwirte wegen versuchter Körperverletzung und Sachbeschädigung erstattet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Trotzdem fand ein Labor im Wasser der Pferdetränke Reste der gesprühten Mittel. "Einen Tag nach dem Spritzen hat ein Labor-Mitarbeiter einen Liter von dieser Flüssigkeit genommen und analysieren lassen", sagt Karin Thiel.

In der Probe wurden 0,4 Mikrogramm des Herbizid-Wirkstoffs Dimethenamid je Liter Wasser festgestellt – das Vierfache des für Trinkwasser zulässigen Grenzwerts. Doch offenbar sind auch das Gras sowie das Laub der Bäume belastet. Beides hat die Züchterin ebenfalls ins Labor gesandt. Darin fanden sich 54 Mikrogramm des Herbizids Metazachlor je Kilo – knapp das Dreifache des Grenzwerts für Lebensmittel.

Sind die Pferde in Gefahr?

Doch die Eigentümer des Feldes, dass sechs Meter von der Grundstücksgrenze entfernt liegt, schreiben dazu: "Es gibt keine Hinweise darauf, dass eine Abdrift stattfindet." Kurzum: Sie weisen die Verantwortung für die gefundenen Schadstoffe zurück.

Doch die bisherigen Studien der Biologin Kruse-Plaß legen nahe, dass Pestizide überraschend weit auf Reisen gehen. Nicht nur als Sprühtröpfchen, sondern auch verweht mit Stäuben oder verflüchtigt als Gas. "Wir finden es auch weit weg von den Feldern. Die werden direkt als dieses Gas über die Luft verteilt und da helfen keine sechs Meter."

Trotz dieser neuen Erkenntnisse sieht das geltende Recht lediglich einen Mindestabstand von fünf Metern zu bebauten Wohngrundstücken vor. Unter den weit transportierten Pestiziden fanden die Forscher auch zwei, die Thiels Nachbarn erst kürzlich gespritzt hatten.

Der Tierarzt untersucht den kranken Hengst Blacky.
Karin Thiel befürchtet, dass ihre gesamte Pferdezucht in Gefahr ist: Hengst Blacky ist bereits krank. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein brisanter Fall, denn Thomas und Matthias K. sind nur im Nebenerwerb Landwirte. Hauptberuflich ist Matthias K. Referatsleiter im Sächsischen Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft. Dass der Agrarexperte die neuesten Forschungen zur Abdrift nicht kennt, hält Karin Thiels Anwalt für ausgeschlossen: "Man wird erwarten können, dass jemand, der in einer höheren staatlichen Funktion arbeitet, ziemlich genau weiß, dass Pflanzenschutzmittel ein gefährliches Werkzeug sind."

Pestizid laut Hersteller krebserregend

Karin Thiels sagt, ihre gesamte Pferdezucht sei in Gefahr. Viele der Tiere hätten Atemprobleme. Der Tierarzt Matthias Mütze verfolgt das seit Jahren. So ist etwa der kleine Hengst "Blacky" ausgebildet für die Therapiearbeit mit schwerkranken Kindern. Nun ist er selber krank und nahezu unverkäuflich. "Das muss natürlich auch eine Ursache haben, eben Belastungen durch Toxine zum Beispiel", sagt der Veterinär. Matthias Mütze hält es für möglich, dass die Pestizide dabei eine Rolle spielen.

Karin Thiel und Maren Kruse-Plaß stellen einen Luftmessfilter auf.
Karin Thiel und Maren Kruse-Plaß stellen einen Luftmessfilter auf. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Labor hat Ende November Haarproben aus der Mähne einer Stute untersucht und dabei die Wirkstoffe Metazachlor und Dimethenamid nachgewiesen – die gleichen wie in der Tränke und im Laub. Es sind die Hauptwirkstoffe eines Herbizids mit dem Handelsnamen "Butisan Gold" - laut Herstellerangaben toxisch und vermutlich krebserregend.

Mitte September hat Karin Thiel Anzeige gegen die Landwirte wegen versuchter Körperverletzung und Sachbeschädigung erstattet, denn Tiere gelten vor dem Gesetz als Sache. "Ich erhoffe mir Gerechtigkeit, da ich als Anwohner immer betroffen bin", sagt sie.

Bisher fehlen der Pferdezüchterin endgültige Beweise für die Abdrift. Doch inzwischen hat die Biologin Maren Kruse-Plaß einen ihrer neuartigen Luftmessfilter auf der Koppel aufgestellt. Im Inneren befindet sich weißer Polyurithanschaum. Dieser bindet auch kleinste Mengen der flüchtigen Pestizide. Es könnte in einigen Monaten für mehr Klarheit sorgen.

Das bedeutet Abdrift: Pflanzenschutzmittel sollen beim Sprühen nur auf den Feldern landen. Wenn sie sich darüber hinaus verteilen, spricht man von "Abdrift". Flüssig mit dem Wind, als Anhaftung von Stäuben oder gasförmig über die Luft können die Mittel in angrenzende Gewässer, Gärten oder Nachbarfelder gelangen. Landwirte sollen bei der Anwendung von Pestiziden Technik und Meteorologie beachten – zum Beispiel die Spritzhöhe und die Windgeschwindigkeit. Zahlreiche Landwirte sind der Meinung, wenn sie sich an alle geltenden Vorschriften halten, sei eine Abdrift ausgeschlossen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 04. Dezember 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2019, 15:37 Uhr