Bauernproteste Beschlossen, aber nicht ausgereift: die neue Düngeverordnung

Ende März hat der Bundesrat die neue Düngeverordnung beschlossen. Um die Landwirte in der Corona-Krise nicht zusätzlich zu belasten, wird sie zeitgleich bis 2021 ausgesetzt. Lange gab es Streit um die neue Verordnung. Nitratwerte im Grundwasser müssten mehr hinterfragt werden, sagen die Landwirte von "Land schafft Verbindung".

Anfang März vor dem Umweltbundesamt in Dessau: Landwirt Martin Dippe steht auf einer provisorisch errichteten Bühne und fordert seine angereisten Mitstreiter zum lautstarken Protest auf. Bauern aus ganz Deutschland sind heute mit ihren Traktoren angereist, um gegen die Novellierung der Düngeverordnung zu protestieren. Diese liegt derzeit dem Bundesrat vor. Eine Entscheidung muss zeitnah fallen - auch weil aus Brüssel immer mehr Druck kommt. Bereits 2016 hatte die EU-Kommission Klage beim EuGH gegen Deutschland wegen Verletzung der EU-Nitratrichtlinie eingereicht. Deutschland reagierte und verabschiedete 2017 eine neue Düngeverordnung. Doch diese geht der EU-Kommission nicht weit genug. Nun muss nachgebessert werden, sonst drohen hohe Strafzahlungen.

Geringere Erträge durch neue Düngeverordnung befürchtet

Der neue Entwurf der Düngeverordnung sieht vor, dass Landwirte, die über einem belasteten Grundwasserleiter Landwirtschaft betreiben, ihre Düngung um 20% reduzieren sollen. Auch das Grundwasser unter den Äckern von Martin Dippe gilt als mit Nitrat belastet, es ist ein sogenanntes Rotes Gebiet.

Martin Dippe kann das jedoch nicht nachvollziehen. Sein Familienbetrieb betreibt reinen Ackerbau, hält keine Tiere. In der Düngung arbeite man mit den neusten technischen Möglichkeiten. Das bedeutet, bevor gedüngt wird, wird der Stickstoffgehalt im Boden analysiert und danach errechnet, wie viel Nährstoffe die Pflanzen benötigen, um optimal zu wachsen. Für diese Bilanzierung gibt es eine Dokumentationspflicht.

Wenn es Probleme gibt in Gebieten Deutschlands mit Nitrat-Einträgen, dann müssen wir da auch was tun.

Martin Dippe Landwirt
Ein Mann steht vor einem Traktoranhänger.
Martin Dippe ist Mitorganisator der Demo in Dessau ... Bildrechte: MDR/Benjamin Arnold

Doch es dürfe nicht sein, dass dadurch "unser Portmonee am Jahresende weniger gefüllt ist", sagt Martin Dippe. Denn die Landwirte müssten von ihrer Arbeit leben. "Und die Pflanzen brauchen Stickstoff und zwar bedarfsgerecht. Eine pauschale Reduzierung von Stickstoff macht aus unserer Sicht keinen Sinn." Er befürchtet, dass durch die Reduzierung der Düngung die Ernte eine schlechtere Qualität haben wird und damit weniger Umsatz abwirft. Der wirtschaftliche Druck in der Landwirtschaft ist hoch. Die Qualität der Ernte entscheidet über den Erfolg.

Bauern kritisieren EU-Messstellennetz für Nitratwerte

Die Landwirte wollen die neue Düngeverordnung mit allen Mitteln verhindern. Vor dem Umweltbundesamt in Dessau kritisieren sie dabei vor allem das bundesweite EU-Nitratmessnetz. Dieses dient der Berichterstattung nach Brüssel über die Nitratbelastung des Grundwassers in landwirtschaftlich genutzten Gebieten. Deutschland messe zu wenig und darüber hinaus an den falschen Stellen, so der Vorwurf der Landwirte. Diese Kritik ist nicht neu. Bereits 2012 bemängelte die EU eine zu geringe Messstellendichte in Deutschland.

Viele Menschen stehen auf einem Parkplatz und demonstrieren.
... und viele Landwirte folgten dem Ruf zum Protest. Bildrechte: MDR/Benjamin Arnold

Ursprünglich wurde ein sogenanntes Belastungsmessnetz mit 186 Messstellen betrieben. Die vor allem an Messpunkten lagen, an denen von einer erhöhten Grundwasserbelastung auszugehen war. Erst 2015 wurde das Messstellennetz auf 697 Messstellen ausgebaut. Die ermittelten Werte flossen erstmals 2016 in den Nitratbericht ein. Durch die Erweiterung sank die relative Anzahl der über dem Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter liegenden Messstellen von rund 50 Prozent auf knapp 28 Prozent.

Doch trotz des Ausbaus: Das deutsche EU-Nitrat-Messstellennetz ist nur schwer vergleichbar mit den Messnetzen in anderen EU-Mitgliedstaaten. Der EU-Durchschnitt liegt bei acht Messstellen pro 1.000 Quadratkilometern. In Deutschland sind es nur 1,9. Die EU definiert keine einheitliche Regelung für Messnetze. Es fehlen verbindliche Standards. Das kritisiert auch das Umweltbundesamt.

„Die EU-Kommission macht den Mitgliedstaaten keine Vorgaben, wie sie die Messnetze auszugestalten haben", sagt FAlk Hilliges vom Umweltbundesamt. Die Mitgliedstaaten könnten selbst entscheiden, wo sie ihre Netze aufbauen und betreiben. Deutschland melde nur die Messstellen, die unter landwirtschaftlichem Einfluß sind. "Es gibt aber andere Mitgliedstaaten, die ihr komplettes Messnetz berichten, sprich auch Messstellen, die unter Waldnutzung, unter Siedlungsnutzung oder unter anderer Nutzungsform sind. Das ist aus unserer Sicht fachlich nicht korrekt und wir haben das gegenüber der EU-Kommission auch so kund getan."

Messwerte können verursacht sein durch Jahrzehnte zurückliegende Düngepraxis

Bei der Bewertung, ob ein Grundwasserleiter als rot, also mit Nitrat belastet, oder als grün einzustufen sei, spielt das EU-Nitratmessnetz keine Rolle. Die Bundesländer betreiben ein weiteres Messnetz, das Wasserrahmenrichtlininen-Messnetz.

Mit mehreren Tausend Messstellen ist das WRRL-Netz im Vergleich zum EU-Nitratmessnetz deutlich differenzierter. Die Messergebnisse des WRRL-Messnetzes entscheiden darüber, ob ein Grundwasserkörper im schlechten chemischen Zustand ist und somit rot markiert wird, oder ob er als grün, im guten chemischen Zustand, eingestuft wird. Gemessen werden die Nitratwerte im Grundwasser. Und genau hier sehen viele Landwirte ein Problem.

Bis der auf den Äckern ausgebrachte Dünger im Grundwasser als Nitrat nachweisbar ist, vergehen je nach Beschaffenheit des Bodens Jahre, oft Jahrzehnte. Der Nitratgehalt im Grundwasser ist nur bedingt aussagekräftig über die derzeitige Düngepraxis der Landwirte auf den Äckern. Vielmehr zeigt er, wie viele Überschüsse in der Vergangenheit ins Grundwasser gelangt sind.

Dazu sind die Grundwasserkörper sehr groß. Auch Landwirte, die im Prinzip alles richtig machen, können sich in einem roten Gebiet befinden. Eine "Kollektivhaftung" aller Landwirte, basierend auf den Messwerten der Grundwasserkörper, bestrafe also oft die Falschen, so Martin Dippe. Der Mitorganisator der Proteste fordert: Statt die gesamte Branche in Haftung zu nehmen, sollten vielmehr Betriebe, die nach wie vor über Bedarf düngen, sanktioniert werden.

Sachsen und Sachsen-Anhalt mit Sonderweg gescheitert

Um zumindest eine genauere Differenzierung bei der Bewertung der Belastung der Grundwasserkörper vorzunehmen, hatten die Landwirtschaftsministerien von Sachsen und Sachsen-Anhalt eine sogenannte Binnendifferenzierung ausgearbeitet. Hier werden zuzüglich der Nitrat-Messwerte weitere Faktoren mit einbezogen. Zum Beispiel die Bodenqualität. Durch diese Binnendierenzierung konnte der Anteil der roten Gebiete deutlich gesenkt werden.

Doch dies wurde von der EU-Kommission nicht akzeptiert. Gefordert wird stattdessen eine in den Ländern einheitlich umgesetzte Methodik zur Bewertung der Roten Gebiete. In einer Arbeitsgruppe aus Bund und Ländern müssen sich die Akteure nun auf ein gemeinsames Vorgehen einigen. Die in Sachsen und Sachsen-Anhalt erarbeitete Binnendifferenzierung ist damit hinfällig.

"Ein ganz großes Problem liegt in der Unterschiedlichkeit der Art und Weise, wo Messstellen sind und was und wie auch gemeldet wird, in den Bundesländern", sagt Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). Deshalb werde nun in der Düngeverordnung eine Bundeseinheitlichkeit vorgeschreiben, die verursachergerecht sein werde. "Das heißt, dass derjenige, der dazu beiträgt, dass zu viel Nitrat ins Grundwasser gelangt, dass derjenige größere Einschränkungen hat als der andere Landwirt, der heute schon anders arbeitet."

Ein großes Versprechen von Julia Klöckner. Eingelöst wurde es bisher noch nicht. Doch das Landwirtschaftsministerium hat Zeit gewonnen. Auf Grund von Corona wird die neue Düngeverordnung bis 2021 ausgesetzt.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 05. März 2020 | 13:00 Uhr

7 Kommentare

part vor 28 Wochen

Nitrat im Grundwasser ist nur die eine Seite, dabei wird davon ausgegangen das jährlich bis zu 13 000 Tonnen Uran mit dem Kunstdünger auf deutschen Äckern verteilt wird. Eine Verordnung mit Grenzwerten dazu kenne ich bis heute nicht. Leider haben die Niederschläge im letzten Jahrzent stark nachgelassen, eine Verdünnung der Düngeeintragung findet damit unzureichend statt und die Grenzwertbelastung erhöht sich. Weniger Mineraldünger ist alsa geboten, wobei der Natürdünger oftmals durch Antibioti, GVO- Futter und Hormone verunreinigt ist und im normalen Straßenverkehr wie der Transport von Sondermüll behandelt wird.

Norbert 56 NRW vor 28 Wochen

Jaja und früher war alles aus Holz..
Sicher ist das so, um Kosten deckend zu arbeiten. Es gab auch Zeiten da wurde auf dem Hof geschlachtet, mal gut das dies vorbei ist. Jeder Bereich wird modernisiert egal ob in der Industrie dem Handwerk, oder halt in der Landwirtschaft. Nur seltsam das den wahren Gründen des Kostendruckes dafür immer aus dem Weg gegangen wird und das ist schlicht der Verbraucher. Das regelt auch der in Schieflage geratene Markt nicht mehr selbst. Ich möchte auch weder Kartoffeln aus Polen oder Tomaten aus Holland. Nur das ist den meisten halt schlicht egal. Aber auch da wird die Landwirtschaft nicht anders betrieben.

Auf der Sonnenseite des Lebens vor 28 Wochen

"Hier werden zuzüglich der Nitrat-Messwerte weitere Faktoren mit einbezogen."

Wo und wann wird gemessen? Das muss doch erst mal geklärt sein?
Machen wir nach der Automobilindustrie jetzt die Landwirtschaft in Deutschland kaputt.
Ist dies das Ziel von RRG?

Es kann doch nicht sein, das es im Jahr 2020 keine georeferenzierte Karte mit den Messstellen gibt?