Eine Männerhand hält eine Kinderhand fest
Fazit einer Fallstudie: Kindesmissbrauch war in der DDR ein noch größeres Tabu als in der BRD. Bildrechte: Colourbox.de

Fallstudie Kindesmissbrauch war in DDR kaum Thema

In der DDR ist sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen stärker tabuisiert worden als im Westen. Eine Falluntersuchung kommt zu dem Schluss, dass durch das repressive System Vorfälle im privaten Bereich und in staatlichen Einrichtungen wie Kinderheimen kaum thematisiert wurden.

Eine Männerhand hält eine Kinderhand fest
Fazit einer Fallstudie: Kindesmissbrauch war in der DDR ein noch größeres Tabu als in der BRD. Bildrechte: Colourbox.de

Kindesmissbrauch ist in der DDR stärker und länger tabuisiert worden als im Westen. Sexueller Missbrauch habe nicht in das Bild der "heilen sozialistischen Gesellschaft" gepasst, heißt es in einer Fallstudie der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs.

Demnach wurde weder privat noch öffentlich über sexuelle Gewalt in Familien oder in staatlichen Einrichtungen gesprochen, obgleich es den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der DDR in allen Schichten gegeben habe, ähnlich wie in der alten Bundesrepublik.

Menschen, die in der Familie missbraucht wurden, berichten in der Untersuchung von einer "hochgradigen Verschwiegenheitspflicht". Nach außen habe das Bild "einer glücklichen Musterfamilie der DDR" gelebt werden müssen.

Fälle in staatlichen Einrichtungen tabuisiert

Gleichzeitig spielten der Untersuchung zufolge das politische Machtsystem und das repressive Erziehungssystem in der DDR eine besondere Rolle.

Christine Bergmann und Corinna Thalheim auf einer Pressekonferenz
Ex-Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (l) und Corinna Thalheim, Vorsitzende der Betroffeneninitiative "Missbrauch in DDR-Heimen e.V." stellen die Studie vor. Bildrechte: dpa

So gab es zahlreiche Missbrauchsfälle in staatlichen Institutionen wie Heimen und Jugendwerkhöfen, aber auch in Schulen, Musikschulen oder Freizeiteinrichtungen wie der Pioniereisenbahn.

Wenn Kinder und Jugendliche nach Misshandlungen und sexuellem Missbrauch versuchten, aus Heimen und Werkhöfen zu fliehen, endete diese Flucht spätestens an der Staatsgrenze. Flucht- und Suizidversuche führten meist zur Verlegung in restriktivere Heime bis hin zu den geschlossenen Jugendwerkhöfen.

Innerhalb der Geschlossenheit der Heime konnte sexueller Missbrauch ausgeübt, verdeckt und normalisiert werden.

Aus dem Bericht der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs in der DDR

Der ideologisch begründete Erziehungsauftrag der Heime - die Umerziehung - führte demnach zu Willkür auf Seiten der Täter und zu einem "extremen Ausgeliefertsein auf der Opferseite".

Tabu wirkt bis heute

Christine Bergmann, Kommissionsmitglied und frühere Bundesfamilienministerin, erläutert: "Das Schweigen wirkte lange nach und hält bis heute an". Noch immer sagten Betroffene, dass sie kaum über ihren Heimaufenthalt in der DDR oder über die erlittene sexualisierte Gewalt sprechen könnten.

Betroffene fanden, wenn überhaupt, erst nach dem Ende der DDR Gehör über die erlittene sexuelle Gewalt und therapeutische Unterstützung. Es fehlen dem Bericht zufolge passende Selbsthilfegruppen und Beratungseinrichtungen sowie Therapieangebote sowie finanzielle Hilfe.

Die Kommission hatte im Mai 2016 ihre Arbeit aufgenommen. Sie untersucht sämtliche Formen von sexuellem Kindesmissbrauch in der Bundesrepublik und in der DDR. Für die Fallstudie wurden 75 dieser Anhörungen und 27 Berichte ausgewertet. 

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 06. März 2019 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. März 2019, 13:05 Uhr

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57 Kommentare

09.03.2019 07:47 Frührentner 57

warum wurden die Insannen des "Hübner-Wesolek" Jugendwrkhofes abschätzig: Brassi's genannt? Die zogen wochntags in Gruppen durch die Stadt zu den VEB Betrieben zum Arbeiten und Ausbidung, hatten meist schlechte Aussprache und waren oft Verhaltensauffällig - Missbrauchsfälle sind mir keine bekannt - "Erzieher" sind dort heute (kirchlich) noch

08.03.2019 15:41 Fragender Rentner 56

Na komisch, wenn etwas im guten Teil der EU nicht so klappt, da hat man gleich das Schlimme der DDR bei der Hand?

Wie ging mal früher ein Sprichwort, das mit dem Glashaus und dem Stein?

07.03.2019 11:43 Wessi 55

Ich verstehe das nicht.Da wird ein ganz schlimmes Kapitel thematisiert und ein Teil der ehemaligen DDR-Bürger gebährdet sich hier als wären die DDR-Bürger soetwas wie "Übermenschen".Uns im Westen wurden sie derzeit tw. so geschildert als seien sie "grüne Männchen" also jeglichem Menschlichen entgegengesetzt! In jedem diktatatorischem System wird qua diesem verschwiegen, wenn etwas negativ ist! Warum sollte das in der DDR anders gewesen sein? Könnte man vllt. einmal die Möglichkeit erwägen, daß möglich gewesen sein könnte, daß weniger angezeigt wurde...aus Angst od. Systemablehnung-, resp. auch Zustimmung?Dieser Diskurs ist einfach widerlich, ob+wer im Lande am Schlimmsten war, ist so irrelevant.Jeder einzelne Fall ist ekelhaft.

07.03.2019 11:29 Ralph 54

Diese Fallstudie basiert auf 29 Betroffenerberichte. Ich hege Zweifel an der wissenschaftlichen Präferenz einer solchen Studie. Andere Quellen, wie Akten bei Jugendämtern, der BStU usw. wurden nicht hinzugezogen. Aus diesen 29 sehr bedauerlichen Einzelfällen veralgemeinerungsfähige Schlüsse zu ziehen ist grober Unfug. Richtig ist: In der DDR war die Berichterstattung über Straftaten sehr eingeschränkt. Das ist aber nicht gleichzusetzen mit Verharmlosung von Straftaten, wie Kindesmißbrauch. Die Offenheit der Gesellschaft war in Ost wie West in den 70-er und 80-er Jahren noch eine andere als heute. Das sollte uns bei der Bewertung der Geschichte immer wieder bewußt sein.

07.03.2019 10:37 Sputnik 53

Wenn es diese Vorkommnisse gab, die unter der Decke gahalten werden sollten, dann kann man doch heute nennen:
-welche Einrichtung
-in welchen Jahren
und schon findet man Personen die dort gearbeitet haben.
Wenn man es nicht veröffentlicht, ist für mich diese Studie sehr anrüchig.
Sexueller Missbrauch, der in der DDR bekannt wurde, wurde auch entsprechen mit Haftstrafe geahndet.

07.03.2019 09:39 Mira Schiller 52

Auch ich kann als "gelernte DDR-Frau" vielfach bestätigen, dass Gewalt jeglicher Art in der DDR eben nicht verschwiegen wurde; auch nicht in POS-Schulen, wenn Lehrer verhaltensauffällige Schüler mitbekamen und die Eltern direkt fragten, ob sie ihren Kindern Gewalt antun.
Wenn ich als heutiger Journalist nur abschreibe, werde ich nicht den Grundsätzen der Pressegesetze gerecht. Viel schlimmer ist die gleichzeitige Respektlosigkeit gegenüber den Interagierenden in der Vergangenheit und die Folgen ihrer lebenslangen Traumatisierung.
Bemerkennswert finde ich die Gruppe, die bei der Vorstellung der Fallstudie ganz vorn am Tisch saß. NUR Frauen (äußerliche Wahrnehmung), aber kein Anklagender. Die angeblichen Opfervertreter sind mir etwas suspekt, weil sie eher politisch als sachlich arbeiten! ZUdem stehen wir kurz vor den Superwahlen...
Und wer denkt, Gewalt im Osten Deutschlands gibt es nicht mehr, der irrt gewaltig.
Haasenburg lebt fort, bis zum jüngsten Tag!

07.03.2019 09:21 Bürger der früheren DDR 51

die Worte " länger" und "stärker" sind Ausdruck dafür, dass ein Vergleich gezogen wurde. Womit wurde verglichen und wie wurde verglichen?

07.03.2019 07:56 kleinerfrontkaempfer 50

=>"DDR in allen Schichten gegeben habe, ähnlich wie in der alten Bundesrepublik."
Eine Ähnlichkeit kann man aber nicht entdecken:
In der alten , gebrauchten Bundesrepublik sind diese Vorfällen schon immer auch (marktgerecht) ein Warenobjekt, mit Preis und Nachfrage in D-Mark und Euro. Einfach abstoßend und abscheulich.

07.03.2019 07:51 Generation 55+ 49

Jugendwerkhöfe gab es viele in der DDR. Das war kein Knast! Die gingen zu Fuß durch die Stadt in die Betriebe zur Ausbildung. Zur Städtischen Reinigung wo die Wäsche der Bevölkerung gewaschen und gemangelt wurde, in Industriebetriebe und nach Feierabend zu Fuß Gruppenweise zurück. Klar gab es auch mal "Ausreißer" - nur wer diese humane Art der "Erziehung" mißachtete kam nach Torgau. Das wußten alle das es dort strenger zuging. Die Vergewaltigungsvorwürfe Krimineller Jugendlicher sind eher unglaubhaft.

07.03.2019 01:16 DER Beobachter @ Anmerkung 19 48

Meine Erfahrungen (1975 eingeschult) sind durchaus andere: eine Klassenkameradin wurde von einem Lehrer geschwängert. Ungefähr zeitgleich schwängerte er eine Lehrerin. Die Klassenkameradin und die Lehrerin wurden versetzt, der schwängernde Genosse blieb. Klingt nach Klischee, ist aber Tatsache. Niemand sprach offen darüber, aber alle wussten es. In meiner Klasse gab es insgesamt zu verschiedenen Zeiten 4 Mitschüler (1 weibl.), die plötzlich bei uns waren und plötzlich "in den Jugendwerkhof" gingen. Mit zwei von ihnen verbrachte ich durchaus auch mit Dummheiten Freizeit. Alle stammten aus dem, was ich damals nicht durchschaute und was man heute mit "prekären Verhältnissen" (alleinstehende minderqualifizierte Mutter mit mehreren Kindern und gewalttätigem Lebensabschnittsgefährten) umschreiben würde. Sie fanden weder familiäre noch gesellschaftliche Unterstützung. Was aus ihnen wurde, weiß ich nicht.