Betriebsrente - Schild mit Schriftzug vor Cent-Münzen.
Die höheren Abzüge bei der Betriebsrente sind 2004 durch ein Gesetz beschlossen worden. Klagen dagegen waren erfolglos. Bildrechte: imago/Steinach

Gesetzesänderung gefordert Fast 20 Prozent vieler Betriebsrenten gehen verloren

Wer im Alter gut leben will, sollte sich nicht auf die staatliche Rente verlassen. Millionen Deutsche haben deshalb Betriebsrenten abgeschlossen. Meistens zahlt der Arbeitgeber dort einen Teil des Gehalts direkt ein. Die ersparte Summe bekommt man dann mit Renteneintritt ausgezahlt. Doch viele Versicherte erleben dann eine böse Überraschung. Denn die Krankenkassen ziehen erst einmal Versicherungsbeiträge ab – nicht nur einmal, sondern gleich doppelt.

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Betriebsrente - Schild mit Schriftzug vor Cent-Münzen.
Die höheren Abzüge bei der Betriebsrente sind 2004 durch ein Gesetz beschlossen worden. Klagen dagegen waren erfolglos. Bildrechte: imago/Steinach

Wenn Winfried Lachnit in seinen Akten blättert, kommt der ganze Ärger wieder hoch. Der pensionierte Informatikprofessor hat 1993 eine Betriebsrente abgeschlossen. Jeden Monat zahlten er und sein Arbeitgeber dort ein. Mit Rentenbeginn hatte Lachnit inklusive Rendite 120.000 Euro angespart.

Betroffene verlieren Zehntausende Euro

Doch zur Auszahlung schickte ihm seine Krankenkasse eine dicke Rechnung. Lachnit erklärt: "Die Krankenkasse hat mir mitgeteilt, dass ich aufgrund eines Gesetzes, das 2004 erlassen wurde, rückwirkend auch für diese alten Verträge Beiträge zahlen muss. Mir gehen dadurch fast 20.000 Euro verloren. Das ist im Grunde eine Schweinerei. Letzten Endes wird dort alles, was an Rendite angefallen ist, aufgesaugt und noch zusätzlich verbraucht."

Tatsächlich wusste Lachnit bei Vertragsabschluss nicht, dass auf das Ersparte noch Beiträge fällig werden. Erst 2004 beschloss die Bundesregierung, dass auf die Auszahlung sogenannter Direktversicherungen Kranken- und Pflegekassenbeiträge fällig werden. Das gilt auch rückwirkend für bestehende Verträge. Die Betroffenen bezahlen als Rentner jetzt beides: den Arbeitnehmeranteil und den Arbeitgeberanteil. So gehen in Summe fast 20 Prozent des Angesparten an die Sozialkassen.

Viele Beschwerden bei der Verbraucherzentrale Sachsen

Jede Woche melden sich allein bei der Verbraucherzentrale Sachsen zwei bis drei Betroffene, sagt Beraterin Andrea Heyer: "Die Verbraucher haben natürlich darauf vertraut, dass nicht nachträglich in ihre Verträge seitens des Gesetzgebers eingegriffen wird. Dann geschieht das auch noch so einseitig zu ihren Lasten. Wir würden uns wünschen, dass diese Situation beseitigt wird. Die betriebliche Altersvorsorge muss wieder attraktiver gemacht werden. Eine Möglichkeit wäre, zu der alten gesetzlichen Regelung zurückzukehren. Sie galt bis 2004."

Damals mussten Bezieher einer Betriebsrente zwar auch schon Kassenbeiträge bezahlen. Das war allerdings nur der einfache Arbeitnehmersatz, also halb so viel wie heute. Würde man dahin zurückkehren, müssten die Sozialkassen jährlich mit knapp drei Milliarden Euro weniger auskommen.

Klagen gegen die Beitragsbescheide immer ohne Erfolg

Ann Marini, Sprecherin beim Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen, erklärt dazu: "Es gibt immer noch Krankenkassen, die sehr genau rechnen müssen. Die sind natürlich froh, wenn sie vom Gesetzgeber seit 2004 die Möglichkeit haben, Krankenkassenbeiträge auf diese Auszahlungen zu erheben. Aber aus Sicht der Betroffenen kann man es natürlich menschlich verstehen, dass die das nicht freut."

Viele Betroffene haben gegen die Beitragsbescheide der Kassen geklagt. Erfolg hatten sie damit nie. Matthias W. Birkwald würde das Gesetz gern ändern. Der rentenpolitische Sprecher der Linken spricht von Ausplünderung. Statt die Betriebsrenten so hoch zu belasten, sollten alle etwas mehr in die Sozialkassen einzahlen.

Gesetzesänderung im Koalitionsvertrag verschwunden

Birkwald sagt: "Von den Gesundheitspolitkern wird immer behauptet, dass das alles nicht finanzierbar sei, wenn man das Problem löste. Das stimmt nicht. Wenn man das ändert, müssten die Krankenversicherungsbeiträge um 0,18 Prozent angehoben werden. Das sind 0,09 Prozent für den Beschäftigten und das Gleiche für den Arbeitgeber. Umgerechnet bei einem Bruttolohn von 3.000 Euro sind das 2,70 Euro im Monat mehr. Das dürfte doch die Gerechtigkeit den Menschen Wert sein."

In der geplanten Großen Koalition sieht man das offenbar anders. Im Entwurf des Koalitionsvertrages wurde eine Gesetzesänderung noch zugesagt. In der Endfassung steht die betreffende Passage nicht mehr drin.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 21. Februar 2018 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Februar 2018, 05:00 Uhr

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47 Kommentare

23.02.2018 11:25 Ernst Albrecht 47

Bitte korrigieren Sie: Machen Sie aus der staatlichen Rente, die es in Deutschland gar nicht gibt, die deutsche Rente (deutsche Rentenversicherung).

Ansonsten kann ich dem Artikel nur zustimmen.

23.02.2018 10:04 E. Stopp 46

Als Versicherungsmakler empfehle ich weder BAV, noch Rürup- oder Riester R Enten. Es sind ganz einfach gesagt Enteignungsprodukte. Denn es ist garantiert, dass nichts garantiert ist, siehe u.a. VAG § 314. Auch BAV lohnt sich nicht, nicht erst seit der Doppelverbeitragung zur BAV, auch wegen der wegfallenden Rentenpunkte in der gesetzl. Rente.
Nur durch die Stärkung der gesetzl.Rente kann Altersarmut verhindert werden.
Eberhard Stopp Versicherungsmakler

22.02.2018 16:37 Fragender Rentner 45

Wenn der AG mindestens 20% bis 25% für die bAV mit einzahlt dann ist das Ding für den AN gut.

Weil der AG Kosten einspart, deshalb ist das Teil für den AG gut.

22.02.2018 16:28 Fragender Rentner 44

@Frank Müller zu 43

Für den Teil der vom Brutto an die bAV abgeführt wurde, ist kein Beitrag in die KV abgeflossen, weil der Bruttobeitrag gemindert wurde.

Als Beispiel ohne Abführung in die bAV, 5.000,- Brutto, so werden für die 5.000,- volle Beiträge in die KV usw. abgeführt.

Als Beispiel mit bAV werden werden dahin 500,- Brutto abgeführt, so werden nur auf die 4.500,- Brutto Sozialleistungen abgeführt.

Der AN und der AG zahlen also weniger Beiträge ein.

Man mindert also auch seine Ansprüche für die Rente, in dem Beispiel werden also 500,- € weniger für die gesetzliche Rente angerechnet.

Im Krankheitsfall, gibt es auch weniger Krankengeld. :-(

22.02.2018 12:17 Frank Müller 43

Die, die schon in der Anzahlungsphase der Direktversicherung ihren Beitrag an die Krankenkasse geleistet haben, müßen dann bei der Auszahlung nochmals doppelt zahlen!
Das heißt die damals junge Generation wurde schon belastet um dann als alte Generation nochmals doppelt zu zahlen!
Warum wird jetzt die junge Generation bei der Einzahlung ab 2004 von der Zahlung befreit?
- Warum muß jemand, der privat versichert ist, dies nicht bezahlen?
- Warum hat jemand der nicht vorgesorgt hat, mehr, als derjenige der vorgesorgt hat?
- Warum wird bei der Auszahlung der betrieblichen Riesterverträge die Beitragsfreiheit eingeführt und nicht bei den Direktversicherungen, die vor 2004 abgeschlossen wurden?
- Wieso werden Direktversicherungen als betriebliche Altersversorgung betrachtet, wenn der Arbeitgeber nichts dazu bezahlt hat?
Dies kann kein Normalsterblicher verstehen.
Ich zahle mir meine eigene Altersversorgung aus meinem Vermögen selbst. Absolutes Draufzahlgeschäft!

22.02.2018 11:08 Maria 42

Denen darben fällt immer wieder etwas Neues ein Umgeld für unsere Neubürger zu bekommen,denn diekassensind wahrscheinlich schon fast leer, da holen wir uns das doch am besten beiden Rentnern die diese Verträge schon vor der Gesetzesänderung abgeschlossen haben also ohne diese Klausel. Das ist der größte Betrug dagegen müssen wir alle etwas unternehmen, man kriegt schon die Mindestrente und dann werden einem noch die paar Kröten genommen . Viele gehen schon zur Tafel , wollen die uns gleich in die Kiste packen damit sie die gesamte rentenzahlung noch sparen. Ich finde diese Politiker zum kotzen undhoffe das sie den verdienten Denkzettel bekommen. Es reicht jetztendgültig.hier sind Menschen eingewandert mit zwei Frauen und zig Kindern die hier vollverpflegung bekommen aber das wollen sie nun von den Rentnern wieder haben. Dann sollen sie ihre Diäten kürzen und schon haut es hin.

22.02.2018 10:16 Fragender Rentner 41

@19HK57 zu 35

Du müßtest dir mal ausrechnen lassen, was du bei der gesetzlichen Rente noch eingebüßt hast.

Denn dein Bruttobetrag des Verdiendstes für die RV wurde durch die bAV noch gemindert.

21.02.2018 21:31 wwdd 40

Auch unsere Sozialkassen und das Finanzamt müssen leben und fordern ihren Anteil. Das müssen und werden die Sparer doch verstehen.

21.02.2018 21:24 ralf meier 39

@19HK57 Nr 35: Sie schreiben :'Tolle Leistung, dass diejenigen, die etwas für das Alter ansparen wollten jetzt für alle die Krankenkassenbeiträge niedrig halten.'

Das, was man jetzt denjenigen abnimmt. die fürs Alter vorsorgen wollten, wird nicht reichen, um die Beiträge für alle niedrig zu halten, Schließlich müssen zusätzliche Milliarden für die Schutzsuchenden bereitgestellt werden, denen unsere Regierung großzügig den Zugriff auf unsere Sozialsysteme gestattet hat.

21.02.2018 18:13 Gohlis 38

Es ist wirklich überfällig, dass sich zumindest der MDR mal dem leidigen Thema Betriebsrenten annimmt. Am schlimmsten ist es für die Arbeitnehmer, die in Zwangsbetriebsrenten automatisch einzahlen müssen, selbst wenn das gegen ihren Willen ist. Allein zu diesem Thema wäre mal eine Sondersendung zur besten Sendezeit angebracht. Seit dem Tarifvertrag 2015/16 hat sich zum Beispiel der Eigenbeitrag in der VBL Ost des Öffentlichen Dienstes derart exorbitant erhöht, dass man nur keine Minusrendite macht, wenn man mindestens 85-90 Jahre alt wird. Jedes langfristige Anlagemodell, welches gerne samstags nach 8:45 Uhr auf mdr aktuell empfohlen wird, hätte da weit mehr Rendite. Aber die Gewerkschaften forcieren den Verlust noch, denn sie haben lukrative Aufsichtsratposten bei VBL in Karlsruhe. Leider gibt es keinen Aufschrei bei den Arbeitnehmern, da viele Leute in Tarifangelegenheiten völlig ahnungslos sind. Aber gerade diese Mehrheit der Menschen braucht die Hilfe der Medien.