Bau der Berliner Mauer am Postdamer Platz 1961
Trotz Mauer und selbsterklärtem Antifaschismus: Auch die DDR beschäftigte frühere NS-Kader in hohen Positionen. Bildrechte: dpa

Studie zu Innenministerien in Ost und West Führende DDR-Funktionäre hatten NS-Vergangenheit

Zwölf Jahre dauerte die Herrschaft der Nationalsozialisten - doch auch nach 1945 setzten wichtige NS-Kader ihre Karriere fort. Das galt auch für die selbsternannte antifaschistische DDR. Eine Studie gibt nun detaillierte Einblicke in die Innenministerien von Ost- und Westdeutschland.

von Simon Köppl, Hauptstadtstudio MDR AKTUELL

Bau der Berliner Mauer am Postdamer Platz 1961
Trotz Mauer und selbsterklärtem Antifaschismus: Auch die DDR beschäftigte frühere NS-Kader in hohen Positionen. Bildrechte: dpa

Dass auch alte Kader des NS-Regimes in der jungen Bundesrepublik Karriere machten, ist weitestgehend bekannt. Dass die gleichen Kader aber auch im Verwaltungsapparat des selbsternannten antifaschistischen DDR-Regimes Karriere machten, wissen die Wenigsten.

Den Anstoß zu einer umfassenden Studie darüber hatte der damalige Innenminister Thomas de Maizére 2014 gegeben. Er ließ neben dem Bonner Bundesinnenministeriums (BMI) auch das Ministerium des Inneren (MdI) der DDR untersuchen. Herausgekommen ist eine 800-seitige Studie, die jetzt vorliegt. Erarbeitet wurde sie vom Institut für Zeithistorische Forschung in Potsdam und vom Institut für Zeitgeschichte in München.

Dabei sei es nie nur darum gegangen reine "Nazi-Zählerei"zu betreiben, sagt Frank Bösch, Mitherausgeber und Leiter des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung bei der Vorstellung in Berlin. Vielmehr ging es um die Biographien der Menschen mit Führungsverantwortung, die mit ihren Entscheidungen und ihren Ideen die Gesellschaft der jungen Bundesrepublik und der DDR mitbestimmten. Aber auch die Arbeitsweisen und das Selbstverständnis der Behörden werden beschrieben.

BRD: Zwei Drittel mit NSDAP-Parteibuch

Ein Vergleich: zuerst der Blick in die damalige Bundesrepublik. Im Jahr 1960 hatten etwa zwei Drittel der Führungskräfte im damaligen Bundesinnenministerium ein Parteibuch der NSDAP. Dabei handelte es sich weniger um Beamte aus dem ehemaligen Reichsministerium, sondern vielmehr um Verwaltungsexperten. Auch eher aus regionalen Verwaltungen.

Ein Beispiel aus der Studie: So war der Leiter der Sozialabteilung Gerhard Scheffler vor 1945 Oberbürgermeister von Posen und damit "in die lokale Vernichtungspolitik eingebunden". Andere Beamte des BMI waren zu Hitlers Zeiten sogar Mitglieder der SS oder SA. Mancher verschwieg seinen Lebenslauf und blieb unentdeckt, auch weil es niemand kontrollierte. Zu diesem Schluss kommen die Macher der Studie.

DDR: Altkommunisten und unerfahrene Mitarbeiter

Das DDR-Regime dagegen kontrollierte nach außen hin sehr wohl, wer im damaligen Ministerium des Inneren die Geschicke der Deutschen Demokratischen Republik mitbestimmen durfte. Es gehörte zum selbsterklärten antifaschistischen Selbstbild. Dennoch finden sich auch in der DDR-Behörde zahlreiche Experten aus der Nazi-Zeit. Sehr viel mehr, als die Macher der Studie vermutet haben.

Insgesamt waren in der Leitungsebene elf Prozent der Personen Mitglieder der NSDAP. Besonders in den zivilen Bereichen, beim wissenschaftlichen Dienst, dem Archiv oder dem militärischen Wetterdienst wurde auf das Fachwissen von Menschen zurückgegriffen, die schon im Nationalsozialismus in Ministerien gearbeitet hatten. "In diesen weniger politisierten Bereichen akzeptierte die SED eine fortgesetzte Expertenkultur, die an ihre Arbeitserfahrungen und Netzwerke der Zeit vor 1945 unmittelbar anschließen konnte", so die Einschätzung der Autoren.

Auch zahlreiche Verordnungen und Rechtsgrundlagen aus der Nazi-Zeit blieben in der DDR weiter bestehen, wohl, auch um stärkeren Zugriff auf die Bevölkerung zu haben. So wurde zum Beispiel die Strafprozessordnung, die Gerichtsprozesse regelt, erst 1968 geändert. Zudem ging es am MdI deutlich militärischer zu als in Bonn. Hier hatten die meisten Führungskräfte militärische Ränge. "Da kamen die Angestellten auch mit der Dienstwaffe zur Arbeit", erklärt Andreas Wirsching, Mitherausgeber der Studie und Leiter des Instituts für Zeitgeschichte in München.    

Experten mit NSDAP-Parteibuch

Durch die umfassende Quellenarbeit und die Interviews mit Zeitzeugen lässt sich durch diese Studie detailliert nachvollziehen, wie in den frühen Jahren der BRD und der DDR in den Innenministerien gearbeitet wurde und welche konkreten Personen auch mit NS-Vergangenheit dort Verantwortung trugen. Ein Fazit der Autoren: In BRD und DDR konnten alte NS-Kader Karriere machen - wohl auch, weil hüben wie drüben nicht so genau hingeschaut wurde.

Wohingegen es in der Bundesrepublik in den späten 60ern zumindest zu einer gesellschaftlichen Diskussion und einer öffentlichen Auseinandersetzung kam. In der DDR wurde unter dem Deckmantel des Antifaschismus vieles unter den Teppich gekehrt. Die Studie "Die Hüter der Ordnung" gibt jetzt einen umfassend Einblick in den Umgang der unterschiedlichen Systeme mit der gleichen Vergangenheit. Oder wie Andreas Wirsching es sagt: "Es ist dieselbe deutsche Geschichte. Es sind dieselben Menschen, die vor und nach 1945 agierten."

Die Studie: Frank Bösch, Andreas Wirsching (Hg.): "Die Hüter der Ordnung. Die Innenministerien in Bonn und Ost-Berlin nach dem Nationalsozialismus."
Wallstein Verlag
34,90 Euro
837 Seiten

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 20. Juni 2018 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Juni 2018, 17:35 Uhr

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94 Kommentare

22.06.2018 16:27 Ullrich 94

@Bürger der früheren DDR
Stimmt, wobei Verfahren auch immer wieder neue Aspekte bringen. Es ist auch in Ordnung, dass es in einem Rechtsstaat zu keinem Prozess kam.
Über Margarete Hielscher wollen sie sich dann offensichtlich nicht äußern! "...Obwohl es einen hinreichenden Verdacht der Mitwirkung Hielschers an Tötungen von Kindern in der Kinderfachabteilung von Stadtroda gab, wurde Hielscher nicht vor Gericht gestellt..." Quelle Stern online 27. Juli 2005 Soviel dazu.

22.06.2018 15:58 Antifaschist 93

Die bloße Mitgliedschaft in der NSDAP allein sagt nur bedingt etwas aus. Andererseits ist aber ein Anteil von 2/3 des Beamtenapparats (höher als in der Nazizeit!) der Beleg dafür, dass die Nazi-Karrieren und -Strukturen in Westdeutschland nahtlos und politisch gewollt fortgesetzt werden konnten. In der DDR gab es den Antifaschismus, der genau das eben verhinderte, ausmistete und neu organisierte. Dass einzelne Karrieren fachlich fortgesetzt werden konnten, steht auf einem anderen Blatt. Also liegt der Missstand hier ausschließlich im Westen - es ist unredlich und durchsichtig, den Antifaschismus zu diskreditieren!
Übrigens liegt der Anteil derjenigen, die aus dem Westen in die DDR flohen, an allen "Rübermachern" etwa bei 10 %.
Aufzuarbeiten ist also auch im Westen so einiges und nicht bloß nur in der DDR, so etwa bei der Heimerziehung und politischen Verfolgung.

22.06.2018 13:41 Querdenker 92

Zitat bzgl. DDR: „Insgesamt waren in der Leitungsebene elf Prozent der Personen Mitglieder der NSDAP. Besonders in den zivilen Bereichen, beim wissenschaftlichen Dienst, dem Archiv oder dem militärischen Wetterdienst wurde auf das Fachwissen von Menschen zurückgegriffen, die schon im Nationalsozialismus in Ministerien gearbeitet hatten.“

Also „Sturm im Wasserglas“. Natürlich konnte die DDR nicht auf alle mit Parteibuch der NSDAP verzichten. Die Mitgliederanzahl lag 1945 bei etwa 7,5 Millionen. Nur mit Parteibuch konnte man oft einen höheren Posten erreichen in vielen Bereichen auch Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung. Hinzu kommt der Braindrain durch die BRD. Man musste also Kompromisse eingehen.

22.06.2018 13:33 Jan 91

Es ist also KEIN Mythos, dass in der DDR eine Entnazifizierung in wesentlich größeren Umfang stattgefunden hat, als in der Bundesrepublik. Nun ist dieses auch noch wissenschaftlich belegt.
Sicherlich wären hier noch Detailfragen bzgl. der Studie zu erörtern (Was bedeutet "Führungsfunktion" - bis auf welche Ebene). Eine Kontinuität in der Spitze, wie in der Bundesrepublik üblich, gab es jedoch in der DDR nicht.

22.06.2018 13:12 Pfingstrose 90

Sehr geehrte Redaktion MDR! Richten sie nicht nur ihren Blick mit ihren Beitrag auf die damalige DDR sondern auch auf die alten Bundesländer: Das Justizministerium der jungen Bundesrepublik hat nach dem Zweiten Weltkrieg eine Vielzahl ehemaliger Nazi-Juristen übernommen. Bis 1973 habe es im Bonner Ministerium insgesamt 170 Abteilungs-, Unterabteilungs- und Referatsleiter gegeben; 53 Prozent davon seien ehemalige NSDAP-Mitglieder gewesen. Zu diesem Ergebnis kommt eine unabhängige wissenschaftliche Kommission, deren Abschlussbericht, Die Akte Rosenburg, Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) am Montag in Berlin vorstellen wird. Auszüge des Berichts liegen der Süddeutschen Zeitung und der Deutschen Presse-Agentur bereits vor. Demnach war jeder Fünfte dieser 170 leitenden Juristen im Bundesministerium ein früherer SA-Mann und 16 Prozent saßen schon im ehemaligen Reichsministerium der Justiz. Also dies nur zu ihren Beitrag Führende DDR-Funktionäre hatten NS-Vergangenheit.

22.06.2018 12:20 Bürger der früheren DDR 89

88. Ullrich Bei Rosemarie Albrecht hat das LG Gera 2005 keinen hinreichenden Tatverdacht gesehen und ging von einem Freispruch aus. Sie überschlagen sich doch sonst immer, wenn es um Rechtsstaatlichkeit geht.

22.06.2018 11:04 Ullrich 88

@Beobachter
Ich empfehle ihnen einmal als Einstieg das Stichwort "Liste der nsdap Mitglieder, die nach Mai 1945 politisch tätig waren" auf Wikipedia als Einstieg. Da wird aufgelistet, wer, wo und als was. Gleichzeitig sollten sie sich einmal mit den Namen Margarete Hielscher und Rosemarie Albrecht beschäftigen. Beides Ärztinnen, die an Euthanasie Verbrechen beteiligt waren und ihre Karriere unbehelligt in der DDR fortsetzen könnten. Das Problem besteht nicht darin, dass es in den alten Bundesländern (mehr) Fälle von Nazis (was im übrigen auch nicht bestritten wird), die ihre Karriere fortgesetzt haben, sondern in dem Fakt, dass es in der angeblich antifaschistischen DDR keine öffentliche Diskussion über diese Fälle gab! Es dürfte einfach nicht darüber geredet werden, stattdessen wird immer mit dem Finger auf die Bundesrepublik gezeigt um zu zeigen, dass es sich hier um einen imperialistischen statt handelt. Hier muss eine Ausarbeitung erfolgen!

22.06.2018 10:38 MarcIlm 87

Bei ernsthaften Interesse könnte unser Heimatsender gerne kommentiert den "Springer" 5 Teiler mit Horst Drinda- an den regelmäßig mit "Zur See" Wiederholungen gedacht wird- wiederholen. Ich hatte mir die Mühe erlaubt die einzelnen realen Persönlichkeiten im Film nachzurecherchieren. Bei allen z.T. fragwürdigen Überhöhungen des Streifens- in die späteren Jahre der friedlichen Koexistenz passte er nicht mehr so recht- findet man hier sehr viele interessante Geschichtsläufe. Die der Studie innewohnende Tendenz zur "Gleichsetzung" ist mehr als bedenklich.

22.06.2018 09:47 Bürger der früheren DDR 86

Entscheidend ist wohl, dass die BRD die Faschisten gezielt und systematisch übernommen hat, auch und gerade bei Kenntnis ihrer Verstrickung in die Vernichtungspolitik der Nazis an führender Stelle (Globke, Oberländer). Verfassungsschutz und BND sind von Leuten aufgebaut worden, die vorher in den Ghettos und bei den SS-Einsatzgruppen Dienst taten. Im letzten Vorwendekabinett Kohl waren mit Genscher und Zimmermann 2 ehemalige NSDAP - Mitglieder, allerdings waren sie damals in einem Alter ( 17 und 20 Jahre), in dem man schon ernsthaft fragen sollte, ob man ihnen daraus einen Vorwurf machen kann. Wie übrigens auch den DDR Ministern Nier und Weisz.

22.06.2018 09:38 Beobachter 85

Alles Halbwahrheiten,die Mitgliedschaft in der NSDAP ist nicht gleichzusetzen mit den Verbrechern des NS-Staates.Diese kamen in der BRD übergangslos an die Spitze des Staates,beispielsweise Richter des Volksgerichtshofes, KZ-Baumeister, SS-Offiziere,viele Verbrecher hatten sich mit deutscher Staatshilfe ein neues eigenenes Reich in Südamerika geschaffen auch die KZ-Ärzte führten dort ein angenehmes Leben,dieOrganisation Gehlen entstand als Vorläufer des BND. Gehlen trat als Dr. Schneider auf und wurde nie für seine Kriegsverbrechen bestraft,so viel zu den Nazis in der bundsesdeutschen Staatsführung. Welche NS-Verbrecher waren in der DDR-Führung? Von einer Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der BRD muß der Autor geträumt haben