Nachhaltigkeit Handel sieht Plastiktüten-Verbot als "Affront"

Porträtaufnahme einer weißen Frau mit zurückgebundenen Haaren, einer großen Brille und grüner Bluse
Bildrechte: Tobias Thiergen

Das Umweltbewusstsein beim Einkaufen hat in den vergangenen Jahren sichtbar zugenommen. Und trotzdem gibt es sie noch: die Einkaufstüte aus Plastik an der Kasse. Doch damit soll bald endgültig Schluss sein: Der Bundestag hat diese sogenannten leichten Kunststofftragetaschen jetzt verboten. Ausdrücklich ausgenommen vom Verbot: die dünnen, kleinen "Hemdchenbeutel", die es im Supermarkt meist beim Obst gibt. Aber löst das Verbot nun das Plastik-Problem im Handel?

Frau mit Einkaufstüten aus Plastik
Wie sinnvoll ist das Plastiktütenverbot, das der Bundestag beschlossen hat? Bildrechte: dpa

Das Plastiktüten-Verbot hat eine Vorgeschichte: Bereits 2015 hatte die Europäische Union eine Richtlinie für weniger Tüten beschlossen. Der Handel hatte sich daraufhin selbst verpflichtet, ihre Zahl zu verringern – mit Erfolg: Die Zielvorgabe von weniger als 40 Kunststofftragetaschen pro Kopf pro Jahr bis 2025 konnte schon 2018 mit nur noch 20 Tüten unterboten werden, sagt Antje Gerstein, Geschäftsführerin für Nachhaltigkeit beim Handelsverband Deutschland.

Dass die Tüten jetzt doch ganz verboten wurden, empfindet sie angesichts der erfolgreichen Selbstverpflichtung als Affront. "Die Kunststofftüten machen weniger als ein Prozent des Kunststoffabfalls in Deutschland aus und auch gerade durch diesen Rückgang, dass der Verbraucher auch wirklich sein Verhalten durch diese Nicht-mehr-Verfügbarkeit von Kunststofftragetaschen selber sehr geändert hat, sehen wir einfach in diesem Verbot eine reine Symbolpolitik, weil dieses Problem de facto eigentlich gar nicht mehr existiert."

Umweltbundesamt begrüßt Plastiktüten-Verbot

Dass das Plastiktüten-Verbot nicht der größte Wurf im Kampf gegen das hohe Plastikaufkommen im Handel ist, ist auch Matthias Fabian vom Umweltbundesamt klar. Dennoch begrüßt er das Verbot ausdrücklich. "Wir müssen immer auch sehen: Das ist eben ein Abfall, den man sehr einfach vermeiden kann und von daher denken wir, auch wenn es sicherlich nicht die größte Stellschraube ist, aber es ist eine, die man sehr einfach drehen kann."

Und jeder kenne die Alternativen – egal ob Einkaufskorb, Rucksack oder Jutebeutel. Keine Lösung dagegen: die Papier-Tüte – obwohl sie mittlerweile der Normalfall an vielen Kassen ist. Recycelt man Papier- und Plastiktüte nämlich, schneide Plastik im Vergleich sogar besser ab, so Fabian. "Einfach, weil die Herstellung von Papier natürlich auch mit Aufwand verbunden ist. Sie müssen ja die Papierfasern auch gewinnen und das Produkt entsprechend herstellen und da ist der Aufwand bei einer Papiertragetasche höher als bei einer Kunststofftragetasche."

Greenpeace fordert Verpackungswende

Dass die trotzdem verschwinden wird, begrüßt Viola Wohlgemuth von Greenpeace. Die Plastiktüte sei einfach ein Symbol für das Einmalverwenden. Und sie plädiert für das genaue Gegenteil: Die Mehrweg-Nutzung. Wohlgemuth fordert deshalb viel weitreichendere Schritte – eine richtige Verpackungswende: "Wir brauchen klare Reduktionsquoten in Deutschland und es muss klar sein: Wir müssen wegkommen von dieser ganzen Idee Single-use, Einmalverpackung. Wir brauchen Mehrweg. Das, was wir in Deutschland ganz normal für Bierflaschen seit Kindheitstagen eigentlich kennen."

Das System sei ja prinzipiell schon da: Überall gebe es bereits Rücknahmesysteme für Flaschen. Dasselbe für Mehrwegverpackungen einzurichten, sei deshalb relativ einfach umzusetzen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 28. November 2020 | 06:12 Uhr

35 Kommentare

Steffen1978 vor 8 Wochen

in der ddr gab es flepro in fast jeder straße ebenso bäcker und molkereiprodukte, fisch sogar frisch lebend als wir kinder waren es meist eckgeschäfte und sog. tante emma läden hatten sozialen charakter - da wurde wie beim friseur kommuniziert - könnte wiederbelebt werden weil es alles ohne plastebeutel und verpackungen gab es vieles lose in mitgebrachte behälter - erinnere an ulk als kind senf holen sollte und beim bezahlen sagte das oma geld ins glas getan hatte

zenkimaus vor 8 Wochen

Sie haben recht mit dem Fussabdruck bei einer einzelnen Tüte. Doch die Masse macht hier das Problem. Ein einzelnes Auto ist auch kein Problem, doch die Masse der Autos macht das Problem

Critica vor 8 Wochen

Liebe/r Merseburger,
die Sache ist doch komplexer, und man kann nicht für alles die Endverbraucher zur Verantwortung ziehen. Vor Jahren wurde uns ja eingeredet, dass verpackte Lebensmittel hygienischer seien. Ob sie es sind, weiß man nie so genau.
Aber nicht nur bei Lebensmitteln gibt es zu viel Verpackung. Schauen Sie in Bücherläden, alles in Folie... oder jede Schraube im Baumarkt... jedes technische Kleingerät (Stecker etc.), Glühbirnen etc.
Früher gab es Getränke nur in Glasflaschen...
Das alles kann man nicht mehr rückgängig machen. Aber um "zum Schein" etwas für die Umwelt zu tun, muss halt die Plastiktüte herhalten...