Küken in der Hühnermast
Da sie keine Eier legen können und zur Mast ungeeignet sind, werden jährlich Millionen männliche Küken getötet. Bildrechte: imago/blickwinkel

Bundesverwaltungsgericht Urteil zum "Kükenschreddern" erwartet

Rund 45 Millionen Junghähne werden in Deutschland jährlich geschreddert oder durch Gas getötet - aus Sicht von Geflügelzüchtern wirtschaftlich notwendig, aus Sicht von Tierschützern ethisch nicht vertretbar. Heute soll ein Urteil dazu fallen.

Küken in der Hühnermast
Da sie keine Eier legen können und zur Mast ungeeignet sind, werden jährlich Millionen männliche Küken getötet. Bildrechte: imago/blickwinkel

Nach jahrelangem Rechtsstreit erwarten Geflügelzüchter und Tierschützer heute mit Spannung das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zum massenhaften Töten männlicher Küken. Im konkreten Fall hatten zwei Betriebe gegen ein entsprechendes Verbot in Nordrhein-Westfalen geklagt. Das Oberverwaltungsgericht in Münster hatte im Berufungsverfahren noch zugunsten der Geflügelzüchter geurteilt. Nun müssen die Bundesrichter abschließend entscheiden, wie Tierschutz und wirtschaftliche Interessen gegeneinander zu gewichten sind. Seit 2002 ist in Artikel 20a des Grundgesetzes der Tierschutz als Staatsziel verankert.

Artikel 20a aus dem Grundgesetz Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.

Klöckner verweist auf wissenschaftlichen "Durchbruch"

Als entscheidend dabei gilt, welche Alternativen zum massenhaften Schreddern oder anderweitigen Eliminieren der männlichen Küken bestehen. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner verwies auf ein Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Brut-Ei. Mit der Entwicklung sei vergangenes Jahr ein "Durchbruch" gelungen, sagte die CDU-Politikerin.

Eier aus einer neuen Methode gegen das Töten von Küken werden in einem Supermarkt in Berlin angeboten.
In Berlin wird bereits ein Verfahren genutzt, bei dem das Geschlecht der Küken noch im Ei bestimmt wird. Bildrechte: dpa

Das hormonelle Verfahren soll nach Angaben der Rewe Group bis Ende 2019 bundesweit genutzt werden. Bisher sind Eier mit dem sogenannten "RespEGGt"-Logo in rund 380 Rewe- und Penny-Filialen im Großraum Berlin erhältlich. Bei der Methode werden männliche Küken gar nicht erst ausgebrütet.

Stattdessen werden bereits die Eier nach etwa neun Brut-Tagen nach Geschlecht sortiert. Dazu wird vorsichtig eine winzige Menge Flüssigkeit aus dem Ei entnommen und endokrinologisch analysiert.

Tierschützer gegen Tests nach dem sechsten Bruttag

Der Deutsche Tierschutzbund ist aber auch gegenüber diesem sogenannten Seleggt-Verfahren skeptisch. Nach bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen kann nämlich ein Schmerzempfinden der Embryos nur vor dem siebten Bruttag ausgeschlossen werden.

Hier besteht kein wissenschaftlicher Nachweis, dass der Embryo keine Schmerzen empfindet.

Deutscher Tierschutzbund

Stattdessen setzen die Tierschützer auf ein Verfahren, bei dem die Geschlechtsbestimmung bereits nach etwa vier Bruttagen erfolgt. Mit Hilfe einer Infrarot-Spektroskopie wird dazu ein spezieller Lichtstrahl ins Ei-Innere geschickt. Nach Angaben des Unternehmens Agri Advanced Technologies sind die Messungen aber noch nicht genau genug für den Einsatz in der Praxis.

Geflügelwirtschaft hofft auf lange Übergangsfrist

Ein Versuchsaufbau zur Geschlechtsbestimmung am geschlossenen Ei in einem Labor.
An bisherigen Verfahren zur Geschlechtsbestimmung von Küken im Ei gibt es noch einige Kritikpunkte. Bildrechte: dpa

Sollten die Bundesrichter nun dem Tierschutz stärkeres Gewicht verleihen, hofft der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft auf eine "mehrjährige Übergangsfrist". Verbandspräsident Friedrich-Otto Ripke warnte, andernfalls könnten die 10 bis 15 betroffenen Brütereien ins Ausland gehen. Das bedeute aber einen Verlust an Tierschutz und könne zu Versorgungsengpässen mit Eiern führen.

"Zweinutzungshühner" und Bruderhähne

Eine weitere Alternative sehen Tierschützer im sogenannten "Zweinutzungshuhn" wie in der Zeit vor der Industrialisierung. Dabei werden Hennen lediglich für die Eiererzeugung genutzt, das Fleisch wird von den Hähnen gewonnen. Nach derzeitigen Legehennen-Zuchtlinien setzen die Tiere zu wenig Fleisch an, um für die Mast geeignet zu sein.

"Zweinutzungshennen" legen allerdings mit etwa 250 Eiern im Jahr im Schnitt 50 Eier weniger als herkömmliche Legehennen. Die Hähne müssen bis zur Schlachtreife doppelt so lange gehalten werden wie übliche Masthähnchen. Bisher wird das Konzept daher kaum genutzt.

Mittlerweile können Verbraucher aber beim Einkauf darauf achten, das massenhafte Töten der männlichen Küken nicht zu unterstützen. Verschiedene Höfe erheben auf ihre Eier einen Aufpreis, um die sogenannten Bruderhähne aufzuziehen. Der Preis pro Ei steigt damit um drei bis 28 Cent. Bei einem Marktcheck stellte die Verbraucherzentrale Niedersachsen fest, dass in sechs von elf Lebensmittelmärkten Eier solcher Initiativen im Sortiment waren.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 13. Juni 2019 | 06:06 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Juni 2019, 05:00 Uhr

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5 Kommentare

13.06.2019 10:15 Mane 5

Urteil ergangen,weiter morden die Küken! Hier hat sich in Deutschland nichts geändert.

13.06.2019 10:07 frank d 4

@1: Warum nicht die Konsumenten bestrafen? Immerhin sind sie die Auftraggeber ihrer Skandale. Aber das eigene Leben und Verhalten zu ändern ist viel schwieriger als Harte Strafen für andere zu fordern. dieses Verhalten der moralischen Hybris kennzeichnet unser Land grade. Am Deutschen Wesen soll die Welt genesen 2.0 seltsam das bei all den engagierten solche Produkte überhaupt Käufer finden. Aber wir sollten unbedingt darauf achten die Verbalmoralapostel mit gleicher Elle zu messen. Also falls Tofu irgendwo weit weg unter fragwürdigen Bedingungen erzeugt worden sein sollte all die Vegetarier an den Pranger. Sapere Aude

13.06.2019 09:29 Mane 3

In Deutschland geht alles,sind ja gelernte Menschen.Warum gehen nicht die Tierschützer zur Demo auf der Strasse?

13.06.2019 09:06 KritischerFrank 2

Und wer schützt die (z.B.) Insekten, Amphibien und Vögel? Sind das keine Tiere? Da wird das menschen verursachte Massensterben ohne Aufschrei hingenommen. Millionen Tonnen Gifte werden auf die Felder ausgebracht, und beim Kükenschreddern kommt plötzlich die Moralkeule? Für mich nur Scheinheiligkeit, entweder ganz (alle TIERE) oder gar nicht!

13.06.2019 07:06 Basil Disco 1

"hofft der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft auf eine mehrjährige Übergangsfrist".

Ja natürlich, so wie bei den Ferkelquälern, die in einer mehrjährigen Übergangsfrist genau gar nichts unternommen haben, um die betäubungslose Kastration abzuschaffen Statt dessen wurde am Ende der Frist rumgejammert und der Agrarminister (oder war es schon unsere Weinkönigin?) hat brav gespurt und die Quälerei weiterhin zugelassen. Da helfen nur klare Gesetze und knallharte Strafen.