Männliche Küken
Rund 45 Millionen männliche Küken werden jährlich in Deutschland kurz nach dem Schlüpfen geschreddert oder vergast, weil sie keine Eier legen und zu wenig Fleisch ansetzen. Bildrechte: dpa

Tierwohl vs. Wirtschaftlichkeit Bundesverwaltungsgericht verschiebt Entscheidung über Kükentötungen

Weil sich Politik und Industrie nicht auf ein Ende des Tötens männlicher Küken einigen konnten, trifft nun das Bundesverwaltungsgericht die Entscheidung. Es muss zwischen Tierwohl und wirtschaftlichen Interessen abwägen. Die Entscheidung soll kommenden Donnerstag fallen.

Männliche Küken
Rund 45 Millionen männliche Küken werden jährlich in Deutschland kurz nach dem Schlüpfen geschreddert oder vergast, weil sie keine Eier legen und zu wenig Fleisch ansetzen. Bildrechte: dpa

Das Bundesverwaltungsgericht verhandelte am Donnerstag darüber, ob das massenhafte Töten männlicher Küken rechtmäßig ist. Die Richter müssen entscheiden, ob männliche Küken innerhalb von 72 Stunden nach ihrem Schlüpfen geschreddert oder vergast werden dürfen.

Tierwohl contra Gewinn

Die höchsten deutschen Verwaltungsrichter müssen dabei zwischen dem Tierwohl und wirtschaftlichen Interessen abwägen.

Richter des Bundegerichtshofes (BGH) betreten einen Verhandlungssaal im Bundesverwaltungsgericht in Leipzig (Sachsen).
Ob das Bundesverwaltungsgericht bereits ein Urteil fällt, steht nicht fest. Bildrechte: dpa

Der Paragraf 17 des Tierschutzgesetzes untersagt es, Wirbeltiere ohne vernünftigen Grund zu töten. Bei Verstößen drohen Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren oder Geldstrafen.

Allerdings werden jährlich rund 45 Millionen männliche Küken kurz nach dem Schlüpfen getötet. Weil sie keine Eier legen und wenig Fleisch ansetzen ist ihre Aufzucht nicht profitabel genug.

Am Donnerstag gab Richterin Renate Philipp bei der Verhandlung bekannt, dass das Urteil am kommenden Donnerstag (23.5) verkündet werden soll.

Aktenzeichen des Bundesverwaltungsgerichts:
BVerwG 3 C 28.16
BVerwG 3 C 29.16

Vorinstanz entschied für Unternehmen

In den verhandelten Fällen geht es um ein Verbot des Kükentötens in Nordrhein-Westfalen. Das Land hatte 2013 per Erlass die Ordnungsbehörden aufgerufen, diese Praxis zu untersagen. Dagegen klagten Unternehmen aus den Kreisen Paderborn und Gütersloh.

In der Vorinstanz gab das Oberverwaltungsgericht Münster 2016 den Unternehmen recht. Es entschied, dass die Tötung der Eintagsküken nicht gegen das Tierschutzgesetz verstößt. Die Richter erklärten, die Aufzucht der männlichen Küken bedeute für die Brütereien einen "unverhältnismäßigen Aufwand".

Aktenzeichen der Vorinstanzen:
Oberverwaltungsgericht Münster: 20 A 530/15 und 20 A 488/15
Verwaltungsgericht Minden: 2 K 80/14 und 2 K 83/14

Aus für Kükenschreddern schon lange versprochen

Das Ende des Kükenschredderns wurde schon häufig von der Bundesregierung angekündigt. Ex-Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt hatte es für Ende 2017 versprochen.

Julia Klöckner
Ministerin Klöckner will wie ihr Vorgänger Schmidt Kükenschreddern verbieten. Bildrechte: IMAGO

Im Koalitionsvertrag von Union und SPD steht: "Das Töten von Eintagsküken werden wir bis zur Mitte der Legislaturperiode beenden." Danach hat Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner bis September 2019 ein Verbot oder wenigstens den breiten Einsatz der Testverfahren durchsetzen.

Die CDU-Politikerin musste allerdings den Termin verschieben. Im April dieses Jahres versprach sie, das Kükenschreddern zu verbieten, sobald ein Verfahren zur Bestimmung des Geschlechts im Brut-Ei verfügbar sei.

Geschlechtsbestimmung im Ei wird getestet

Sie erklärte, das von ihrem Ministerium mit 6,5 Millionen Euro geförderte sogenannte "Seleggt"-Verfahren sei auf dem Weg zur Serienreife. Männliche Küken werden damit gar nicht erst ausgebrütet.

Eier aus einer neuen Methode gegen das Töten von Küken werden in einem Supermarkt in Berlin angeboten.
Rewe bietet bereits Eier an, die vorher getestet wurden. Bildrechte: dpa

In 380 Berliner Filialen der Rewe Gruppe werden bereits Eier aus diesem Verfahren verkauft. Bis Ende 2019 sollen dann in den 5.500 Rewe- und Penny-Märkten bundesweit "respeggt-Freiland-Eier" zu haben sein.

Rewe will das mit Wissenschaftlern der TU Dresden und der Universität Leipzig entwickelte Verfahren ab dem kommenden Jahr auch den Konkurrenten zur Verfügung stellen. Getestete Eier kosten den Verbraucher etwa ein bis zwei Cent mehr als ein herkömmliches Freilandei.

Das "Seleggt"-Verfahren

Beim "Seleggt"-Verfahren wird die "In-Ovo-Methode" verwendet. Dabei wird zwischen dem achten und zehnten Bruttag mit Hilfe eines Lasers ein winziges Loch in die Ei-Schale gebrannt. Anschließend wird eine minimale Menge embryonalen Harns entnommen und auf ein Hormon geprüft, das nur weibliche Küken haben. Eier mit männlichen Embryonen werden entnommen und zu Futtermittel verarbeitet.

Industrie zweifelt an der Praxistauglichkeit

Der Zentralverband der deutschen Geflügelwirtschaft hat allerdings Zweifel an der Praxistauglichkeit des Verfahrens. Bei einer erfolgreich anwendbaren In-Ovo-Geschlechtsbestimmung müssten bis zu 100.000 Eier pro Tag geprüft und sortiert werden. Das Seleggt-Verfahren läge mit 3.500 Eiern pro Stunde weit hinter diesen Anforderungen zurück.

Friedrich-Otto Ripke, Präsident des Zentralverbunds, forderte zudem in einer Pressemitteilung moderate Anschaffungskosten für die nötige Technik.

Tierschützer für Alternative Zweinutzungshühner

Tierschützer sehen im "Seleggt"-Verfahren nur eine Übergangslösung. Zum einen halten sie die Geschlechtsbestimmung im Ei nur dann für akzeptabel, wenn der Embryo keine Schmerzen empfindet.

Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages kam bereits 2017 zu dem Ergebnis, dass die Küken womöglich schon ab dem siebten Tag Schmerzen empfinden, spätestens aber wohl ab dem 15. Bruttag.

Tierschützer fordern deshalb ein generelles Umdenken - weg von der Hühnerzucht auf Legeleistung, hin zu sogenannten Zweinutzungshühnern. Die Tiere können als Legehennen und als Masthähne genutzt werden. Allerdings wachsen diese Tiere langsamer und kosten dadurch mehr.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 16. Mai 2019 | 10:55 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2019, 05:00 Uhr

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7 Kommentare

18.05.2019 08:05 Mane 7

Töten ist nicht normal! Oder?

16.05.2019 21:13 The mighty Metra Stamper 6

Was passiert eigentlich momentan mit den ausgewachsenen Kücken, nachdem die ihre Zeit als Legehennen abgearbeitet haben? Suppenhuhn kommt da wohl auch nicht in Frage - so viele Suppenhühner kann ja niemand essen. Gnadenhof?

16.05.2019 20:35 heribert54 5

Küken schreddern, einfach abstossend, aber was passiert mit den geschredderten und vergasten Küken, werden die wieder zu Tierfutter für die Masthühner? Antwort erbeten.

16.05.2019 19:09 Carolus Nappus 4

Ist eben nicht wirtschaftlich Blumenfreund. Ganz einfach und beschissen wie eine Hühnerleiter.
Dafür gibt es dann eben in Zukunft garatiert männliche Eier im Laden :o)

16.05.2019 15:24 Blumenfreund 3

Wieso kann man die männlichen Küken nicht groß werden lassen und dann essen.
Die geben doch auch eine gute Hühnersuppe.

16.05.2019 09:28 Montana 2

Wenn man nicht mehr weiter weiss, wird getötet. Das ist wie bei allen anderen Tieren so. Z.B dem Wolf. Pfui schämt euch.

16.05.2019 05:32 Auf der Sonnenseite des Lebens 1

Küken töten, gehts noch!

man könnte die kleinen Küken auch in einem Naturschatzgebiet auswildern.