Studentische Verbindungen "Germania": Rechtsextreme Burschenschafter in Sachsen

Nach außen geben sich die "Alten Herren" der Burschenschaft "Germania" verfassungstreu, arbeiten als Immobilienmakler oder Anwälte in internationalen Kanzleien. Unter sich verbreiten einige Nazipropaganda, hetzen gegen Geflüchtete und rufen zu Gewalt auf. Interne Unterlagen zeigen, dass die Verbindung ein Sammelbecken für rechtsextreme Akademiker in Sachsen ist.

"Germania": Rechtsextreme Burschenschafter in Sachsen
Burschenschaft "Germania": Ein Hort für Nationalsozialisten, die keine sein wollen? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In einem kleinen Ortsteil von Krostitz in Nordsachsen haben sie Lebensmittel und Waffen gehortet. Hier wollten sich die mutmaßlich rechtsextremen Prepper verschanzen, wenn der vermeintliche Rassenkrieg aufziehen würde, den sie in den Jahren 2015/2016 während der europäischen Asylkrise erwarteten. Mit Schießtrainings haben sie sich darauf vorbereitet. Koordiniert und gehetzt wurde in der geheimen Facebook-Gruppe "Zuflucht Beuden".

Konsequenzen für rechte Prepper gefordert

"Germania": Rechtsextreme Burschenschafter in Sachsen
Die Innenpolitikerin Kerstin Köditz (Die Linke) sieht im Fall der rechtsextremen Preppergruppe, bestehend aus "Alten Herren" der Leipziger Burschenschaft "Germania" ein Versagen der sächsischen Sicherheitsbehörden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mitglieder der Preppergruppe sind sogenannte "Alte Herren" der Leipziger Burschenschaft "Germania". Darunter Reserveoffiziere der Bundeswehr sowie der Mitarbeiter eines AfD-Abgeordneten im Bundestag. Enthüllt wurde das Ganze durch Medienrecherchen. Für die Innenpolitikerin Kerstin Köditz von Die Linke haben in diesem Fall die Sicherheitsbehörden versagt: "Wir stellen schon seit Jahren fest, dass das Thema Burschenschaften für den sächsischen Verfassungsschutz kein Thema ist. Ich erwarte, dass hier endlich mal auch in den Sicherheitsbehörden ein Umdenken stattfindet. Dass solche Leute nichts in der Bundeswehr und nichts in den sächsischen Sicherheitsbehörden zu suchen haben. Dass die Waffenscheine eingezogen werden."

Immerhin folgten auf die Medienberichte erste Konsequenzen. Der Reservistenverband hat ein Mitglied rausgeworfen - andere gingen von selbst. Der AfD- Mitarbeiter im Bundestag verlor seinen Job. Die Bundeswehr will die entsprechenden Reservisten nicht mehr einsetzen und es laufen mehrere Verfahren zur Überprüfung von Waffenscheinen.

"Germania" im Krisenmodus

Auch die Burschenschaft "Germania" reagierte und setzte für den 20. Juni 2020 ein Krisentreffen in ihrem Sitz im Leipziger Stadtteil Gohlis an. Davor versammelten sich an diesem Tag linke Demonstranten zu einem Protest. Doch das Treffen ist kurzfristig an einen geheimen Ort verlegt worden.

Eine Anwohnerin, die anonym bleiben möchte, sieht durch die Enthüllungen auf erschreckende Weise das bestätigt, was ihre Familie und Nachbarn über Jahre von der Burschenschaft mitbekommen haben.

"Germania": Rechtsextreme Burschenschafter in Sachsen
Am 20. Juni 2020 demonstrieren linke Gruppen vor dem Sitz der Burschenschaft "Germania" im Leipziger Stadtteil Gohlis. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Vor Jahren haben sie noch im Hof gefochten. Mit Maske. Und es ist beängstigend, wenn dort Leute mit dem Säbel aufeinander rumkloppen. Das ist martialisch. Ein Nachbar hat mir erzählt, dass sie mal Flyer in die Briefkästen gesteckt haben, in denen es um die Bedrohung der deutschen Rasse ging. Und wenn sie feiern, wird es sehr laut. Jemand aus meiner Familie, der spät nachts noch wach war, hat gehört, dass sie das Frankreich-Lied der Wehrmacht gesungen haben: Marschieren wir nach Frankreich hinein."

Auf eine Anfrage von "exakt" an die Burschenschaft, ob die außerordentliche Mitgliederversammlung Konsequenzen für die rechtsextremen Prepper beschlossen hat, gibt es keine Antwort. Stattdessen veröffentlicht der Vorstand des Vereins der Alten Herren ein Statement auf der Internetseite. Man bekennt sich zu Demokratie, Rechtsstaat und teilt mit, "dass die betroffenen Personen, soweit ihnen der Vorwurf eines persönlichen Verschuldens gemacht werden konnte, nicht mehr Mitglieder unseres Vereins sind."

NS-Glorifizierung durch Burschenschafter

Doch die Burschenschaft zählt noch weitere radikale Mitglieder. Interne Chatprotokolle und E-Mails, die MDR-"exakt" sichten konnte, geben einen Einblick in die Innenwelt der Leipziger "Germanen". Die Unterlagen zeigen, wie über viele Jahre hinweg NS-Glorifizierung durch einige Burschenschafter betrieben wurde. Ab 2015 stieg das Aggressionslevel. Vor allem jüngere Aktive verabredeten sich per Chat regelmäßig zu Legida und pflegten den Kontakt zu rechtsextremen Identitären.

Ein Video, das unter dem Namen H. gepostet wurde, zeigt, wie ein Mann die Sprachfunktion seines Handys einschaltet und fragt: "Siri, magst Du Ausländer?" Worauf der vermeintliche Sprachassistent antwortet: "Das möchte ich lieber nicht sagen, aber ich bin der Meinung, dass alle in ein KZ gehören. Sieg Heil, mein Führer!" 

Hinter dem Kürzel H. verbirgt sich ein Sachse, der zu den Jüngsten unter den Alten Herren der Burschenschaft gehört. Er arbeitet als Immobilienmakler für eine internationale Unternehmensgruppe. Immer wieder wird er in internen "Germania"-Chats sehr deutlich. Auf eine "exakt"-Anfrage meldet sich sein Anwalt. Er bestreitet die Echtheit des Materials und gibt an, dass in den Posts, sollten sie doch von seinem Mandanten stammen, sich über Symbole des Nationalsozialismus lustig gemacht würde.

Hitlergruß als "typische Freudengeste"?

Zeichnerische Darstellung von Menschen, die den Hitlergruß zeigen.
Kann ein Hitlergruß als "typische Freudengeste" interpretiert werden? Einer der "Alten Herren" der "Germania", der als Immobilienmakler in Leipzig tätig ist, ist der Meinung, das geht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein weiteres Foto, das sich unter dem Absendernamen H. in einem "Germanen"-Chat findet, zeigt ihn, wie er mit Freunden auf Mallorca den rechten Arm zum Gruß hebt. Obwohl H. auch in diesem Fall die Authentizität in Frage stellt, reklamiert er zugleich das Nutzungsrecht an der Fotovorlage. Außerdem teilt uns sein Anwalt mit, es handle sich nicht um den Hitlergruß, sondern "vielmehr dürfte es sich um typische Freudengesten handeln, wie sie insbesondere bei ausgelassener Stimmung und Musik am Ballermann üblich sind."

Dass es in den Chats nicht nur um Fechten und Feiern geht, zeigen andere Posts. Auf dem Account eines anderen Burschenschaftlers findet sich zwischen Selfies und Familienfotos zum Beispiel ein Anhänger in Form vom Reichsadler mit Hakenkreuz als Geschenktipp: "Wenn ihr nicht wisst, was ihr euren Damen zu gegebenem Anlass schenken sollt, hier die neue HH1488 Kollektion." Dabei sind HH und 88 Codes für "Heil Hitler!".

Hinter diesem Account verbirgt sich offenbar P. Der "Alte Herr" der "Germania" ist Rechtsanwalt in Leipzig. Auch hier meldet sich auf "exakt"-Anfrage ein Anwalt. Sein Mandant bestreite, dass der NS-Geschenktipp und andere Chateinträge von ihm stammten. Er stehe fest auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und falls die Posts doch von ihm sein sollten, seien sie Satire.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 29. Juli 2020 | 20:15 Uhr