Analyse Das verflixte Corona-Jahr

Tim Herden
Bildrechte: ARD Hauptstadtstudio, Steffen Jänicke

Rund 100 Jahre nach der letzten großen Pandemie, der Spanischen Grippe, bricht weltweit eine neue grippeähnliche Viruskrankheit aus, Covid-19. Auch Deutschland blieb nicht verschont. Über eine Millionen Menschen infizierten sich, über 25.000 Menschen starben. Bund und Länder traf die Pandemie unvorbereitet. Die Folge ist die schwerste wirtschaftliche und gesundheitliche Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Eine kommentierende Analyse von Tim Herden, Hauptstadtkorrespondent für MDR AKTUELL.

Angela Merkel
Krisenerprobt: Bundeskanzlerin Angela Merkel im Dezember am Ende eines außergewöhnlichen Jahres. Bildrechte: dpa

Die Kapitulation vor dem Virus wurde durch die Kanzlerin am 13. Dezember 2020, um 11.13 Uhr verkündet, sekundiert von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder: Ab 16. Dezember 2020, 0 Uhr, wird das öffentliche Leben in Deutschland runtergefahren. Zum zweiten Mal in diesem Jahr. Es war eine Niederlage mit Ansage. Wieder einmal hatte die deutsche Politik die Wirksamkeit des Virus unterschätzt und die Mündigkeit des Bürgers überschätzt. Wie schon zu Beginn des Jahres. Als das Virus nach Deutschland kam.

Winter: Virus trifft Deutschland unvorbereitet

Bereits Anfang Januar 2020 kommen aus China, aus der Stadt Wuhan, beunruhigende Nachrichten über eine neue tödliche Lungenerkrankung. Der erste Todesfall mit dem Virus wird am 9. Januar aus dem fernen Osten gemeldet. Für die deutschen Behörden weit weg mit Blick auf den Atlas. Doch Covid-19 hat sich aus der Millionenstadt längst mit dem Flugzeug auf den Weg in die Welt gemacht und trifft Ende Januar in Bayern ein mit dem ersten Fall in Starnberg. Doch von Beunruhigung oder Vorsichtsmaßnahmen keine Spur. Noch toben die Partys bei Après-Ski in Österreich und beim Karneval in Nordrhein-Westfalen. Jetzt scheinen beide Superspreader-Events wie der letzte Auftritt der Bordkapelle auf der "Titanic", nachdem der Eisberg bereits das todbringende Leck in den Schiffsrumpf gerissen hat. Und so ähnlich ist es auch mit der Pandemie.

Das deutsche Gesundheitswesen ist auf die Katastrophe nicht vorbereitet. Es fehlt an allem: Schutzausrüstungen, Schutzmasken, Hygienekonzepten, Intensivbetten. Das wusste man zwar bereits seit einer Katastrophen-Übung aus dem Jahr 2012. Aber getan hat man nichts. So steigen die Zahlen der Infektionen und auch der Toten. Schon damals sind besonders Alten- und Pflegeheime betroffen und viele Ältere unter den Opfern. Mahnungen von Virologen, sofort in Deutschland einen Lockdown auszulösen, um die Ausbreitung des Virus zu bremsen, werden ignoriert. Punktuell versuchen die örtlichen Behörden mit Schul- und Geschäftsschließungen die Krankheit einzudämmen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel, NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (M) und Bayerns Regierungschef Markus Söder (r) unterhalten sich.
Politische Gesichter der Pandemie: Kanzlerin Merkel, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Bildrechte: dpa

Erst am 22. März wird der Notruf des Robert Koch-Instituts und von Virologen wie Christian Drosten erhört. Bund und Länder einigen sich auf einen ersten Lockdown der öffentlichen Lebens und der Wirtschaft. Beschlossen werden sofort auch Hilfsmaßnahmen in der Höhe von 156 Milliarden Euro, damit aus der Gesundheitskrise nicht noch eine Wirtschaftskrise wird. Der Finanzminister gefällt sich mit Kraftausdrücken und "holt die Bazooka raus". Selbst die AfD verkündet "Zusammenstehen als erste Bürgerpflicht". Wir gewöhnen uns ans Homeoffice und verfolgen die Fallzahlen wie Bundesligaergebnisse. Der Aufstieg aus der ersten Krise dauert bis Mitte Mai.

Frühjahr: Pandemie offenbart Deutschlands Rückstand

Diese acht Wochen offenbaren gnadenlos die Defizite Deutschlands. Bei der Digitalisierung des öffentlichen Lebens scheint sich das Land durch die Versäumnisse in den letzten fünfzehn Jahren zum Teil unter dem Niveau von Entwicklungsländern zu bewegen. Digitales Lernen zuhause scheitert an fehlenden Laptops für Kinder und Lehrer und entsprechenden Anbindungen der Schulen. Dabei liegen über fünf Milliarden aus dem Digitalpakt Schule fast ungenutzt dafür seit anderthalb Jahren bereit. Aber die deutsche Bürokratie macht aus den Anträgen ein wissenschaftliches Konvolut. Infektionszahlen werden zum Teil noch per Fax an das Robert Koch-Institut übermittelt. Dabei gibt es eine in Deutschland entwickelte Software für die Übertragung dieser Daten und die Vernetzung der Gesundheitsämter. In Afrika wird sie erfolgreich eingesetzt. In Deutschland nicht. 

Bei wichtigen Medikamenten sind wir abhängig vom Ausland, weil die Produktion fast vollständig nach China und Indien ausgelagert wurde. Gleiches gilt für Schutzausrüstungen. Man versucht hilflos sie mit Ausschreibungen nach deutschem Vergaberecht in China zu kaufen. Ein Schildbürgerstreich. Die Lager hatten längst andere Länder geleert, weil bei ihnen Leben retten vor Bürokratie ging. Wahrscheinlich erzählt man sich in China  davon heute noch als humoristische Anekdote über die Blauäugigkeit der deutschen Beamten. Am Ende mussten die großen deutschen Konzerne mit ihren Kontakten aushelfen, um Ware zu bekommen.

Für die angeblich beste Corona-Warn-App brauchte man Monate bis sie einsatzbereit war. Am Ende ist sie ein Fehlschlag, weil hier der Datenschutz über den Schutz der Bevölkerung und die Verfolgung von Infektionsketten gestellt wurde. Viele Bürger nutzen ihre Mündigkeit, ihre positiven Testergebnisse dort nicht zu verewigen aus Angst vor sozialer Stigmatisierung.

Dafür debattierte das Land aber wochenlang über die Fortsetzung der Bundesliga-Saison mit oder ohne Publikum, während die Fußball-Europameisterschaft und Olympischen Spiele schon abgesagt waren. Dass Deutschland trotzdem – verglichen mit den USA oder anderen europäischen Ländern – weitgehend glimpflich die erste Welle übersteht, liegt weniger an der Politik, sondern vor allem am Selbstschutz und der Angst der Menschen vor dem Virus.

Eine Grafik zur Corona-App 1 min
Wie die Corona-APP funktioniert! Bildrechte: MDR

Mit Hilfe einer App sollen die Infektionsketten des Coronavirus frühzeitig bemerkt und durchbrochen werden. So funktioniert die Smartphone-App.

Do 11.06.2020 14:49Uhr 00:51 min

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Sommer: Wertvolle Zeit verspielt

Es folgt der Sommer der verpassten Chancen. Niedrige Infektionszahlen lassen uns alle zur Leichtfertigkeit neigen. Sommer, Sonne, Urlaub machen die Pandemie fast vergessen. Auch für die Politik scheint das Schlimmste der Krise überwunden. Man hofft darauf, bald einen Impfstoff zu haben und damit ein Allheilmittel gegen die Pandemie. Doch Forschung braucht Zeit. Stattdessen kündigt sich mit den steigenden Infektionszahlen durch Reiserückkehrern aus den Risikogebieten Europas die zweite Welle der Pandemie an. Mit Test-Zentren an den Grenzen versucht man das Virus wieder einzufangen, aber es wartet wieder nicht, bis aus Excel-Tabellen oder Faxübermittlungen die deutschen Gesundheitsämter die gesunden von den infizierten Urlaubern getrennt haben.

In den Schulen hatte man in den Ferien auch Ferien gemacht und versäumt, die Unterrichtsräume für die Herbstsaison des Coronavirus vorzubereiten. Es fehlt an Lüftungseinrichtungen sowie genügend Räumen für geteilten Unterricht. Hinzu kommt eine mangelhafte Teststrategie, um schnell infizierte Schüler zu erkennen und in Quarantäne zu schicken, damit sie nicht ihre Klassenkameraden anstecken.

Dafür haben die Corona-Leugner und Kritiker der Pandemiemaßnahmen mobil gemacht unter dem Kennwort "Querdenken 711". Von Stuttgart aus entwickelt sich eine politisch sehr gemischte Bewegung aus wirklich wirtschaftlich Betroffenen, Verschwörungstheoretikern, Corona-Leugnern, Reichsbürgern und Rechtsradikalen, die zum Sturm gegen die angebliche "Corona-Diktatur" aufrufen und ihn Ende August mit dem Anrennen gegen den Reichstag unter der alten Reichsflagge des Kaisers am Portal des Reichstags auch wahr machen. Nur drei Polizisten können durch beherzten Einsatz Schlimmeres verhindern. Schamlos bedient sich die Bewegung der Symbole des Nationalsozialismus, wie dem gelben Stern, mit dem Juden ausgegrenzt wurden. Man vergleicht sich mit Widerstandskämpfern wie Sophie Scholl und ist lauter als die Bewegung wirklich Anhänger hat. Denn eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung spricht sich weiter für harte Maßnahmen gegen die Pandemie aus.

Auf die Seite der Querdenker schlägt sich die AfD und versteht sich nun als politischer Arm der Bewegung. Die Partei findet alle Maßnahmen übertrieben, spielt das Virus als leichte Grippe herunter. Später im Herbst wütet die Pandemie vor allem in den sächsischen Hochburgen der Partei, weil da viele der AfD-Meinung folgten und Schutzmaßnahmen ignorierten. In Sachsen ist die Querdenken-Bewegung auch besonders weit verbreitet. Aber FDP und Linke scheren aus der Reihe der politischen Pandemie-Front aus und fordern mehr parlamentarische Beteiligung an den Entscheidungen. Mit dem neuen Infektionsschutzgesetz wird dem in Teilen auch entsprochen. Bundestag und Länderparlamente müssen stärker eingebunden und besser informiert werden.       

Herbst: Die zweite Welle rollt über Deutschland

Unterdessen steigen die Fallzahlen, erst langsam, dann immer schneller. Erste Alarmrufe der Kanzlerin werden in den Wind geschlagen. Man lobt sich noch für das gute Krisenmanagement aus dem Frühjahr mit den geringen Infektionszahlen im europäischen Vergleich. Es folgen ewig lange Sitzungen im Kanzleramt und als Videokonferenzen. Einige Länder, gerade in Ostdeutschland, berufen sich immer noch auf ihre föderale Eigenständigkeit und plädieren auf weitgehende Lockerungen, weil bei ihnen die Zahlen niedriger sind als im Nachbarland.

Doch Hochmut kommt vor dem Fall. Mittlerweile sind Länder wie Sachsen und Thüringen führend in den Pandemie-Statistiken mit über 300 bis 400 Infektionen auf 100-Tausend-Einwohner. Der kritische Grenzwert liegt bei 50 Infektionen.

Die Pandemie ist keine Sternstunde des deutschen Föderalismus. Auch das sollte eine Lehre sein aus der Krise: viele Probleme, gerade auch im Bildungswesen, lassen sich nicht mit dem beschränkten Blick bis zur nächsten Landesgrenze lösen, sondern verlangen nach nationalen Kraftanstrengungen, wenn Deutschland im internationalen Wettbewerb mithalten will.

Auch in anderen europäischen Ländern baut sich im Herbst eine zweite Welle der Pandemie mit immer höheren Infektionszahlen auf. In Österreich oder Frankreich rasseln die Ladengitter nach unten beim nächsten totalen Lockdown. In Deutschland können sich Bund und Länder Mitte Oktober mit Mühe und Not auf einen "Lockdown light" verständigen mit dem Versprechen, Weihnachten in der Familie feiern zu können. Geschlossen wurden nur die Gastronomie und Hotellerie, der Kulturbereich stillgelegt.

Im Gegenzug wurden großzügige Entschädigungszahlungen angekündigt. Nur mangelte es mal wieder an der schnellen Umsetzung und die Betroffenen mussten bis Mitte Dezember auf erste Abschlagszahlungen warten. Aber ansonsten lief das öffentliche Leben – trotz Kontaktbeschränkungen – weitgehend weiter wie bisher. Hier und da zweifelt man an der Mündigkeit einiger Bürger, die aus Egoismus die Gefahr auch für ihre Mitmenschen ignorieren.

Jedenfalls erfüllt das Virus Merkels Prophezeiung von 19.000 Infektionen zu Weihnachten vorfristig. Schon im November wird diese Marke gerissen, kurz vor Weihnachten werden 30.000 Fälle am Tag registriert. Die Intensivstationen füllen sich, in einigen Krankenhäusern wird über Triage nachgedacht, welcher Intensivpatient noch Hilfe erhält und wer nicht, abhängig von den Überlebenschancen. Die Todeszahlen erhöhen sich auf teilweise über 800 Fälle pro Tag. Einmal sind es fast Tausend Tote an einem Tag. Wieder wütet der Tod in den Alten- und Pflegeheimen. Dort und in Schulen fehlt es an Schnelltests, um Personal, Besucher, Schüler und Lehrer ausreichend zu testen. Während man sich in Frankreich in jeder Apotheke testen lassen kann, reißen in Deutschland die Schlangen vor den Teststellen nicht ab.

Jahreswende: Kapitulation mit neuem Lockdown

Da zieht die Politik die Reißleine und verkündet nun bundesweit ein Herunterfahren des öffentlichen Lebens, inklusive Schließung des Einzelhandels, der Schulen und Kitas, weitgehender Kontaktbeschränkungen zu Weihnachten und einem Böllerverkaufsverbot zu Silvester. Zugleich droht das nächste Debakel mit den geplanten Impfungen. Zwar meldet das deutsche Unternehmen Biontech als erstes Forschungsunternehmen Zulassungsreife für ein neuartiges Serum gegen Covid-19. Großbritannien, die USA und Kanada beginnen nach Notfallentscheidungen auch sofort mit dem Impfen. Nur im Heimatland Deutschland passiert nichts außer Vertrösten auf die Europäische Zulassungsbehörde EMA, die sich Zeit lässt.

Dieses uneinheitliche Vorgehen schürt mehr Ängste als die Zuversicht in die Impfung und schadet am Ende der Pandemiebekämpfung. Es ist auch ein Versagen der Kommunikationsstrategie der Bundesregierung, weil es ihr nicht gelingt, eine vernünftige Aufklärungskampagne für die Impfung auf die Beine zu stellen. Stattdessen verpulvert sie viel Geld mit lustigen Filmchen, die uns zeigen sollen, was wir in X-Jahren unseren Enkeln angeblich über die Pandemie erzählen werden. Das braucht niemand.

In Europa wird der erste Impfstoff am 21. Dezember zugelassen. In Deutschland beginnen die Impfungen offiziell am 27. Dezember. Der Verzug wird wieder Menschenleben kosten. Aber Weihnachten geht bei den deutschen Behörden vor.

Die Pandemie traf das Land unvorbereitet. Für Finanz- und Wirtschaftskrisen haben wir Rezepte. Für eine Pandemie, die erste seit 100 Jahren, haben wir das nicht. Dass da die Regierenden in der Strategie auch Fehler machen, ist bis zu einem gewissen Grad entschuldbar.

Trotzdem ist es erstaunlich, wie sich ein hochentwickeltes Land wie Deutschland schwer tut, diese Krise mit den modernen Mitteln der Digitalisierung zu bewältigen und wie behäbig Verwaltungen und Behörden ihre Aufgaben in diesem nationalen Notfall erfüllen.

Ende 2020 zeigt der erneut verkündete Shutdown, dass es übers Jahr nicht gelungen ist, die Krise in geordnete Bahnen zu lenken und den Menschen Zuversicht zu schenken für 2021. So droht ein weiteres verflixtes Corona-Jahr.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. Dezember 2020 | 14:30 Uhr

191 Kommentare

Auf der Sonnenseite des Lebens vor 3 Wochen

"Der Verzug wird wieder Menschenleben kosten. Aber Weihnachten geht bei den deutschen Behörden vor. "

Und dann gibt es einen Landkreis der durchzieht und was passiert, der Landrat wir beschimpft!

Das kann doch nicht wahr sein!

Wessi vor 3 Wochen

@ Klarheit ...na,Meister, dann vergleichen Sie mit anderen Ländern+deren Todeszahlen.Hört sich ja an, als hätte die Regierung Schuld am Virus.Schuld an den hohen Inzidenzwerten in SN+TH haben jene die durch Querdenkerei, REchtspopulismus sich haben verblenden lassen+die die Regeln nicht einhalten.Wenn Sie von "Kompetenzwirrwarr" faseln, sollten Sie sich einmal schlau machen, wie die Gesetzeslage aussieht.Wir leben nicht im Zentralstaat DDR..!Sie wissen anscheinend gar nichts!

Wessi vor 3 Wochen

@ Klarheit ...bitte Belege für die wenigen Tests, nicht einfach was behaupten.Ich behaupte, Sie sagen nicht die Wahrheit! Der Schutz der Alten und Pflegeheime ist Ländersache...!