Corona-Medikamente Experten warnen vor einseitiger Impfstoff-Forschung

Spätestens seit der Erfolgsmeldung von Biontech scheinen die meisten Menschen ihre Hoffnung im Kampf gegen die Corona-Pandemie allein auf einen Impfstoff gegen das Virus zu setzen. Doch der wird nicht alle Probleme lösen, sagen Experten. Entwickler von Medikamenten fühlen sich allein gelassen von Politik und großen Geldgebern – auch in Mitteldeutschland.

Ärztin, die einen Impfstoff für einen Patienten vorbereitet
Forscher fordern mehr Unterstützung für lebensrettende Therapien. Bildrechte: imago images / Westend61

Seit 20 Jahren forscht Niels Riedemann zu Lungenentzündungen und Krankheiten, die wie eine Lungenentzündung aussehen, aber eigentlich den ganzen Körper befallen – so wie es bei Covid-19 passieren kann. Als leitender Oberarzt der Intensivmedizin an der Universitätsklinik Jena hat er gesehen, wie Menschen an solchen schweren Infektionen sterben, ohne, dass Ärzte viel dagegen tun können.

Er hat erforscht, wie das Immunsystem bei der Bekämpfung der Vogelgrippe tödlich überregieren kann – und was man tun muss, um das zu verhindern. Was er herausfand, wurde anderswo auf der Welt bestätigt, etwa bei Sars und Mers. Dann kam Sars-CoV-2 und Riedemann, inzwischen Chef des Jenaer Biotech-Unternehmens Inflarx, war sich sicher: Seine Idee kann auch schwer kranken Covid-19-Patienten helfen. Und tatsächlich, erste Studien waren erfolgversprechend. Es könne nur sein, sagt Riedemann, dass er zwar einen Wirkstoff entwickelt – aber niemanden findet, der ihm die Produktion vorfinanziert.

Weltweit tobt die Corona-Pandemie und in Jena sitzt ein Mann, der sagt: Wahrscheinlich hab ich etwas, um das Sterben zu vermindern, aber vielleicht wird es nie fertig für den Markt. Kann das wirklich sein? Und wenn ja, woran liegt das? 

Es war Mitte März, kurz bevor in Deutschland erstmals in dieser Corona-Pandemie das öffentliche Leben heruntergefahren wurde, als Kanzlerin Angela Merkel sich in einer Fernsehansprache an die Bürger wandte. Von einer Herausforderung historischen Ausmaßes sprach sie und davon, dass man jetzt Zeit bauche: "Zeit, damit die Forschung ein Medikament und einen Impfstoff entwickeln kann." Inzwischen ist in Medien und Politik fast nur noch von Impfstoffen die Rede. Um die Forschung an Corona-Medikamenten ist es ruhig geworden, besonders seit dem Pfizer und Biontech den Durchbruch bei ihrem vielversprechenden Impfstoff vermeldet haben. Nun kommen ähnliche Nachrichten auch von der US-amerikanischen Firma Moderna und vom britischen Impfstoffkandiaten des Unternehmens AstraZeneca und der Oxford Universität.

"Ein Impfstoff ist die beste ursächliche Therapie"

Wer verstehen will, warum das so ist, muss sich zunächst klar machen, wie kompliziert Viren sind. Sie mutieren ständig und vermehren sich, besonders im Fall von Sars-CoV-2, rasend schnell. "Wenn man versucht, das Virus direkt zu bekämpfen, kommt man eigentlich immer zu spät", sagt Ute Marschall, leitende Ärztin der Barmer Sachsen. Das sei der Hauptgrund, warum es außer Remdesivir, ein eigentlich gegen Ebola entwickeltes Mittel, bislang kein zugelassenes Medikament direkt gegen das Corona-Virus gibt.

Ärzte auf den Intensivstationen versuchen, mit anderen Mitteln gegen die Symptome eines schweren Verlaufs von Covid-19, gegen die systemische Entzündung, die Sars-CoV-2 auslöst, vorzugehen: sie geben Gerinnungshemmer gegen Thrombosen, verabreichen das Kortison Dexamethason, um die überschießende, oft tödliche Überreaktion des Immunsystems auf Sars-CoV-2 wenigstens etwas zu dämpfen. Theoretisch, sagt Marschall, sei es möglich, eine Therapie direkt gegen das Virus zu entwickeln. Es sei nur sehr schwierig und dauere lange. "Wenn wir einen Impfstoff haben, dann ist das die beste ursächliche Therapie", sagt sie.

Niels Riedemann
Professor Niels Riedemann Bildrechte: InflaRx

Für Niels Riedemann, den Jenaer Forscher, ist das eine "fahrlässige Einstellung". Zwar sagt auch er, dass eine Impfung für die Bekämpfung der Pandemie extrem wichtig ist. "Aber es ist überhaupt nicht zu erwarten, dass ein Impfstoff alle Probleme löst." So wisse man aus Erfahrung, dass eine Impfung nicht für alle Menschen gleich gut wirke, gerade bei Älteren sei das fraglich. Hinzu komme, dass es Reinfizierungen gebe, sich das Virus wandeln könne, es selbst im besten Falle mindestens zwei, drei Jahre dauere, bis es einen ausreichenden Impfschutz in der Bevölkerung gebe. "Es wird also weiter Menschen geben, die schwer an Covid-19 erkranken", sagt Riedemann. "Wir müssen den Menschen zeigen, dass wir etwas gegen die Angst vorm Sterben haben."

Das, was Riedemann hat, funktioniert so: Wie bei vielen anderen schweren Infektionen reagiert das Immunsystem auch bei einer schweren Covid-19-Erkrankung über. Gelingt es, einen bestimmten Teil des Immunsystems im entscheidenden Moment zu blockieren, kann das Leben retten. Riedemann hat als relevant dafür schon vor Jahren "C5a" ausgemacht. Ein Molekül, das der Forscher einen "Immunbooster" nennt. C5a koordiniert, so kann man das sagen, die Reaktion des Immunsystems auf ein Bakterium oder Virus und manchmal übertreibt es dabei ein bisschen. Die Folge kann ein sogenannter Cytokin-Sturm sein, eine immunologische Eskalation, die tödlich enden kann. Zusätzlich beschleunigt C5a die Blutgerinnung, kann also zu Thrombosen und Embolien beitragen. "Es macht Sinn, da einzugreifen und C5a zu blockieren", sagt Riedemann und hat gegen C5a einen Antikörper entwickelt. Sein Medikament ist also keines, dass gegen das Virus direkt hilft – sondern ein sogenannter Immunmodulator der, so hofft Riedemann, das Sterben auf den Covid-19-Intensivstationen entscheidend verringern kann.

Jenaer Forscher optimistisch

Die Frage ist nur: Wie schnell geht das? "Wir sind nicht sehr weit davon entfernt zu wissen, ob das wirklich ausreichend gut funktioniert", sagt Riedemann. Erste Studien seien vielversprechend, gerade hat sein Unternehmen die wichtige Phase-III-Studie begonnen, in der das Mittel an vielen Patienten auf Wirksamkeit und Verträglichkeit getestet wird. Denkbar sei, sagt Riedemann, dass es im Jahr 2021 aus der Phase III Daten gebe, die für eine mögliche Zulassung relevant sein könnten. Er hofft, dass die Daten postiv sind.

Impfung
Bildrechte: imago images/MiS

Dennoch ist Niels Riedemann in diesen Tagen kein euphorisierter Mann, sondern einer, der sagt: "Ich bin schon dabei gewesen, innerlich aufzugeben." Der Grund dafür ist, so sagt das Riedemann, die fehlende Unterstützung aus Politik und Wirtschaft für Menschen wie ihn: Forscher und Unternehmen, die Ideen für Corona-Medikamente haben. "In die Impfstoffentwicklung wird zurecht viel investiert", sagt er. "Aber auch in der Entwicklung von Therapeutika brauchen wir mehr öffentliche Förderungen." Eigentlich müsse mit der Produktion eines Medikaments auf Basis seiner Forschung schon jetzt begonnen werden – seine Firma könne das aber nicht alleine stemmen, obwohl sie etwa durch einen Börsengang vor wenigen Jahren recht gut ausgestattet ist und auf anderen Gebieten schon mit großen Pharmakonzernen zusammengearbeitet hat. Dennoch: Eine ausreichend große Produktion eines etwaigen Covid-Medikaments ist teuer und für die Finanzierung sucht Riedemann Unterstützung.

Dazu muss man sagen, dass es in der EU auch für Corona-Medikamente bereits beschleunigte Zulassungsverfahren gibt, wovon auch Riedemanns Kandidat zur Behandlung von Covid-19 profitieren könnte. Der Vorteil der Jenaer Forscher ist außerdem, dass sie ihre Idee zur Behandlung von Überreaktionen des Immunsystems schon seit Jahren an anderen Krankheiten testen konnten. Dennoch steht Riedemann mit seinen Forderungen nicht allein da. Er gehört dem Verband der deutschen Biotechnologie-Industrie an: Bio-Deutschland. Zusammen mit Helga Rübsamen-Schaeff – Chemikern, Virologin und von der Leopoldina gelistete Expertin – leitet er die AG Gesundheitspolitik. Mitte September haben die beiden Vorsitzenden einen offenen Brief (liegt der Redaktion vor) an die drei relevanten Bundesministerien geschickt: Gesundheit, Forschung und Wirtschaft. Darin weisen sie eindringlich auf ihre Situation hin: "Es ist unerlässlich, Medikamente zu entwickeln, die den schweren bis tödlichen Verlauf von Covid-19 verhindern können. (…) Die Entwicklung solcher Therapien ist aufwendig und kann von Unternehmen, die noch keine Gewinne aus der Vermarktung von Medikamenten erzielen, allein nicht finanziert werden." Bestehende Förderprogramme adressierten den Bedarf der Unternehmen derzeit nicht: "Sie sind zu klein im Volumen und greifen daher nicht bei den teuren Phase III-Studien."

Nur ein freundlicher Brief von den zuständigen Ministerien

Für die Impfstoffentwicklung hat die Bundesregierung ein Sonderprogramm zur "Beschleunigung von Forschung und Entwicklung dringend benötigter Impfstoffe gegen SARS-CoV-2" eingerichtet. Fördermittelumfang: bis zu 750 Millionen Euro. "Darüber hinaus prüft die Bundesregierung aktuell, wie die Entwicklung von Therapeutika gegen COVID-19 weiter beschleunigt werden kann", so ein Sprecher des Bundesforschungsministeriums. Passiert ist seitdem nichts. 

Helga Rübsamen-Schaeff hatte gehofft, durch den offenen Brief in einen Dialog mit den Ministerien treten zu können. "Stattdessen kam als Antwort ein freundlicher Brief, der wieder die Schwerpunktlegung auf die Impfstoffe betonte." Sie wünscht sich, dass die Entwicklung von Impfungen und Medikamenten gleichermaßen gefördert wird. "Damit wäre die Welt gut beraten."

Eins ist klar: Es geht um viel Geld. Sorgen sich die Entwickler von Medikamenten gerade hauptsächlich darum, nichts vom Corona-Förderkuchen abzubekommen? Manfred Schubert-Zsilavecz, Professor für pharmazeutische Chemie an der Universität Frankfurt, hält die Position von Bio-Deutschland für "absolut richtig". Trotzdem sei die Strategie der Bundesregierung, erstmal die Impfstoff-Entwicklung ans Laufen zu bringen, aus seiner Sicht nicht verkehrt gewesen: "Wenn ich impfe, kann ich natürlich verhindern, dass sich die Pandemie weiter fortsetzt. Aber wir brauchen eben auch antivirale Substanzen." Das findet auch Rolf Hömke vom Verband forschender Arzneimittelhersteller. Fördermittel stünden leider nicht in unbegrenzter Menge zur Verfügung. Daher sei die Priorisierung unumgänglich und nachvollziehbar gewesen.

Experte: Fokus muss jetzt auf Medikamenten liegen

Das Thema Impfung ist aus Sicht von Manfred Schubert-Zsilavecz jetzt gelaufen. "Die werden wir bekommen. Jetzt muss der Fokus auf der schnellen Entwicklung antiviraler Substanzen gegen Covid-19 liegen." Und die seien nicht nur wichtig, um gegen diese Epidemie vorzugehen. "Das wird nicht das letzte Virus gewesen sein, das uns als Menschheit heimsucht. Wir müssen schneller darauf reagieren können." Schubert-Zsilavecz fordert daher auch eine dauerhafte öffentlich finanzierte Grundlagenforschung in diesem Bereich. Die deutsche Pharmaindustrie habe sich daraus in den letzten 20 Jahren nahezu vollständig verabschiedet.

Dass sich auch große Geldgeber jetzt lieber auf einen Impfstoff einschießen, liegt für den Frankfurter Professor indes auf der Hand: "Bei einer Impfung erwischen Sie hunderte Millionen Menschen während sich der Einsatz von antiviralen Medikamenten nur auf jene Personen beschränkt, die tatsächlich schwer erkranken." Daher sei es umso wichtiger, jetzt die Entwicklung von Medikamenten zu fördern. "Wir haben im Moment eben nur Remdesivir. Aber selbst das ist ja kein maßgeschneidertes Medikament gegen Covid-19. Das ist so ähnlich als würde ich versuchen, Schuhe der Größe 39 zu tragen. Ich habe aber Größe 45."

Bei allen Schwierigkeiten: Niels Riedemann aus Jena ist natürlich nicht der Einzige, der zu Covid-Therapien forscht. Auch die Firma, die Helga Rübsamen-Schaeff gegründet hat, Aicuris in Wuppertal, arbeitet an einem Wirkstoff. An der Universität in Magdeburg forscht eine Gruppe an einer Therapie für schwerstkranke Patienten, bei der Immunzellen aus dem Blut dieser Patienten im Labor künstlich vermehrt und dann an die Patienten zurückgegeben werden sollen. Weltweit sind vielversprechende Projekte angelaufen. Etwa jene, bei denen mit Nasensprays versucht wird, das Virus bereits in der Nase unschädlich zu machen oder es mit speziell entwickelten Antikörpern zu bekämpfen. Der Verband der forschenden Pharmaunternehmen ist gerade bei den Antikörpern optimistisch: "Wenn das geht, werden wir in einigen Monaten Klarheit drüber haben und vielleicht auch ein zugelassenes Medikament", sagt Rolf Hömke, Forschungssprecher des vfa, in einem Podcast.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | UMSCHAU | 08. Dezember 2020 | 20:15 Uhr