"Triage" Coronavirus: Ärzte diskutieren mögliche Entscheidungen über Leben und Tod

Noch gibt es in Deutschland genug Intensivbetten und Beatmungsgeräte. Doch einige Mediziner fürchten, dass es auch hier angesichts steigender Erkrankungszahlen zu Engpässen kommen könnte – und diskutieren bereits, welche Patienten im Extremfall vorrangig behandelt werden.

Ein Intensivbett auf einer Intensivstation der Uniklinik Dresden. Links neben dem Bett steht eine Herz-Lungen-Maschine, oben befinden sich die ܜberwachungsmonitore für die Vitalfunktionen. Rechts neben dem Bett steht ein Beatmungsgerät und Infusionstechnik.
Intensivstation der Uniklinik Dresden: Noch gibt es genug freie Plätze auf Intensivstationen in Deutschland, doch es gibt Befürchtungen, dass sich das ändern könnte. Bildrechte: dpa

Angesichts steigender Covid-19-Fallzahlen auch in Deutschland diskutieren Mediziner und Ethiker mögliche Triage-Situationen in Kliniken. Im Kern geht es dabei um die Frage, nach welchen Kriterien Mediziner mögliche Entscheidungen über die Versorgung von Patienten treffen könnten, sollte es auch in Deutschland mehr schwer an Covid-19 Erkrankte geben als intensivmedizinische Betreuungsplätze.

Triage Der Begriff "Triage" bezeichnet in der Medizin eine Methode, um im Fall einer Katastrophe oder eines Notfalls die Patienten auszuwählen, die zuerst eine medizinische Versorgung erhalten. Das Wort stammt aus dem Französischen und bedeutet übersetzt "sortieren" oder "aussuchen".

Bei der Triage im Falle der Coronavirus-Pandemie geht es vor allem um die ärztliche Entscheidung, wer eine intensivmedizinische Behandlung oder ein Beatmungsgerät erhält, wenn nicht hinreichend Ressourcen vorhanden sind.

Elsass: Keine Beatmung für über 80-Jährige

Zu solchen Situationen war es bereits in Italien und im französischen Elsass an der Grenze zu Deutschland gekommen. Zuletzt hatte das Deutsche Institut für Katastrophenmedizin in Tübingen in einem Bericht an die baden-württembergische Landesregierung geschrieben, dass Patienten über 80 Jahren an der Straßburger Uniklinik nicht mehr beatmet würden.

Das französische Elsass ist besonders stark von der Coronavirus-Pandemie betroffen. In der Region würden Patienten über 80 in Pflegeheimen bereits ebenfalls nicht mehr beatmet, schreibt das Institut in dem Bericht weiter. Stattdessen sollten sie durch den Rettungsdienst eine "schnelle Sterbebegleitung" erhalten. Der Bericht lag der Deutschen Presseagentur vor und wurde vom Institut für Katastrophenmedizin bestätigt.

Ethikrat: "nahezu unlösbare Dilemmata"

Angesichts der aufkommenden Diskussion veröffentlichte der Deutsche Ethikrat am Freitag eine Ad-hoc-Empfehlung: Zur gegenwärtigen Krise gebe es bislang nur wenige konkrete Richtlinien für den Ernstfall, heißt es dort. Ärzte müssten weitreichende Entscheidungen treffen, das könne zu Kollisionen zwischen fundamentalen Maßgaben der Ethik und des Rechts führen. Der Ethikrat schreibt, diese Entscheidungen könnten sich als "nahezu unlösbare Dilemmata" erweisen.

Für den Staat gelte angesichts der Triage-Diskussion aber: "Be- oder gar Abwertungen des menschlichen Lebens sind ihm untersagt." Auch im weiteren Abschnitt wird der Ethikrat deutlich: "Jede unmittelbare oder mittelbare staatliche Unterscheidung nach Wert oder Dauer des Lebens und jede damit verbundene staatliche Vorgabe zur ungleichen Zuteilung von Über­lebenschancen und Sterbensrisiken in akuten Krisensituationen ist unzulässig."

Jedes menschliche Leben genießt den gleichen Schutz.

Deutscher Ethikrat

Damit seien nicht nur Differenzierungen etwa aufgrund des Geschlechts oder der ethnischen Herkunft untersagt. "Auch eine Klassifizierung anhand des Alters, der sozialen Rolle und ihrer angenommenen 'Wertigkeit' oder einer prognostizierten Lebensdauer muss seitens des Staates unterbleiben." Der Staat dürfe menschliches Leben nicht bewerten, und deshalb auch nicht vorschreiben, welches Leben in einer Konfliktsi­tuation vorrangig zu retten ist. Es bedürfe aber möglichst bald "einheitlicher Handlungsmaximen".

Mediziner für "klinische Erfolgsaussicht" als Kriterium

Der Ethikrat verweist auf Entscheidungsempfehlungen von sieben medizinischen Fachgesellschaften, darunter der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Die Mediziner plädieren darin klar für die "klinische Erfolgsaussicht" als Kriterium bei einer Entscheidung um freie Krankenhausressourcen. Es gelte der Gleichheitsgrundsatz.

DIVI-Präsident Professor Uwe Janssens sagte laut einer Mitteilung: "So ist es nicht zulässig, nach dem kalendarischen Alter oder nach sozialen Kriterien zu entscheiden!" Im Extremfall sollten drei Experten "mit unterschiedlichen Blickwinkeln" bewerten.

Aus Gründen der Gleichberechtigung sieht das Papier der medizinischen Fachgesellschaften zudem vor, dass eine Auswahl unter allen Patienten erfolgen sollte, "die eine Intensivbehandlung benötigen, unabhängig davon, wo sie gerade versorgt werden (Notaufnahme, Allgemeinstation, Intensivstation) und ganz gleich, ob Covid-19-Infizierter, Schlaganfall-Patient oder Unfallopfer".

Eine Intensivtherapie sei dann nicht angezeigt, wenn der Sterbeprozess unaufhaltsam begonnen habe, wenn die Therapie aussichtslos sei oder wenn das Überleben nur bei dauerhaftem Aufenthalt auf der Intensivstation gesichert werden könne.

Öffentlichkeit sollen Ängste genommen werden

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz begrüßte die Handreichnung. Vorstand Eugen Brysch wies allerdings darauf hin, dass solche Güterabwägungen häufig bei Unfällen oder Katastrophen getroffen werden müssen. Die jetzt vorgestellten Empfehlungen könnten aber nicht nur Ärzten helfen, sondern auch der Öffentlichkeit Ängste nehmen.

Der Deutsche Ethikrat plädiert in seiner Ad-Hoc-Empfehlung allerdings vorerst vor allem für eine Reihe von Einzelmaßnahmen im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus – darunter ein weiteres Aufstocken und Stabilisieren der Kapazitäten des Gesundheitssystems sowie die Einführung eines flächendeckenden Systems zur Erfassung und optimierten Nutzung von Intensivkapazitäten.

Noch Kapazitäten in Mitteldeutschland

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hatte sich am Freitag zuversichtlich gezeigt, dass in der Corona-Krise in Deutschland vorerst eine Situation wie in Italien verhindert werden kann. Präsident Gerald Gaß sagte dem ZDF-Morgenmagazin, er hoffe, dass man das zumindest für die nächsten zwei Wochen schaffe. Dafür müsse sich die Kurve abflachen. Allerdings müssten die Ausgangs-Beschränkungen eingehalten werden.

Eine Umfrage des MDR hatte ergeben, dass es in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen derzeit mindestens 2.188 Krankenhausplätze mit der Möglichkeit zur maschinellen Beatmung gibt. Rund 1.000 Betten davon könnten sofort belegt werden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 26. März 2020 | 18:35 Uhr