Versorgung mit Medikamenten Höhere Preise für mehr Sicherheit?

Die Corona-Krise zeigt: die Versorgung mit Medikamenten steht auf fragilen Säulen. Deshalb soll die Produktion der Wirkstoffe aus China und Indien wieder nach Europa verlagert werden – doch dabei gibt es viele Hürden.

Bei den Medikamenten ist Europa auf Asien angewiesen. Doch die Lieferungen aus China und Indien kommen nicht immer reibungslos – und immer wieder kommt es deshalb zu Engpässen. Der Ausbruch der Corona-Pandemie bringt nun zusätzlichen Druck in die Debatte, ob die Produktion der Wirkstoffe in die eigenen Hände genommen werden sollte. Auch wenn sich in Deutschland die Politiker über die Parteigrenzen hinweg einig sind und auch in einigen weiteren EU-Ländern ein Konsens besteht, dass dies der richtige Weg sei, um die Versorgungssicherheit der Patienten herzustellen: Es ist kein einfaches Unterfangen.

Die Pharma-Unternehmen und die Produktion

So müssten zuerst ausreichende Produktionskapazitäten aufgebaut werden. "Wenn sich ein pharmazeutisches Unternehmen dazu entscheidet, eine Produktionsanlage aufzubauen, dauere es von Beginn der ersten Arbeiten bis zu ihrer Abnahme durch die Behörden bis zu fünf Jahren", erklärt Jasmina Kirchhoff, Expertin für den Pharmamarkt beim Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. In dieser Zeit werde in eine hochkomplexe Anlage investiert, die sehr hohe Qualitäts- und Sicherheitsbestimmungen erfüllen müsse.

Da kann es durchaus sein, dass da Summen zusammenkommen, die die Milliardengrenze überschreiten.

Jasmina Kirchhoff Expertin für den Pharmamarkt

Die Pharma-Unternehmen müssten sich deshalb darauf verlassen können, dass sie "über einen längerfristigen Zeitraum entsprechende Preise generieren" können, erklärt Jasmina Kirchhoff entsprechende Forderungen der Arzneimittelhersteller. Sonst würden sich solche Investitionen nicht lohnen. Es ist eine Diskussion, die schon seit Längerem geführt wird, auch vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie sowie von dem Verband "progenerika". Klar ist, die pharmazeutischen Unternehmen würden vor allem Planungssicherheit und stabile Rahmenbedingungen benötigen.

Die Politik muss die Bedingungen schaffen

Medikamente
In Indien hat die Regierung aufgrund der Corona-Krise einen Exportstopp für manche Wirkstoffe verhängt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch welche Anreize müssten gesetzt, welche Bedingungen geschaffen werden? Eine Investition in europäische Standorte macht für die Unternehmen derzeit wirtschaftlich wenig Sinn. Zu hoch ist der Preis- und Konkurrenzdruck aus Asien. "Es gibt die Möglichkeit, dass wir Unternehmen, die Wirkstoffproduktion in Europa aufbauen, finanziell unterstützen", schlägt deshalb CDU-Gesundheitspolitiker Michael Hennrich vor – etwa im Rahmen von Beihilfen. Eine weitere Möglichkeit wäre, bei künftigen Ausschreibungen europäische Umwelt- und Sozialstandards zu formulieren, die bei der Produktion eingehalten werden müssten, die dann auch ein entsprechendes Lohnniveau garantieren.

Beispiel Antibiotika: 55 Millionen Euro Mehrkosten

Allen Beteiligten in Politik und Fachwelt ist klar, in Europa zu produzieren wird definitiv teurer. Ein bedeutsames Beispiel: Bei der Produktion für eines der wichtigsten Antibiotika (aus der Gruppe der Cephalqsporine) in Deutschland, würden sich jährlich 55 Millionen Euro Mehrkosten für das Gesundheitssystem ergeben. Das hat Dr. Morris Hosseini für die Unternehmensberatung Roland Berger im Auftrag des Pharmaverbandes "progenerika" berechnet. Nur dann würde sich die Versorgung der Bevölkerung durch eine lokale Herstellung wirtschaftlich auch rechnen. Das entspräche 0,25 Prozent der Gesamtausgaben für Arzneimittel.

Tabletten
Es ist bislang unklar, welche versorgungsrelevanten Wirkstoffe aus Sicherheitsgründen wieder in Europa produziert werden sollten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das bedeutet: allein für ein überlebenswichtiges Antibiotikum entstehen enorme Mehrkosten. Allerdings ließe sich dies noch reduzieren: Wenn entsprechende Verträge europaweit ausgeschrieben und damit eine größere Menge produziert würde, sagt der Pharmaexperte von Roland Berger. Laut seiner Berechnung benötige Deutschland 100 Tonnen Antibiotika der sogenannten Cephalqsporine pro Jahr. Diese würde bei eigener Produktion jene 55 Millionen Euro Mehrkosten verursachen. "Für Europa müssten wir dann das Fünffache, also 500 Tonnen produzieren", sagt Hosseini. Doch die Kosten dafür würden nur 78 Millionen Euro betragen. "Das ist zwar etwas mehr, aber im Verhältnis zur Menge deutlich günstiger."

Dabei wäre allerdings noch nicht geklärt, welche versorgungsrelevanten Wirkstoffe aus Sicherheitsgründen wieder in Europa produziert werden sollten. Das müsste ebenfalls auf EU-Ebene geregelt werden.

Wer trägt die höheren Kosten dafür?

Grundsätzlich gilt: Jedes Arzneimittel, das in Deutschland zugelassen ist, muss von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden – und zwar unabhängig davon, wo es produziert wurde. Die meisten versorgungsrelevanten Wirkstoffe, die in China und Indien hergestellt werden, haben entsprechende Zulassungen in Deutschland.

Aber: Die Kassen unterliegen zudem dem sogenannten Wirtschaftlichkeitsgebot. Das heißt, sie müssen mit den pharmazeutischen Unternehmen Abnahmeverträge schließen, die ihre Medikamente wirtschaftlich günstig anbieten. "Wenn es zum Beispiel ein Produkt gibt, das in China preisgünstig hergestellt wurde, in Europa aber relativ teuer, dann gilt das Wirtschaftlichkeitsgebot", sagt Florian Lanz, Sprecher des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen.

Im Zweifelsfall wäre es dann wahrscheinlich das aus China, was wir nehmen müssen.

Florian Lanz Sprecher des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen

Wenn gesetzliche Krankenkassen also künftig teurere, aber in Europa hergestellte Arzneimittel bezahlen sollen, dann müsse zuvor die Politik den gesetzlichen Rahmen für die Kassen entsprechend ändern.

Weg in die Unabhängigkeit von China

Jens Spahn (CDU, r), Bundesgesundheitsminister, spricht bei einer Pressekonferenz über die Situation in Zusammenhang mit dem Coronavirus in Italien und zu möglichen Reaktionen in Deutschland.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Bildrechte: dpa

Seriös vorhersagen, welche Folgen der Wiederaufbau einer Wirkstoffproduktion in Europa auf die Preise für Medikamente tatsächlich hat, lässt sich momentan nicht. "Das eine ist das Kostenargument, was aber für mich, wenn es um die Versorgungssicherheit geht, keine Diskussion sein darf", sagt Martina Stamm-Fibich, die für die SPD im Gesundheitsausschuss sitzt. Sie sei nicht einmal sicher, dass es so viel teurer werde. Zudem müsse man auch ehrlich sein, dass es bequem gewesen sei, Wirkstoffe in China herzustellen. Bei Arbeitsschutz und Umweltschutzstandards habe man aber nicht so genau hingeschaut. In Europa gelten da natürlich schärfere Bedingungen.

Doch für die Zukunft könnte eine Produktion in Europa mehr Sicherheit für die Gesundheitssysteme bringen. "Wir sollten als Europäische Union nicht in diesem Umfang wirtschaftlich und in unseren Lieferketten abhängig sein von China", sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Man spüre das ja schon länger, wenn es um Arzneimittel gehe, so Spahn. Die Corona-Krise hat das Thema noch einmal verdeutlicht, doch die weiteren Überlegungen werden wohl erst folgen können, wenn das schlimmste der Pandemie überwunden ist.

Anmerkungen der Redaktion: Die Interviews für diesen Artikel wurden in der Zeit vom 09. bis 13.03.2020 geführt.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 18. März 2020 | 20:15 Uhr