Ausbreitung in Europa Seuchenforscher fordert mehr Tests auf Coronavirus

Der hallesche Virologe und Seuchenforscher Alexander Kekulé fordert eine neue Strategie, um die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen. Der Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle-Wittenberg sagte MDR AKTUELL, die neuen Krankheitsfälle in Italien hätten nichts mehr mit Reisen nach China zu tun. Daher müssten nun alle schwer erkrankten Patienten auf Sars-CoV-2 getestet werden.

Alexander Kekulé
Der Seuchenforscher Alexander Kekulé aus Halle ist besorgt über die jüngsten Coronavirus-Erkrankungen in Italien. Bildrechte: dpa

Um die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus in Europa zu stoppen, muss Deutschland nach Ansicht des Halleschen Virologen Alexander Kekulé seine Strategie grundlegend ändern. Statt wie bisher nur Erkrankte mit bekanntem Kontakt zu Reisenden aus China zu testen, sollten ab sofort alle schweren Atemwegsinfektionen auf Sars-CoV-2 getestet werden. "Wir müssen viel mehr testen, um bisher unerkannte Fälle zu entdecken", erklärte Kekulé am Montag.

Drohender Flächenbrand

Kekulé begründet seine Forderung unter anderem mit den jüngsten Krankheitsfällen in Italien. Die Erkrankungen hätten nichts mehr mit Reisen nach China zu tun. Deshalb müsse man bei der Abwehr der Epidemie in den zweiten Gang schalten. "Wir müssen diese glimmenden Zigaretten austreten, bevor es zu einem Flächenbrand kommt", sagte der Professor der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

In Deutschland seien bereits viele Labore für Untersuchungen auf Sars-CoV-2 vorbereitet, erklärte Kekulé. Da die Kapazitäten nicht für die Testung aller Atemwegsinfektionen ausreichten, sollten nur besonders schwere Krankheitsverläufe auf das Virus zu untersucht werden. So bliebe dennoch kein Fall unerkannt. Die EU habe derzeit noch die Chance, eine unkontrollierbare Epidemie wie in China zu verhindern.

Die katastrophale Situation in China zeigt, dass Ausbrüche des neuen Coronavirus ab einer gewissen Größe selbst mit drastischen Mitteln nicht mehr einzudämmen sind.

Prof. Dr. Dr. Alexander Kekulé Direktor Institut für Medizinische Mikrobiologie der Universität Halle-Wittenberg

In Deutschland sind nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums derzeit 16 laborbestätigte Fälle von Covid-19 bekannt. Die meisten Personen seien bereits wieder gesund und aus der Klinik entlassen. Auch die übrigen Patienten befänden sich auf dem Weg der Besserung.

Coronavirus Das Virus trägt inzwischen die Bezeichnung Sars-CoV-2. Die Erkrankung, die es verursacht, wird Covid-19 genannt.

Definitionsgemäß eine Pandemie

Nach aktuellem Kenntnisstand verliefen mindestens fünf Prozent aller Sars-CoV-2-Infektionen so schwer, dass die Patienten ärztlich behandelt werden müssen. Seuchenforscher Kekulé mahnte: "Das neue Virus ist wesentlich gefährlicher als die Grippe. Unsere Gesundheitsbehörden dürfen das Problem nicht länger verharmlosen". Der Ausbruch sei jetzt definitionsgemäß eine Pandemie. "Wann die WHO diese erklärt, hängt nur von politischen Erwägungen ab."

Kekulé zählt zu den renommiertesten Virologen Deutschlands. Unter anderem beriet er von 2003 bis 2015 beriet die Bundesregierung als Mitglied der Schutzkommission zum Seuchenschutz.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 24. Februar 2020 | 09:00 Uhr

6 Kommentare

nasowasaberauch vor 18 Wochen

Das der nächste Börsencrash durch einen Virus ausgelöst wird hätte wohl keiner gedacht. Die Globalisierung fällt uns nun erstmals auf die Füße und die Ostsee wird sich im Sommer vor Urlaubern nicht retten können. Vom Medikament bis zum technischen Teil, es gibt kaum noch etwas, das nicht in China hergestellt wird. Mal sehen, ob der Staat etwas daraus lernt und regulierend betreffs der Daseinsvorsorge eingreift. Der nächste Erreger kommt bestimmt.

ElBuffo vor 18 Wochen

Wie würde man denn dann gerade bei ökonomisch mächtigen Ländern verhindern, dass sich das ruckzuck weltweit ausbreitet? Und was hätte man dann vor allem davon, wenn ein ökonomisch mächtiges Land geschwächt würde?

Querdenker vor 18 Wochen

Zitat: „Das neue Virus ist wesentlich gefährlicher als die Grippe. Unsere Gesundheitsbehörden dürfen das Problem nicht länger verharmlosen"

Diese Verharmlosung erschreckend.

siehe „tagesschau Coronavirus Spahn sieht neue Lage für Deutschland“

Zitat: „… Dies weise darauf hin, dass sich die Betroffenen bei Personen angesteckt hätten, die keine oder kaum Symptome zeigten und nichts von ihrer eigenen Infektion wüssten. Somit könne sich der Erreger schnell ausbreiten, bevor die ersten Fälle überhaupt nachgewiesen werden. "Es ist klar, dass nun alle Voraussetzungen für eine Pandemie vorhanden sind", sagte Bharat Pankhania von der Universität Exeter. "Es ist besser ehrlich zu sein und es zu sagen." ...“