COVID-19 Diskussion um Intensivbetten in Deutschland

Vergangene Woche hatte der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft verkündet, es stünden um die 40.000 Intensivbetten für die Behandlung von COVID-19-Patienten bereit. Dem widerspricht nun das Zentralregister für Intensivbetten. Den kompletten Überblick hat tatsächlich noch keiner.

Ein Beatmungsgerät steht in einem Behandlungszimmer des UKE.
Bei einem schweren Krankheitsverlauf müssen COVID-19-Patienten beatmet werden. Bildrechte: dpa

Laut der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) stehen in Deutschland keine 40.000 Intensivbetten zur Verfügung. Damit widersprach die Divi einer Aussage des Präsidenten der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, im "General Anzeiger Bonn". Die Zahl könne man in "keinster Weise" bestätigen, teilte eine Divi-Sprecherin mit. Am Freitag (3.4.) hatte die Divi Zahlen aus ihrem Intensivregister veröffentlicht. Demnach waren zu diesem Zeitpunkt 13.346 Intensivbetten belegt, 10.074 waren frei. Also geht die Divi davon aus, dass es in Deutschland lediglich etwas mehr als 23.000 Intensivbetten gibt.

Ein Register ohne Meldepflicht

Das Intensivregister der Divi erfasst tagesaktuell die Versorgungskapazitäten und Fallzahlen zu intensivmedizinisch behandelten COVID-19-Patienten. Damit sollen die Verfügbarkeiten von Beatmungsbetten und von erweiterten Therapiemaßnahmen bei akutem Lungenversagen in Deutschland sichtbar gemacht werden. Derzeit werden um die 2.500 der 13.346 Intensivbetten zur Behandlung von COVID-19-Patienten genutzt. Dies deckt sich mit den Zahlen des Robert-Koch-Instituts, das an der Entwicklung des Registers beteiligt war.

Röntgenaufnahme Brust Lunge
Welche Maßnahmen bei einer Lungenentzündung ergriffen werden, hängt auch von der Schwere der Erkrankung ab. Bildrechte: Colourbox.de

Wann ist bei COVID-19 eine intensivmedizinische Behandlung nötig? Bei mild bis moderat verlaufenden Fällen bis hin zu einer leichten Lungenentzündung können Patienten oft in häuslicher Isolation genesen.

Bei Risikopatienten, schweren Fällen, einer starken Lungenentzündung oder sogar Atemnot müssen Patienten im Krankenhaus behandelt werden. Derzeit sind 14 Prozent aller Infizierten in Deutschland hospitalisiert. Dies entspricht nicht zwangsweise einer Behandlung auf der Intensivstation. Zwei Prozent aller Fälle in Deutschland haben eine Lungenentzündung entwickelt. In diesen Fällen können sie unter Umständen auch eine Beatmung brauchen.

Allerdings gibt es Unstimmigkeiten über die Aussagekraft der Datenbank. Zum einen, da Mehrfachregistrierungen größerer Krankenhäuser nicht ausgeschlossen werden konnten. Dies kann geschehen, wenn große Kliniken mehrere Intensivabteilungen haben.

Gerald Gaß
Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft geht von 40.000 Intensivbetten in Deutschland aus. Bildrechte: imago images / Future Image

Bis Dienstag zieht das Intensivregister auf eine neue Plattform um. Danach sollen laut einem „Handelsblatt“-Bericht auch die Abfragen bei den Kliniken spezifiziert werden. Bislang haben allerdings auch noch nicht alle Kliniken ihre Kapazitäten in der Datenbank registriert. Die veröffentlichten Zahlen repräsentieren also nicht die gesamten Kapazitäten der Kliniken. Darüber hinaus, merkt ein Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) auf Anfrage von MDR AKTUELL an, bezögen sich die Daten des Registers auf Krankenhäuser, die bereits vor der Coronavirus-Krise über etablierte und in den Krankenhausplänen der Länder definierte Intensivstationen verfügt hatten.

DKG zählt auch "improvisierte" Intensivbetten

Die Zahlen der DKG, wonach die 28.000 Intensivbehandlungsbetten auf 40.000 und Beatmungsplätze auf 30.000 gesteigert wurden, beziehen sich auf Rückmeldungen einzelner Krankenhäuser, der Landesgesundheitsministerien und der Landeskrankenhausgesellschaften. Diese Informationen gingen über die Meldungen des Divi-Registers hinaus, teilte die DKG schriftlich mit.

Angesichts der Coronavirus-Krise hätten aber zahlreiche Kliniken, die bisher nicht über klassische Intensivstationen verfügt hatten, neue Betten und Plätze eingerichtet. Hier seien mehrere 1.000 Plätze entstanden, die überwiegend mit Beatmungsgeräten aus den OP-Sälen und Aufwachräumen ausgestattet seien. Diese Plätze würden im aktuellen Register ignoriert, da sie von den meldenden Intensivmedizinern nicht als vollwertige Intensivbetten betrachtet werden.  

Der Monitor eines Beatmungsgerätes zeigt optimale Werte für den Verlauf der Narkose eines Patienten während eines operativen Eingriffs.
Einige Klinigen verwenden nun die Beatmungsgeräte aus den OP-Sälen, um zur Not Patienten beatmen zu können. Bildrechte: dpa

Diese Möglichkeiten der Beatmung gibt es. Beatmung kann in Form eines geringen Betreuungsbedarfs geschehen, beispielsweise mit einer Gesichtsmaske oder einer Nasenbrille. Dieser Bedarf wird als „low care“ bezeichnet.

Schwere Fälle haben einen hohen Betreuungsbedarf (high care). Diese Patienten müssen intubiert werden, das heißt, ein Kunststoffschlauch muss in die Luftröhre eingeführt werden.

Patienten mit akutem Lungenversagen können ECMO-Plätze helfen. Dies ist keine Beatmung im klassischen Sinne. Hier sorgt ein maschineller „Lungenersatz“ dafür, dass das Blut weiter mit Sauerstoff angereichert wird.

Doch am Ende sind auch die 40.000 Intensivbetten, die die DKG angibt, Schätzungen, wie der Gesellschaftspräsident Gerald Gaß dem "General Anzeiger Bonn" sagte. Nun sieht ein Verordnungsentwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vor, dass  Kliniken ab sofort verpflichtend und täglich freie Intensivbetten an ein zentrales Register melden sollen. Ob dabei die bisherige Strategie der Divi verfolgt wird und damit Kliniken mit etablierten Intensivstationen gemeint sind oder auch die neu eingerichteten Intensivbetten gemeldet werden sollen, geht aus der Verordnung nicht hervor.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 06. April 2020 | 14:00 Uhr

5 Kommentare

Critica vor 7 Wochen

Manchmal denke ich, dass diese Krise gewollt ist. Irgendwo war die Menscheit an einem Punkt angekommen, wo es ein "noch höher, noch schneller, noch weiter" nicht mehr geben kann. Jetzt fährt alles wieder herunter - weltweit... und es geht von vorn los.
Jetzt zeigt sich, dass "höher, schneller, weiter..." nicht alles sein kann.
Sollten wir die Krise gesund an Leib und Seele überstehen, werden aber die wenigsten auf dem Boden haften bleiben und sich besinnen, dass jeder Mensch nur ein Leben hat - ganz gleich ob er arm oder reich, angesehen oder ganz normal ist.

wo geht es hin vor 7 Wochen

"Einzig hier scheinen Provokateure die sinnfreie nicht nachvollziehbare Kritik in schweren Zeiten blubbern." Das sollten Sie dann auch mal konkret begründen. Denn sonst ist auch Ihr Kommentar "sinnfrei".

Gebrauchtmodell vor 7 Wochen

Unsere Bundes- und Landesregierungen unternehmen alles, um die Bevölkerung wirksam zu schützen. Die Lage ist ernst, es besteht Grund zur Sorge und Vorsorge, jedoch nicht zu Panik, Hamsterkäufen und Alarmismus.