30 Jahre Deutsche Einheit Der Osten holt auf!

…aber langsam, muss man dazu sagen. Auch wenn der Ostbeauftragte der Bundesregierung Marco Wanderwitz (CDU) im diesjährigen Bericht zum Stand der deutschen Einheit die neuen Bundesländer „auf dem richtigen Weg“ sieht, bleibt das noch ein schwieriger Weg.

Aufschwung im Osten
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"Ostdeutsche" – das klingt für die einen wie der eher ungeliebte Teil der wiedervereinten Deutschen, für die anderen wie Heimat und Identität. Wer verstehen will, wie der Osten heute tickt, muss verstehen, was die Menschen prägt, was sie erlebt, was sie gehofft und erfahren haben. Das Blühen ostdeutscher Landschaften folgt auf einen Sturm, der Spuren hinterlassen hat. Sich neu erfinden, neu beweisen ist zu einer kollektiven Erfahrung der Ostdeutschen geworden. Was heißt es heute, Ostdeutsche/r zu sein?

Das will ein multimediales Projekt von MDR und RBB herausfinden. Die TV Dokumentation "Wir Ostdeutsche" (ab sofort in der Mediathek) wird begleitet von einem umfangreichen Datendossier. Die dort aufbereiteten statistischen Erhebungen beweisen, dass sich auch drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung erhebliche Unterschiede zwischen den Einstellungen, Wertemustern und Verhaltensweisen von Ost- und Westdeutschen feststellen lassen.

Ostdeutsche fahren mehr Rad

Die Ostdeutschen verbringen ihre Freizeit weniger mit Smartphone, Netflix und Computer und fahren dafür mehr Rad als die Westdeutschen. Sie haben weniger Vermögen, geben aber in den letzten 30 Jahren immer mehr Geld für Konsum aus, allerdings immer noch weniger als Westdeutsche. Einen deutlichen Unterschied gibt es in den Vertrauenswerten gegenüber Parteien und Politikern. Hier liegt der Osten beständig unterhalb der Werte des Westens, und der Unterschied wird seit den 90er Jahren immer größer. Hier lässt sich durchaus ein Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Situation der jeweiligen Region erkennen.

Der Ostbeauftragte Marco Wanderwitz stellt auch einen Zusammenhang zur politischen Entwicklung her: "Sehr wahrscheinlich hat geringerer Zuspruch zur Demokratie einen negativen Einfluss auf die Wirtschaftsentwicklung." Sagt er in seinem Bericht.

Die ostdeutsche Wirtschaftskraft hat sich trotz schwieriger Ausgangsbedingungen gut entwickelt, und liegt trotzdem noch weit hinter dem Niveau der alten Bundesländer. Auch wenn Niedersachsen und Schleswig-Holstein ein ähnlich geringes Wachstum wie ostdeutsche Bundesländer aufweisen, entwickelt sich die westdeutsche Ökonomie insgesamt deutlich stärker. Für Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg wird dagegen nur ein halb so hohes Wachstum pro Kopf wie im Süden prognostiziert.

Folgen der Abwicklung

Ob Deutsche Bahn, Telekom oder Bayer - Nahezu alle deutschen Großkonzerne sitzen in Westdeutschland. Von den 500 größten Unternehmen Deutschlands entschieden sich lediglich 16 ihren Hauptsitz in die ostdeutschen Bundesländer zu legen - die übrigen 484 sitzen in den westdeutschen Bundesländern oder in Berlin. Darüber hinaus gilt für die wenigen Großbetriebe in Ostdeutschland: Darüberhinaus haben die wenigen Großbetriebe in Ostdeutschland ihren Mutterkonzern dennoch in Westdeutschland oder im Ausland.

Viele ostdeutsche Großstädte haben sich in der gesamtdeutschen Beliebtheitsskala weit nach oben gearbeitet. Dagegen haben der ländliche Raum und viele der ehemaligen Industrieregionen bis heute mit den Folgen der Abwanderung zu kämpfen.

Chemnitz ist die "älteste" deutsche Großstadt

Ostdeutschland ist bundesweit am stärksten mit der Überalterung konfrontiert. Im Schnitt ist die oder der Deutsche 44,4 Jahre alt. In Ostdeutschland sind die Menschen im Schnitt älter. Das höchste Durchschnittsalter einer deutschen Großstadt weist Chemnitz mit 48,8 Jahren auf.

Touristen vor dem "Nischl" (Karl-Marx-Büste) in Chemnitz
Chemnitz hat das höchste Durchschnittsalter einer deutschen Großstadt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Suhl hat mit 50,7 Jahren das höchste Alter einer kreisfreien Stadt in Deutschland. Nur die Universitätsstädte Leipzig, Dresden, Erfurt, Jena, Weimar und Potsdam sind verglichen mit dem bundesdeutschen Durchschnitt junge Städte. Betrachtet man alle Kreise und kreisfreien Städte Ostdeutschlands im Vergleich zum bundesweiten Durchschnitt, werden die Auswirkungen der Abwanderungswellen deutlich: Der demografische Wandel führte im Osten zu einer starken Überalterung.

Früher waren wir jünger

Der Demografische Wandel trifft Ostdeutschland besonders hart. In Ost- wie in Westdeutschland ist der Anteil jüngerer Menschen an der Bevölkerung innerhalb einer Generation stark zurückgegangen. Der Anteil der Älteren nahm massiv zu. Niedrige Geburtenraten sowie eine allgemein höhere Lebenserwartung stellen die treibenden Kräfte dieser Entwicklung dar.

Die Daten

Die Datenauswertung basiert auf offiziellen Statistiken der letzten Jahrzehnte. Konkrete Quellenangaben finden sich in den Grafiken. Das Datendossier entstand im Zusammenhang mit dem TV Projekt "Wir Ostdeutsche" von rbb und MDR.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | Wir Ostdeutsche - 30 Jahre im vereinten Land | 28. September 2020 | 20:15 Uhr