"Diversity Day" Diversität – Nachholbedarf auch bei der Bundesregierung

Vor rund vierzig Jahren waren Frauen als Ministerinnen Exotinnen. Sie durften, wenn überhaupt, fast ausschließlich in einem Ministerium wirken: dem für Jugend, Familie und Gesundheit. Das hat sich geändert. Aktuell sind sechs Frauen im Bundeskabinett, plus Kanzlerin. Aber wie divers ist diese Bundesregierung? Und wo ist ein Integrationsminister oder eine Integrationsministerin?

Angela Merkel schaut zu Hubertus Heil während dazwischen Heiko Maas und Olaf Scholz sitzen.
Sechs von 15 Kabinettsmitglieder sind Frauen, unter ihnen die Kanzlerin. Damit ist fast Gleichstand erreicht. Aber immer noch nicht ganz. Bildrechte: dpa

Für die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung ist das Kabinett Merkel nicht bahnbrechend divers. Das gibt Annette Widmann-Mauz unumwunden zu. Allerdings sagt sie auch:

Wir haben zum ersten Mal fast pari pari, wenn ich an das Geschlechterverhältnis denke.

Annette Widmann-Mauz, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung
Annette Widmann-Mauz, CDU, Staatsministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration
Annette Widmann-Mauz (CDU) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Fast pari-pari" bedeutet: Sechs von 15 Ministerposten sind mit Frauen besetzt – eine Verbesserung im Vergleich zu früher, wenn auch keineswegs die Hälfte. Auch sonst ist das Kabinett hauptsächlich weiß, hetero und älter. Wenn man einmal vom schwulen Gesundheitsminister absieht, der mit seinen 40 Jahren außerdem auch noch das jüngste Kabinettsmitglied ist. Jens Spahn hat mit seiner Homosexualität keine Probleme – nimmt sie aber auch nicht zum Anlass, besonders für die Rechte der LGBTQ+-Gemeinschaft zu trommeln. Immerhin hat Spahn in seiner Eigenschaft als Gesundheitsminister die so genannten Konversionstherapien verbieten lassen, die homosexuelle Menschen umpolen wollen.

Homosexualität ist keine Krankheit und damit auch nicht behandlungsbedürftig.

Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister

Diaby: "Großer Nachholbedarf in Bezug auf Diversity"

Ob die Gesellschaft modern genug für einen schwulen Kanzler sei, fragte die Bild-Zeitung Anfang dieses Jahres, eine Antwort lieferte sie nicht. Auf die Frage, ob Deutschland bereit sei für einen schwulen Kanzler, antwortet Widmann-Mauz mit einer Gegenfrage: "Warum nicht?"

Karamba Diaby
Karamba Diaby (SPD) Bildrechte: imago/Köhn

Was derzeit noch weniger zur Debatte steht, ist ein Kanzler oder eine Kanzlerin mit Migrationshintergrund. Nicht einmal die Grünen haben so jemanden im Köcher. Karamba Diaby, einziger Schwarzer im Bundestag und Integrationsbeauftragter der SPD, stellt dem aktuellen Kabinett ein Armutszeugnis aus:

Ich bin der Meinung, dass wir in Deutschland einen großen Nachholbedarf haben, im Bezug auf Diversity. Wenn man in den öffentlichen Dienst schaut, haben wir nicht ausreichend Menschen mit Migrationshintergrund – im Vergleich mit der Anzahl von Menschen mit Migrationshintergrund allgemein.

Karamba Diaby, SPD-Bundestagsabgeordneter

Kein Migrationshintergrund im Kabinett: "Das darf sich ändern"

Kein einziger Minister, keine Ministerin mit Migrationshintergrund – und das, wo ein Viertel der Menschen in Deutschland genau diesen Migrationshintergrund hat. Bei den Jüngeren ist es sogar ein Drittel. Das solle künftig anders sein, so Widmann-Mauz.

Ja, wir haben im Moment kein Mitglied mit offensichtlichem Migrationshintergrund oder mit Migrationsgeschichte. Und ja, das darf in der Zukunft sich auch wieder verändern.

Annette Widmann-Mauz, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung

Anders als die Frage Migrationshintergrund oder Behinderung wird etwa der Regionalproporz im Kabinett penibel mitgedacht, wenn es um Ministerposten geht. Dennoch ist Ostdeutschland auch in diesem Bundeskabinett ausgesprochen schwach vertreten. Einzig Franziska Giffey ist gebürtige Ostdeutsche. Was ist da eigentlich falsch gelaufen? Annette Widmann-Mauz verkneift sich ein Grinsen. Sie findet, die Bundeskanzlerin sei eine "starke Repräsentantin an der Spitze der Bundesregierung, für die Menschen, die in Ostdeutschland leben oder ostdeutsche Biographien haben."

Zustimmung für Integrationsministerium

Und wie sieht es mit dem Integrationsministerium aus? Das seit Jahren immer wieder diskutiert wird. Karamba Diaby hält viel von dieser Idee. Aufgrund des Migrationsgeschehens weltweit wisse man, dass die Themen Integration und Migration keine Randthemen mehr seien. "Das sind ganz große Herausforderungen, das kann man positiv nutzen, wenn man das Thema auch wirklich in den Fokus nimmt."

Die Integrationsbeauftragte kennt das Gegenargument: Integration spielt in verschiedene Ministerien hinein, braucht kein eigenes. Und doch sagt Annette Widmann-Mauz, man könne ein Integrationsministerium kraftvoll ausstatten und ihm die entsprechende Bedeutung geben. Sie halte das persönlich für sinnvoll. Daher hofft sie, dass die nächste Bundesregierung ein Integrationsministerium einrichtet. Und vielleicht ist dann auch das Kabinett vielfältiger.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 26. Mai 2020 | 19:30 Uhr