Rumänische Erntehelfer Zu Hause beschimpft, in Deutschland herbeigesehnt

Tausende Erntehelfer aus Rumänien dürfen bis Ende Mai per Ausnahmeregelung nach Deutschland einreisen. Sie sollen die Ernten absichern, wie schon all die Jahre zuvor. Doch noch nie standen sie deswegen im Rampenlicht – und noch nie wurden sie mit Sondermaschinen eingeflogen.

Rumänische Erntehelfer warten in einem Reisebus am Flughafen Leipzig/Halle auf die Abfahrt.
Rumänische Erntehelfer warten in einem Reisebus am Flughafen Leipzig/Halle auf die Abfahrt. Bildrechte: dpa

In diesem Jahr ist alles anders. Rentner Anton Echert aus der nordrumänischen Stadt Vatra Dornei zupft mit seinen himmelblauen Gummihandschuhen seine weiße Mundschutzmaske zurecht. Er muss sie auf Weisung der Bukarester Regierung tragen, will er doch als Erntehelfer nach Deutschland ausreisen. Rumänien versucht seit Wochen, mit drastischen Ausgangssperren die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Seit Mitte März gilt der Ausnahmezustand im Land, Polizei und Militär überwachen auf Straßen und Autobahnen die Reisenden: Echert und sein Team dürfen nur passieren, weil ihre Arbeitsverträge belegen, dass sie in Deutschland erwartet werden. Noch nie brachen sie mit einem extra gecharterten Flieger auf und all das nur, um wieder mal die Ernte in Mitteldeutschland mit einzubringen.

Nicht alle bestellten Erntehelfer gekommen

Zwei Erntehelfer warten am rumänischen Flughafen Cluj.
Teamchef Anton Echert (rechts) und sein Kollege Achim Mihai kurz vor der Abreise auf dem Airport im siebenbürgischen Cluj. Bildrechte: MDR/Ede Barabasi

Der 60-jährige Teamchef Echert "fühlt sich kerngesund", dennoch treiben ihn die Sorgen um das neuartige Virus um. Er ist in seiner rumänischen Stadt zuletzt kaum aus dem Haus gegangen, um seinen Ernteeinsatz nicht zu gefährden. Doch er weiß, mit der Reise nach Deutschland steigt die Infektionsgefahr. "Manchen hat die Angst noch kurz vor der Abreise übermannt", sagt Echert. Noch am Abflugtag sind 15 Erntehelfer abgesprungen – auf dem Flughafen Leipzig/Halle landete Echert zu Wochenbeginn statt mit 100 bestellten Landsleuten nur mit 85.

Echert und seine Mannen arbeiten seit über einem Jahrzehnt im Frühjahr für ein- und denselben thüringischen Spargelhof in Kutzleben. "Wir vertrauen unserem Chef, dass er ausreichend Schutzmaßnahmen für uns getroffen hat", sagt Echert. Er kennt den Spargelhof wie sein eigenes Zuhause, doch diesmal werden dort viele Dinge ganz anders laufen. Es gibt Quarantäne-Container, sollten sich Arbeiter mit dem Virus infizieren. Auch werden die Erntehelfer in Gruppen von 20 Mann isoliert, ob bei der Arbeit, beim Essen oder der Freizeit, damit bei einer möglichen Infektion nicht gleich das ganze Team ausfällt – und damit auch die Ernte.

Möglichst viel arbeiten wollen

Wie sie wohnen, wer sie sind, was sie verdienen – noch nie standen die osteuropäischen Saisonkräfte auf den deutschen Feldern so in der Öffentlichkeit wie diesmal. Dabei kommen sie seit Jahren aus Rumänien und Polen, um auf deutschen Höfen besonders arbeits- aber auch kapitalintensive Kulturen zu ernten – wie Spargel oder Erdbeeren. Die eingeschworenen Arbeitstrupps entsprechen dem Wunschbild vieler Arbeitgeber: Sie wollen in den 70 Tagen, die sie in Deutschland beschäftigt werden dürfen, möglichst viel arbeiten, um möglichst viel zu verdienen. Überstunden sind die Regel, sie murren nicht, keine Zeit für ihre Familien Zeit zu haben, die fernab in der Heimat geblieben sind.

Deutsches Gehalt gerade in Krisenzeiten unverzichtbar

Zudem gelten die osteuropäischen Erntehelfer als leidensfähig, oft sind sie von zu Hause prekäre Arbeitsbedingungen und Knochenarbeit gewohnt. Die meisten von Echerts Team arbeiten in Rumänien selbst in der Landwirtschaft – mit ihrem Stückchen Land, das sie besitzen, sind sie oft Selbstversorger. Beim Ernteeinsatz in Deutschland können sie zwischen 3.000 bis 5.000 Euro netto verdienen, in nur zwei Monaten. In Rumänien entspricht das dem Netto-Jahresgehalt vieler Arbeiter. Auf die "bedeutende Kapitalspritze", wie Teamchef Echert sie nennt, wollen weder er noch seine Mitstreiter verzichten. Gerade jetzt in der Corona-Krise nicht.

Denn Rumänien droht angesichts der Coronavirus-Pandemie der Wirtschaftskollaps. Die Regierung in Bukarest verfügt über nur wenige Rücklagen. Zwar wird sie einige Hilfspakete schnüren und für einige Monate Kurzarbeit bezahlen können. Doch zu mehr reicht es nicht. Als zu Monatsbeginn von der deutschen Regierung die Anfrage nach Zehntausenden Erntehelfern kam, reagierte die rumänische Regierung schnell mit einer Zusage. Das Bukarester Innenministerium begründete, man wolle mit der Aktion den eigenen Landsleuten helfen, die durch die Coronakrise in finanzielle Bedrängnis geraten seien. Dass aber binnen eines Tages gleich Tausende Arbeitskräfte auf einmal ausreisen wollten, damit hatte selbst die Bukarester Regierung nicht gerechnet.

Abreise läuft jetzt koordiniert

Die Bilder vom Airport im siebenbürgischen Cluj gingen Mitte April um die Welt: Statt Mindestabstand herrschte damals dichtes Gedränge. In sozialen Netzwerken wurden die Erntehelfer von ihren eigenen Landsleuten als "Deutschlands Sklaven" beschimpft, die nicht einmal wüssten, wie man sich in der Coronavirus-Pandemie zu verhalten habe. Doch inzwischen zeigen die rumänischen Behörden Härte, was die Kontrolle bei der Abreise der Erntehelfer angeht. Vor Abflug und bei Ankunft wird die Körpertemperatur gemessen, pro Tag dürfen vom siebenbürgischen Airport in Cluj nur noch zwei Flieger starten, um Gedränge zu verhindern. In den Fliegern selbst lässt sich der von Virologen empfohlene Mindestabstand von 1,50 Meter schlicht und einfach nicht einhalten. Die deutschen Landwirte wollen die Maschinen möglichst bis auf den letzten Platz belegen, schließlich werden sie von ihnen bezahlt

Saisonarbeiter mit Mundschutz warten vor ihrer Abreise nach Deutschland vor dem Flughafen Avram Iancu.
Dichtes Gedränge Mitte April vor dem Airport in Cluj. Bildrechte: dpa

Kritik an Ausnahmeregelung für Erntehelfer

Gut 40.000 Euro hat der Spargelhof im thüringischen Kutzleben ausgegeben, um in diesem Jahr seine 85 Erntehelfer aus Rumänien zu holen. Wegen der Infektionsgefahr werden sie diesmal auf deutlich mehr Platz als in den Jahren zuvor untergebracht. Ausnahmesituationen erfordern Ausnahmelösungen, argumentieren viele Landwirte derzeit in Deutschland. Bei der Opposition im Bundestag stehen die Sonderflüge für die rumänischen Erntehelfer dagegen stark in der Kritik. Man dürfe die einheimische Versorgung mit Obst und Gemüse nicht auf Kosten der Gesundheit von Erntehelfern absichern, schrieb unlängt die agrarpolitische Sprecherin der Linken-Fraktion, Kirsten Tackmann, auf ihrer Website. Sie reagierte damit auf den Tod eines rumänischen Spargelerntehelfers in Baden-Württemberg, der mit dem Coronavirus infiziert war. Wie er sich anstecken konnte, wird derzeit noch ermittelt. 

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | 20. April 2020 | 18:37 Uhr