Klimawandel Warme Ostsee: Bakterien-Risiko steigt

Durch den Treibhauseffekt erwärmen sich auch die Meere, besonders schnell die Ostsee. Nicht nur das sensible Ökosystem ist bedroht. Es wird auch das Bakterium Vibrio vulnificus aktiviert, das Menschen gefährlich werden kann. Welche Folgen hat die Erderwärmung für die Nord- und Ostsee? Einschätzungen vom Umweltbundesamt und von Christopher Zimmermann, Leiter des Thünen-Instituts für Ostseefischerei.

Timmendorfer Strand: Urlauber baden in der Ostsee.
Ost- und Nordsee haben sich in den letzten Jahren rasant erwärmt – mit erheblichen Folgen für das Ökosystem. Bildrechte: dpa

Durch die Erwärmung von Nord- und Ostsee verändert sich die Pflanzen- und Tierwelt. Warum ist das negativ?

Umweltbundesamt (UBA): Dass Fischarten wie Kabeljau und Hering ihr Verbreitungsgebiet in kältere Regionen verlagern, ist wissenschaftlich belegt. Vor allem mobile Tiere wie Fische oder Krebstiere fliehen vor der Erwärmung in nördlichere oder auch tiefer im Meer gelegene Lebensräume. Andererseits werden in der Nordsee jetzt häufiger wärmeliebende Arten gesichtet, wie die Streifenbarbe oder die Sardine. Sie wandern mit Strömungen aus südlicheren Gewässern ein.

Durch die Erwärmung verändern sich etablierte Nahrungsketten: Entweder fehlen bestimmte Arten oder sie treten zeitlich verschoben in dem Lebensraum auf. Das führt dann zu Problemen, wenn z.B. Larvenstadien oder Jungtiere einiger Fischarten nicht mehr die passende Nahrung im Plankton finden. Je nach Veränderung der Artenzusammensetzung kann sich auch das gesamte Ökosystem verändern. Die Folgen sind komplex und schwer vorherzusehen.

Gibt es an deutschen Küsten bald Sardinen statt Matjes?

Dr. Zimmermann: In der Nordsee wandern bewegliche Fischarten polwärts, um weiter in ihrem optimalen Temperaturbereich zu leben. In der Nordsee könnte es durchaus in ferner Zukunft statt Hering Sardinen geben. Für die Ostsee ist das unwahrscheinlich, weil der geringe Salzgehalt besondere Anforderungen an die Fischarten stellt. Außerdem können Dorsch und Hering nicht einfach nach Norden wandern, weil die Ostsee klein ist und dann bald schon wieder Land kommt.

Auch Algen und Bakterien sind von der Erwärmung betroffen. Welche Folgen hat das für Badeurlauber?

Dr. Zimmermann: Für die Badenden sind giftige Algenblüten, die vor allem durch die Überdüngung verstärkt auftreten, sowie Vibrionen problematisch. Bei Quallen sehe ich hingegen keine großen Probleme.

UBA: Vibrionen sind natürlich vorkommende salzliebende Bakterien. Bestimmte Arten wie Vibrio vulnificus können beim Menschen beim Baden schwere Wundinfektionen auslösen, die auch zum Tode führen können. Gefährdet sind insbesondere Menschen mit einem geschwächten Immunsystem. Ein Temperaturanstieg des Meerwassers auf mehr als 18 bis 20 Grad begünstigt ihr Wachstum und die Ausbreitung dieser Bakterien. Dabei ist zu beachten, dass die durch erhöhte Wassertemperaturen aktivierten Bakterien auch bei sinkenden Wassertemperaturen für mehrere Wochen aktiv bleiben.

Wie sind die Perspektiven für die Fischerei?

Dr. Zimmermann: Für die Nordsee bedeutet es zum Beispiel, dass der Kabeljau nur noch in den nördlichen und kälteren Regionen vorkommt. Leider wandern die Fischereirechte der heimischen Fischer nicht mit, deren Fangmöglichkeiten reduzieren sich also. Natürlich wandern auch südliche Arten in die Nordsee ein, aber die sind lange noch nicht so produktiv, dass die Fangverluste an bisherigen Arten ausgeglichen werden können.

Die Fischer werden also weniger Fisch aus dem Meer holen, die Fischerei wird weniger profitabel oder es werden weniger Fischer gebraucht. Am wahrscheinlichsten ist, dass nur noch kleine und weniger Kutter weiter fischen und der Ertrag sinkt. Damit wird dann Ostseefisch wohl hauptsächlich nur noch direkt an der Küste erhältlich sein. Im besten Fall liefert z.B. Hering dann zwar deutlich weniger Ertrag, aber er kann trotzdem dauerhaft nachhaltig bewirtschaftet werden. Unwahrscheinlich ist, dass alles wieder so wird wie vor 30 Jahren.

Wie hängen Treibhauseffekt und Erwärmung der Meere zusammen?

UBA: Mehr als 90 Prozent der überschüssigen Wärmeenergie und 20 bis 30 Prozent des vom Menschen zusätzlich emittierten Treibhausgases Kohlendioxid haben die Ozeane bisher aufgenommen. Durch diese verstärkte CO2-Aufnahme in den letzten Jahrzehnten sind die Meere saurer geworden. Das hat gravierende Folgen für den globalen Kohlenstoff- und Wasserkreislauf. Mit zunehmender Erwärmung wird weniger CO2 im Meerwasser aufgenommen und auch Sauerstoff löst sich schlechter im Wasser.

Weisser Schaum am Ufer der Lagune Achterwasser
Schaum am Strand von Usedom: Er entsteht als Abbauprodukt von Algenblüten. Das Algenwachstum wird durch die Wassererwärmung und Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft verstärkt. Bildrechte: IMAGO

Gleichzeitig verbrauchen Organismen bei zunehmender biologischer Aktivität durch die Erwärmung mehr Sauerstoff. So können sich Sauerstoffmangelzonen bilden, was beispielsweise Larvenstadien von Fischen schadet. Modellen des Alfred-Wegner-Instituts (AWI) zufolge gefährden steigende Wassertemperaturen die Fortpflanzung von bis zu 60 Prozent aller Fischarten weltweit. Auch Veränderungen der großen Strömungssysteme in den Weltmeeren durch den Klimawandel haben nach AWI-Erkenntnissen weitreichende Folgen für Mensch und Umwelt.

Kann sich das Meer noch regenerieren?

UBA: Grundsätzlich können sich Pflanzen und Tiere an veränderte Umweltbedingungen anpassen. Das ist Teil der Evolution. Doch der Klimawandel erfolgt derzeit so schnell, dass sich nur wenige Organismen erfolgreich darauf einstellen können. Vor allem die in letzter Zeit häufiger auftretenden regionalen Erhöhungen der Wassertemperatur gefährden Arten ohne größere Temperaturtoleranz. Solch eine "marine Hitzewelle" gab es etwa im Sommer 2018. Die Lebensgemeinschaften in Nord- und Ostsee werden sich also wahrscheinlich stark verändern. Ob es irreparable Schäden gibt, wird man sehen.

Hinzu kommen noch andere Belastungen des Meeres durch den Menschen wie Nähr- und Schadstoffeinträge, Müll, Unterwasserlärm oder destruktive Fischereimethoden. Dies Faktoren verringern die Chancen einer Anpassung einzelner Arten oder gar Meeresökosysteme zusätzlich, wie beispielsweise eine Studie des Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) von 2019 zeigt. Der Aktionsplan zum Schutz der Meeresumwelt der Ostsee (HELCOM) wird derzeit von allen Ostsee-Anrainerstaaten überarbeitet. Deutschland hat seit 1. Juli 2020 den HELCOM-Vorsitz und will die Schutzmaßnahmen voranbringen.

Ist das Ökosystem Ostsee schon gekippt?

Dr. Zimmermann: An der Temperaturerhöhung ist mittelfristig nichts mehr zu ändern. Wir können aber die anderen Stressoren für die Fischbestände reduzieren, wie die Überdüngung, und dadurch das Schlimmste verhindern. Noch ist die Ostsee nicht gekippt, aber sie steht unter Stress durch die Überdüngung und den Klimawandel.

Es ist vorstellbar, dass sich die Lebewesen an höhere Temperaturen anpassen, aber das wird im besten Fall Jahrzehnte oder wohl sehr viel länger dauern. So hat sich die Produktivität beim Hering in den letzten 30 Jahren halbiert, vor allem durch eine Verschiebung der Phänologie, also der zeitlichen Abfolge des Auftretens der Heringslarven, die dadurch ihre Futterorganismen verpassen. Betroffen sind vor allem die derzeit vorherrschenden frühjahrslaichenden Heringe. Bis in die 1930er Jahre dominierten hingegen herbstlaichende Heringe in der westlichen Ostsee. Es ist denkbar, dass Herbstlaicher besser mit den geänderten Bedingungen zurechtkommen und wieder dominieren werden, doch das wird dauern.

Wegen des steigenden Meeresspiegels wird an der Nordsee der Hochwasserschutz verstärkt. Wie sieht es an der Ostseeküste aus?

UBA: Die Deiche und andere Schutzbemühungen werden auch an der Ostsee verstärkt werden, da die Gefährdung der südlichen Ostseeküste zunimmt. Dies wird einerseits durch den steigenden Meeresspiegel verursacht, aber auch durch die natürliche Landsenkung. Die Küstenbundesländer agieren hierzu schon vorausschauend. Viele Deiche werden für später notwendige Erhöhungen vorbereitet.

Schleswig-Holstein hat im Dezember ein Strategieprojekt Ostseeküste 2100 zur Anpassung an den Klimawandel gestartet. Weitere Küstenschutzmaßnahmen werden im Monitoringbericht 2019 zur Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel aufgeführt.

Mit welchen Maßnahmen kann die Meereserwärmung am effektivsten eingedämmt werden?

UBA: Um der Erwärmung und auch der Versauerung der Meere entgegenzuwirken, sind prinzipiell alle Maßnahmen hilfreich, die der Vermeidung von klimaschädlichen Treibhausgasemissionen dienen. Vor allem Emissionen aus Energiegewinnung, Verkehr, Landwirtschaft und Industrie beeinflussen die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre. Die deutschen Treibhausgasminderungsziele sind im Klimaschutzgesetz vom Dezember 2019 verbindlich festgelegt. Demnach sollen die Treibhausgas-Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 1990 um mindestens 55 Prozent sinken.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 08. Juli 2020 | 08:00 Uhr

5 Kommentare

Gerd Mueller vor 9 Wochen

wird künftig weniger aber teureren Fisch geben? rings um die Kanaren planschen Urlauber in angenehmen 22-25°C sind dort auch Vibrionen als natürlich vorkommende salzliebende Bakterien?
die Welt verändert sich, Sibirien taut auf und gibt künftig Rohstoffe frei und gestern zeigte Reportage 38°C in der Arktis

Gerd Mueller vor 9 Wochen

letzten Samstag waren es 13 in Göhren, wenig im Wasser aber recht viele nackig am Strand. in den 1980 waren in Binz viel Quallen. Da war es wärmer. In Göhren vor einer Woche waren keine .

Horst Schlaemmer vor 9 Wochen

Davon steht doch in dem Artikel überhaupt nichts. Vielmehr berichtet der ganz nüchtern über die jetzt schon dramatischen Folgen des Klimawandels für die Ostsee. Sie dürfen also getrost weiter und auf eigene Gefahr in Vibrionen und Algen plantschen.