Gerhard Schindler, Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND) sitzt am 18.03.2016 in einem Besprechungsraum im Leitungsgebäude des BND in Berlin.
Schindler: "Beweislage ist nicht so robust, wie beschlossene Maßnahmen vermuten lassen." Bildrechte: dpa

Westen contra Russland Ex-BND-Chef sieht im Fall Skripal keine ausreichenden Beweise

EU und Nato stehen im Fall Skripal geschlossen hinter Großbritannien. Für Ex-BND-Chef Schindler ist die Beweislage aber nicht so robust, wie die Maßnahmen vermuten lassen. Der frühere OSZE-Vizepräsident und langjährige Verteidigungsexperte der Union, Wimmer, spricht gar von "friedensgefährdenden Aktivitäten".

Gerhard Schindler, Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND) sitzt am 18.03.2016 in einem Besprechungsraum im Leitungsgebäude des BND in Berlin.
Schindler: "Beweislage ist nicht so robust, wie beschlossene Maßnahmen vermuten lassen." Bildrechte: dpa

Der frühere Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND) Gerhard Schindler sieht im Fall des mutmaßlichen Giftanschlags auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal bislang keine ausreichenden Beweise, die eine "definitive Zuweisung der Verantwortung" an Russland rechtfertigen würden. Schindler sagte am Dienstag MDR AKTUELL: "Also ich glaube, die derzeitige Beweislage ist nicht so robust, wie die jetzt beschlossenen Maßnahmen vermuten lassen."

Indizien und offene Fragen

Laut dem ehemaligen BND-Chef gibt es zwar eine Reihe von Indizien, die nach Russland weisen, aber auch eine Reihe offener Fragen. So müsse geklärt werden, ob es außerhalb Russlands noch andere Giftgaslager in der ehemaligen Sowjetunion gegeben habe, etwa in der Ukraine. Zu hinterfragen sei auch, ob eine Racheaktion früherer russischer Geheimdienstler möglich sei. Auch eine Verstrickung der organisierten Kriminalität, die an einer Schädigung der Beziehungen der EU zu Russland ein Interesse haben könnte, sei möglich.

Schindler sagte, man könnte vielleicht annehmen, die Vergiftung Skripals könnte den russischen Geheimdiensten helfen, etwa um potenzielle Täter abzuschrecken. "Aber das ist kein Nutzen für die russische Politik, für die russische Regierung als Ganzes. Und deshalb bleibt die Frage, wem nützt diese Vorgehensweise eigentlich, offen."

Ex-OSZE-Vize Wimmer: "Friedensgefährdende Aktivität"

Deutlich schärfer äußerte sich der frühere Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und langjährige verteidigungspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Willy Wimmer.

Der CDU-Politiker sprach bei MDR AKTUELL von einer "in hohem Maße friedensgefährdenden Aktivität", die London nicht zum ersten Mal in der Europäischen Union oder Nato starte. Wer mit derartigen Vorwürfen daher komme, wie Großbritannien im Fall Skripal, müsse auch die entsprechenden Beweise auf den Tisch legen. Aber aus London komme da nichts. Stattdessen eskaliere die britische Regierung in Nato und EU alle Vorwürfe gegen Moskau. Und das Entsetzliche sei, dass die Hälfte der Europäischen Union und die Bundesregierung da auch noch mitmachen würden.

Scharfe Kritik an Maas-Äußerung

Heiko Maas
Maas: "Aber die Fakten und Indizien weisen nach Russland." Bildrechte: dpa

Mit Blick auf die Aussage des neuen Bundesaußenministers Heiko Maas (SPD), der davon gesprochen hatte, dass die Fakten und Indizien im Fall Skripal nach Russland weisen würden, sagte Wimmer: "Und wenn dann so ein Jungspund wie Herr Maas da hingeht und sagt, hinreichende oder interessante oder Gott weiß welche Beweise, da kann ich nur sagen: Das wäre seinem Vorgänger, Herrn Gabriel, nicht über die Lippen gekommen."

Auf die Fragen, ob wir gerade eine Vorstufe zu einem neuen Kalten Krieg erleben und wie Russland diplomatisch auf die Vorstöße des Westens reagieren werde, sagte Wimmer: "Also man hängt ja schon seit der Ost-Erweiterung der Nato eigentlich davon ab, dass in Moskau jemand Präsident ist, der rational und nicht eskalierend mit diesen Dingen umgeht. Ich will jetzt aus meiner Sicht der Dinge keine Empfehlungen in die eine oder andere Richtung aussprechen. Nur, wenn wir Putin nicht haben würden, bei der Kriegslust, die im Westen herrscht, sähe Europa schon ganz anders aus."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. März 2018 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. März 2018, 18:54 Uhr

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35 Kommentare

28.03.2018 21:35 konstanze 35

wenn es auch ganz öffentlich keine beweise bedarf und vermutungen reichen, dann möchte ich auch meine vermutung äußern. ich traue das der ukraine zu. sie möchten gern immer im gespräch bleiben, provozieren gern, jeder zweite satz ist: "der westen muss", korruption und oligarchentum sind enorm, die wirtschaftslage ist eine katastrophe, sie waren auch bestandteil der sowjetunion, sie wollen unbedingt zur eu gehören und haben ebenfalls ihre diplomaten abgezogen. hinzu kommt, dass z.b. auf der krim die wähler zu 92,1 % für putin gestimmt haben. warum wohl ? inwieweit GB involviert ist ?

28.03.2018 21:25 konstanze 34

ein sehr guter artikel. was mir immer auffällt ist, dass der mut zum sagen der wahrheit sich immer erst einstellt, wenn man Ex- ..... ist.

28.03.2018 16:17 K. Schlicke 33

Wer auch immer die grausame Tat der Vergiftung zweier Mitbürger getan hat, er hat es auf jeden Fall geschafft, eine breite blutige Spur nach Russland zu legen. 2. Was unseren jungen Außenminister betrifft, der vor wenigen Tagen noch als Justizminister mit an erster Stelle in Deutschland für den Triumph des Rechtes verantwortlich war und kaum mit dem Amtswechsel jedes Prinzip des Rechtes der billigen politischen Ambition wegen über Bord wirft. Er ist ein typisches Beispiel für die allgemeine Verkommenheit der politischen Klasse und seiner Person im konkreten. Abgewandelt könnte man sagen, das Land, dass solche Politiker hat, braucht keine Feinde mehr. Ein 3.: Heute früh im Dtld-Radio kam ein General (Name leider vergessen) zu Wort, der anmerkte, dass GB wegen des Schutzes möglicher Quellen seine Beweise nicht vorlegen mag. Ein schwaches Argument, die Beweise hätten so veröffentlicht werden können, dass die Quellen geschützt bleiben. Das sollten gewiefte Pressesprecher schon hinbekommen.

28.03.2018 13:36 janoschausle 32

@Manistbestandteildesmediensystems (Haseloff) 30

@28.03.2018 11:41 Felix Austria - realistische Politik in Österreich (Es gibt es keinen einzigen Beweis, daß der russische Staat hinter den Vergiftungsfällen in GB steckt. Der Doppelagent hat sich sicherlich viele Feinde gemacht.)
Wer genau sagt das genau? Woher wissen sie das genau? Quellen? EXAKTE Quellen! Sie haben "sicherlich" beste Kontakte zum "Geheimdienst". Oder konsumieren jedenfalls die Erzeugnisse der AfD-eigenen Trollfabrik...."Also ich halte absolut nichts von der AfD und Rechtspopulisten in A. Aber, wenn Sie den Artikel gelesen haben,so sollten AUCH Sie verstehen,dass selbst Fachleute ihre berechtigten Zweifel haben.Ein Doppelagent,das ist fast wie ein Naturgesetz,hat zumeist viele "Nicht-Freunde".Und keine 15 km weg vom Auffindeort befindet sich das militärische, (nicht mehr) geheime Chemie-Labor,wo C-Waffen,B-Waffen erfrorscht,entwickelt und alte Waffen davon vernichtet werden.

28.03.2018 12:45 Horst Müller 31

1. Ein Doppelagent lebt immer auch doppelt gefährlich!
2. Wenn es sich, wie in den ersten Meldungen ausgesagt, um ein sowjetisches Nervengift handelt, dann kommt mir sofort ein anderer potentieller Geheimdienst in den Sinn, nämlich der ukrainische!!
3. Wie oben ausgeführt, bringt dieser Anschlag für Russland keinen Nutzen. Warum sollt Putin das tun? Für wie blöd müssen Ihn die Politiker halten - oder für wie blöd müssen die Politiker das Volk halten? Es gab in der Vergangenheit genug Fälle, bei denen Russland als Verursacher bezichtigt wurde - bisher alle ohne zwingende Beweise!
4. Die Frau May hat eine variante vergessen in Ihrer Rede - wer das Nervengift analysieren kann, der kann es auch zusammenmischen. Vielleicht hat Sie die Kontrolle über ihren Geheimdienst verloren?

28.03.2018 12:20 Manistbestandteildesmediensystems (Haseloff) 30

@28.03.2018 11:41 Felix Austria - realistische Politik in Österreich (Es gibt es keinen einzigen Beweis, daß der russische Staat hinter den Vergiftungsfällen in GB steckt. Der Doppelagent hat sich sicherlich viele Feinde gemacht.)

Wer genau sagt das genau? Woher wissen sie das genau? Quellen? EXAKTE Quellen! Sie haben "sicherlich" beste Kontakte zum "Geheimdienst". Oder konsumieren jedenfalls die Erzeugnisse der AfD-eigenen Trollfabrik.

Ihresgleichen glaubt ernsthaft, man könne die EU-Staaten zu einer Verschwörung gegen das "friedliebende" Rußland pressen? Womit? Was soll dabei herauskommen? Wem soll das nützen und wie? Sie können hier Berge von Unsinn auftürmen - plausibel wird das alles niemals.

28.03.2018 12:13 Manistbestandteildesmediensystems (Haseloff) 29

@28.03.2018 09:52 annerose will (Na also, nun erhärtet sich doch der Verdacht einer gezielten Russlanddiffamierung. [..] eine blind - dogmatische Anti-Russlandhaltung des AM im Sinne der alten westl. Eliten. Das ganze wird sich noch als Eigentor entpuppen.)

Was "erhärtet" sich wodurch genau? Und was die Haltung der "westl. Eliten" angeht: Das muss damit zusammenhängen, dass ja die politische, a-hem, Bindung an die Mutter der Demokratie und das leuchtende Vorbild aller Demokraten Rußland bekanntlich ein echtes Erfolgsmodell war. Ich kann mir das bemerkenswerte und von tiefem Friedenswillen gezeichnete Ergebnis jederzeit zwischen Hohenschönhausen und der Teergrube Rositz empirisch zu Gemüte führen. Und da ich dann sowieso an Luckenwalde vorbeikomme, kann ich auch gleich mal nachsehen, was das Altöl aus sowj. Friedenspanzern inzwischen im Grundwasser treibt. Irgendetwas muss in diesem Landstrich nämlich tatsächlich im Trinkwasser sein...

28.03.2018 11:41 Felix Austria - realistische Politik in Österreich 28

Es gibt es keinen einzigen Beweis, daß der russische Staat hinter den Vergiftungsfällen in GB steckt. Der Doppelagent hat sich sicherlich viele Feinde gemacht. Stattdessen wird Russland ein Probe entgegen dem internationalen Chemiewaffenvertrag verweigert. Die peinlichste Figur von allen ist Maas, der mal eben Rußland vorwirft, nicht ausreichend seine Unschuld bewiesen zu haben. Wie hat dieser Clown sein Jura-Staatsexamen geschafft? Was ist das für eine Regierung, die jegliche rechtsstaatlichen Prinzipien über Bord wirft? Laut NZZ sei ja auf etliche Staaten Druck ausgeübt worden,um bei diesem Schwachsinn mit zu machen. Merkel- Deutschland natürlich wieder vorne weg. Das deutsche Volk sollte sich nicht noch einmal mißbrauchen lassen sondern energisch den Frieden verteidigen!

28.03.2018 09:52 annerose will 27

Na also, nun erhärtet sich doch der Verdacht einer gezielten Russlanddiffamierung. Das spricht bzgl. der Maas-Äußerungen entweder für seine Unprofessionalität oder bei Unterstellung von Absicht für eine blind - dogmatische Anti-Russlandhaltung des AM im Sinne der alten westl. Eliten. Das ganze wird sich noch als Eigentor entpuppen.

28.03.2018 09:48 ewa 26

Mein Glaube an Wahrheiten die von Großbritannien verbreitet werden ist seit dem Irakkrieg erloschen