Porträt des Altbundespräsidenten Joachim Gauck wird 80

Altbundespräsident Joachim Gauck wird 80 Jahre alt. Die Welt, so sagt er, befindet sich im Umbruch. Er blicke aber optimistisch in die Zukunft. Dass die Kinder und Jugendlichen für die "Fridays for Future"-Bewegung ihre Handys weggelegt hätten, lasse ihn hoffen, sie wüchsen zu Staatsbürgern heran.

von Isabel Reifenrath, ARD-Hauptstadtstudio

Bundespräsident Joachim Gauck, 2015, beim Neujahrsempfang für das Diplomatische Corps auf Schloss Bellevue.
Von 2012 bis 2017 war Joachim Gauck der elfte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Das Bild zeigt ihn beim Neujahrsempfang für das Diplomatische Corps 2015 auf Schloss Bellevue. Bildrechte: imago/Stefan Zeitz

Joachim Gauck ist seit drei Jahren Altbundespräsident. Bis heute ist er der einzige Parteilose, der zum Bundespräsidenten gewählt wurde. Er wurde 1940 in Rostock geboren und lebte die meiste Zeit seines Lebens in der DDR. Dort war er Kirchenfunktionär. Er sagt, die DDR habe ihn früh zu einem politischen Menschen gemacht.

Die Menschen sind zur Freiheit und Eigenverantwortung geboren und wenn ihnen in einer Diktatur diese Räume zur Freiheit und Eigenverantwortung nicht gegeben werden, sondern nur durch Gehorsam praktisch Aufstieg möglich ist, dann passt das nicht zu einem Menschen, der in der politischen Moderne lebt.

Joachim Gauck

Wendezeit prägend für seinen Werdegang

Gauck gehörte zur Demokratiebewegung und war Sprecher des Neuen Forums. Wie die DDR heute manchmal verklärt werde, gefalle ihm gar nicht, sagt Gauck. In der Umbruchsituation 1989 sei es wichtig gewesen, den Menschen die Angst zu nehmen: "Ich war ein Teil einer Bewegung, hatte aber die Möglichkeit, die Gefühle der Menschen zu artikulieren und konnte Worte finden, die die Menschen dazu gepusht haben, auf die Straße zu gehen." Das sei die wichtigste und schönste Zeit seines Lebens gewesen. Niemals habe er sich wieder so lebendig gefühlt.

Heute beklagt er das fehlende Engagement der Bürger. Viele meckerten nur, statt sich politisch einzubringen. Demokratie und Freiheit würden als selbstverständlich gesehen. Zur politischen Debatte gehöre es nicht, Politiker pauschal zu verurteilen und im Netz und im richtigen Leben mit Hass und Häme zu überziehen.

In seinem Buch: "Toleranz: einfach schwer" schreibt er darüber, was die Gesellschaft tolerieren muss und wo die Grenzen der Toleranz liegen. Seine Lesungen sind sehr beliebt. Gauck machen sie von allen seinen Terminen am meisten Spaß, weil er hier das Gefühl hat, etwas bewegen zu können.

Verständnis für Generationenstreit bei Klimafragen

Dass die Kinder und Jugendlichen der "Fridays for Future"-Bewegung für den Klimaschutz auf die Straße gehen, kann Joachim Gauck gut nachvollziehen. Er sagt, er mag es, wenn sich Menschen Gedanken machen und sie sich für zuständig erklären und daraus Konsequenzen ziehen. "Wenn sie mich wochenlang bearbeiten würden, würde ich ihnen vielleicht auch versprechen, immer weniger Fleisch zu essen, denn letztlich gibt es starke Argumente für Verzicht." Der "Club of Rome" habe die Debatte über die Grenzen des Wachstums schon vor Jahrzehnten angeregt.

"Club of Rome" Der "Club of Rome" ist eine gemeinnützige Organisation, die sich seit 1968 für eine nachhaltige Entwicklung und den Schutz von Ökosystemen einsetzt. 1972 veröffentlichte der "Club of Rome" den Bericht "Die Grenzen des Wachstums", der weltweit große Beachtung erlangte. Ihren Sitz hat die Organisation im schweizerischen Winterthur. In ihr sind Experten verschiedener Disziplinen aus mehr als 30 Ländern zusammengeschlossen.

Gauck sagt, wir müssten unseren Konsum kritisch betrachten und uns fragen, was wir wirklich brauchen. Schuldig fühlt er selbst sich aber nicht. Die Art wie er lebe, sei nicht besonders ressourcenschädlich. Den Generationenstreit zwischen Jung und Alt um das Klima hält er für richtig.

Einige Leute müssen einfach aufwachen und zu diesen einigen Leuten gehören sehr viele. Jeder muss sich fragen, ob er auch dazu gehört. Das löst die Klimabewegung aus.

Joachim Gauck

Das Thema Klimaschutz werde von den politischen Verantwortlichen und der Masse der Bürger nicht ausreichend ernst genommen. Deshalb habe er auch vollstes Verständnis dafür, dass die "Fridays for Future"-Bewegung allein für ihr Thema kämpfe. Für Gauck ist die Haltung der jungen Menschen das Wichtigste. Die meisten seien zu bequem, Verantwortung zu übernehmen. Die jungen Leute zeigten aber das Gefühl, zuständig zu sein. Das sei kostbar und könne bedeuten, dass sie später ein Citoyen, ein Bürger sein wollen und nicht nur Kunde.

Zum Bürger sein gehöre es zu sagen: "Das ist mein Ding, meine Umwelt. Die Politik, die in diesem Land, in dieser Gemeinde, gemacht wird, gehört zu mir." Das zeichne die "Fridays for Future"-Bewegung aus und das mache ihm Hoffnung für die Zukunft. Er sieht Menschen, die den kommenden Entwicklungen nicht nur zuschauen, sondern sie inhaltlich auch gestalten wollen.    

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 24. Januar 2020 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Januar 2020, 05:00 Uhr