Blick in einen Serverraum
Ein Serverraum: Internet und Rechenzentren brauchen in Deutschland so viel Strom wie die ganze Stadt Berlin. Tendenz steigend. Bildrechte: imago/Google

Faktencheck Fliegen hat schlimmere Klimafolgen als das Internet

Hannovers Flughafen-Chef Raoul Hille ist genervt von der Klimadebatte. Kürzlich sagte er, das Internet habe einen größeren CO2-Fußabdruck als die Luftfahrt. Er höre aber nichts von den Fridays-for-Future-Kids nach dem Motto: "Verzichtet mal auf Netflix." Aber stimmt das auch? Entstehen durch das Internet mehr CO2-Emissionen als durch die Luftfahrt? Und schonen wir das Klima, wenn wir auf Streaming-Dienste verzichten?

von Theresa Liebig, MDR AKTUELL

Blick in einen Serverraum
Ein Serverraum: Internet und Rechenzentren brauchen in Deutschland so viel Strom wie die ganze Stadt Berlin. Tendenz steigend. Bildrechte: imago/Google

"Das Internet" ist nicht nur die virtuelle Welt, in der wir jeden Tag viel Zeit verbringen. Dahinter stehen reale Maschinen. Weltweit stehen Rechenzentren, ohne die nichts funktionieren würde. Keine Google-Suchanfrage, kein Eintrag bei Facebook, keine E-Mails.

Rechenzentren brauchen sehr viel Strom

Die Arbeit dieser Rechenzentren brauche sehr viel Strom, sagt Staffan Revemann. Er ist Energieexperte und seit vielen Jahren in der Energieberatung tätig. "In Deutschland brauchen das Internet und die Rechenzentren so viel Strom wie die ganze Stadt Berlin. Das Beunruhigende dabei ist, wir gehen davon aus, dass sich der Bedarf von 2010 bis 2030 an Strom für Rechenzentren verdreifacht."

Weltweit rechne man sogar damit, dass man das Fünfzehnfache an Strom für die Rechenzentren brauche gegenüber dem Jahr 2010. Auch der CO2-Ausstoß der Rechenzentren sei hoch, sagt Revemann. 2018 seien fast 14 Terrawattstunden Strom verbraucht worden. Bei dem Strommix, den wir heute haben, unter anderem mit sehr viel Kohlekraft, bedeute das, dass wir fast sechs Millionen Tonnen CO2 verursacht haben dadurch, erklärt Revemann.

Treibhausgas-Emissionen bei Internet höher

Die Treibhausgas-Emissionen für den nationalen Luftverkehr lagen im Jahr 2017 hingegen nur bei 2,1 Millionen Tonnen. Bei diesem Vergleich würde das Internet also schlechter abschneiden als der nationale Luftverkehr.

Nun lebt beides - Internet und Luftfahrt - davon, dass es sich weltweit abspielt. Dann ergibt sich Folgendes: Laut Umweltbundesamt verursachte der zivile Luftverkehr rund 770 Millionen Tonnen CO2 - das entspricht rund zwei Prozent der globalen CO2-Emissionen.

Beim CO2-Ausstoß gleichauf

Das wiederum sei in etwa so viel, wie durch das Internet verursacht werde, sagt Ralph Hintemann vom Berliner Borderstep-Institut für Innovation und Nachhaltigkeit. Er beschäftigt sich mit Umweltwirkungen des Internets und sagt: Der reine CO2-Ausstoß von Internet und Flugverkehr sei ungefähr gleich, aber: "Wenn man allerdings die Klimawirkungen betrachtet, dann ist die Klimawirkung des Flugverkehrs etwa doppelt so hoch wie die des Internets."

Hintermann wies in dem Zusammenhang daraufhin, dass "Klimawirkung" mehr als die reinen CO2-Emissionen umfasse. Auch andere Schadstoffe sowie die Frage, wo diese Schadstoffe in die Atmosphäre gebracht werden, bodennah oder in hohen Atmosphären-Schichten, würden dabei berücksichtigt.

Ein Jahr Streamen nicht so schädlich wie Mallorca-Flug

Und wie sieht es aus mit der Empfehlung des Flughafen-Chefs von Hannover, die Jugendlichen sollten für den Klimaschutz auf Netflix verzichten? Dazu noch einmal Hintemann: "Wenn ich den ganzen Tag Video streamen würde und grob gesagt sieben Filme am Tag in Spielfilmlänge anschauen würde, würde ich im ganzen Jahr immer noch weniger CO2 verursachen als für eine Flugreise nach Mallorca."

Die Experten sind sich allerdings darüber einig, dass es generell nicht sinnvoll wäre, die CO2-Emissionen eines Gesamtsystems miteinander zu vergleichen. Und richtig ist nun mal auch: Jeder Besuch auf Instagram, jeder abgesetzte Tweet und jede WhatsApp-Sprachnachricht sorgt für CO2-Ausstoß.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 08. August 2019 | 06:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. August 2019, 05:00 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

19 Kommentare

10.08.2019 20:08 Fragender Rentner 19

Zitat von Oben: Fliegen hat schlimmere Klimafolgen als das Internet

Ach deshalb fliegen unsere guten Grünen wohl als die Vielflieger der Bundestages ??? :-(((

Man kann ja den Bürgern viel erzählen nur man hält sich selber nicht daran !!!

Laut Aussage der Bild sind sie die Vielflieger.

09.08.2019 23:08 nasowasaberauch 18

Das ist Sommertheaterdonner. Es ist erstaunlich wieviel Wirkung auf das Weltklima von den deutschen Maßnahmen zur CO2 Einsparung erwartet wird. Von 1990 hat sich Deutschland beim globalen CO2 Ausstoß von 5,6% auf 2,2% verbessert. Nun hat sich aber seit 1990 der Ausstoß der Entwicklungs- und Schwellenländer enorm erhöht (mit den USA über 50% CO2 Ausstoß). Diese Erhöhung relativiert die Werte der deutschen Emission, dh. lässt sie günstiger erscheinen und macht den Effekt unserer künftigen Anstrengungen zur Einsparung kleiner. Kein Grund nichts zu tun, aber Wunder sollten wir nicht erwarten.

09.08.2019 19:26 Querdenker 17

Die Bundesregierung sollte Druck machen, dass Rechenzentren einen besseren Strommix haben bzw. eine bessere CO2 Bilanz.

Rechenzentren können sogar indirekt Kohlendioxid aus der Atmosphäre holen.

siehe „ndr Nachhaltige Server: Warme Luft lässt Algen blühen“

Zitat: „Die Rechenzentren von Windcloud werden da gebaut, wo "grüner Strom" aus Windenergie sowieso vorhanden ist. … … Der Anbau von Algen lohnt sich nicht nur finanziell, sondern hat darüber hinaus den Vorteil, dass Algen im Wachstum viel Kohlendioxid binden, weil sie Fotosynthese betreiben.“

09.08.2019 19:17 Dorfmensch 16

Lieber mdr, aus meiner Sicht sehr gute Frage. In der aktuellen sehr aufgeheizten Klimadiskussion (Klimakrise, Klimakatatastrophe) fehlt sehr häufig eine ganzheitliche Betrachtung. Ich habe gelernt, dass die Landwirtschaft für gigantische 7% der deutschen Treibhausgasemissionen verantwortlich ist und diese um jeden Preis zu reduzieren sind. Hier ist der Vergleich mit Internet und Luftverkehr (national, international) sehr interessant. Ich schließe mal aus der Diskussion, dass der Malle- oder USA-Flug sowie die Nutzung sogenannter sozialer Medien uneingeschränkt wichtig und (über)lebenswichtig sind. Die Nahrungsaufnahme kann man für den Klimaschutz drastisch reduzieren. Leute! Ich fliege nicht privat, dafür esse ich gern Rostbratwurst (1-2 pro Woche), ohne schlechtes Gewissen. Man darf die Wohlstands- und Spassgesellschaft nicht behindern. Fliegen und exzessive Internutzung sind nun mal für die Wohlstandsgesellschaft unverzichtbar. Handeln müssen immer die anderen (z. B. Landwirte).

09.08.2019 16:22 Fragender Rentner 15

Na wenn das Internet und die Speicher keinen Strom in jedlicher Form benötigen, dann kann es besser sein als das Fliegen.

09.08.2019 16:18 optinator 14

An beiden Dingen, Flugzeuge und Handys verdienen Kapitalisten sich dumm und dämlich. Wir die Verbraucher / Konsumenten werden dann dafür zur Verantwortung gezogen bzw. ein schlechtes Gewissen eingeredet.

Wozu gibt es diese Dinge, zum anschauen???

09.08.2019 13:46 part 13

Es gibt da aber noch andere Arten von Rechenzentren, besonders in den USA, die zapfen sogar Flüsse zur Kühlung an, wie in Utah, haben aber mit ziviler Nutzung sehr wenig oder gar nichts zu tun. Ich denke aber das diese nicht in den Statistiken auftauchen.

09.08.2019 13:29 Bernd 12

@9 wenn alle wollten koennte man auch ohne leben. Aber fuer manche schwer vorstellbar. Nur wenn die Ueberschrift eben suggeriert dass einal nach Malle fliegen viel schlimmer waere wie taeglich Netflix zu schauen wie sollen die jugendlichen drauf kommen dass auch sie CO2 Emission reduzieren koennten?

09.08.2019 11:45 Erna 11

Die Zahlen sind falsch weil mal wieder Äpfel mit Birnen verglichen werden. Internet heißt eben nicht nur Stromverbrauch der Rechenzentren sondern auch beim Endverbrauchen, spricht PC, Handy etc. In Deutschland rechnet man deshalb nicht 14 sondern 55 (!) Terawattstunden für die gesamte Netzinfrastruktur. Weltweit rechnet man (z. B. französischen Think-Tank The Shift Project aber nicht nur der ) aktuell mit rund 3,7% der CO2-Ausstoßes dem Internet zu und damit dem doppelten des Flugverkehrs. Zusätzlich erwartet man, dass der Anteil des Internets weiter steigt und 2030 bereits 8% erreicht.

09.08.2019 10:51 Luftikus 10

Der Tägliche Treibstoffverbrauch global und dessen Ausstoß in die Atmosphäre dagegen sind die Feuer in Sibirien und Canada Tonnenfeuer. Egal was wir machen oder nicht wir zerstören alles aber wir können Diskutieren bis irgendwann das Licht ausgeht dann sind wir weg und es gibt keinen Schuldigen mehr.