Faktencheck Werden Corona-Patienten aus Pflegeheimen benachteiligt?

Der SPD-Politiker Karl Lauterbach hat eine Aussage gemacht, die so verstanden werden kann, dass Corona-Patienten aus Pflegeheimen gar nicht erst auf die Intensivstationen kommen. Ist das so? Konzentrieren sich Kliniken stattdessen auf die geburtenstarken Jahrgänge?

Eine Intensivpflegerin ist in der Corona-Intensivstation des Universitätsklinikums Dresden mit der Versorgung von Patienten beschäftigt.
Werden bestimmte Altersgruppen bei der Behandlung auf Intensivstationen bevorzugt? Bildrechte: dpa

Am Wochenende hat der SPD-Politiker Karl Lauterbach in der Talkrunde "Maybrit Illner" gesagt: "Wenn wir wie in der ersten Welle die Menschen aus den Pflegeeinrichtungen noch alle auf die Intensivstationen bringen würden, dann wären die Intensivstationen schon längst überlaufen."

Karl Lauterbach
Der SPD-Politiker Karl Lauterbach Bildrechte: dpa

Lauterbach behauptete, wegen der "schlechten Sterblichkeit" versuche man gar nicht mehr, Menschen aus Pflegeheimen auf Intensivstationen zu versorgen: "Selbst bei bester Pflege und bei bester Intensiv-Versorgung, [...] Menschen aus Pflegeheimen sind da gestorben. Daher wird das heute gar nicht mehr versucht. Und jetzt kämpft man wirklich um das Alter der großen Gruppe der Babyboomer, die Risikofaktoren haben."

Schwer prüfbare Aussage

Was der Karl Lauterbach bei Maybrit Illner gesagt hat, lässt sich schwer überprüfen. Zu unscharf sind seine Formulierungen. Wer genau dazu übergegangen sein soll, um die Babyboomer zu kämpfen und wer genau es angeblich nicht mehr versucht, die Menschen aus Pflegeheimen auf Intensivstationen zu behandeln, ist unklar.

Im Sozialministerium in Sachsen hat man solche Überlegungen jedenfalls nicht angestellt. Auf Anfrage von MDR AKTUELL erklärt das Ministerium schriftlich, es lägen keine Altersangaben zu den Intensivpatienten vor.

"Klar ist aber, dass jeder Covid-19-Patient, der krankenhausbehandlungsbedürftig ist, auch im Krankenhaus behandelt wird, es sei denn, er möchte es nicht. Umgekehrt ist nicht jeder Pflegeheimbewohner, der an Covid-19 erkrankt ist, krankenhausbehandlungsbedürftig", erklärte das Ministerium.

Bevorzugung rechtlich nicht möglich

Auch die Krankenhausgesellschaft Sachsen weist solche Selektionsgedankenspiele zurück. Die geburtenstarken Jahrgänge würden nicht bevorzugt behandelt, sagt der stellvertretende Geschäftsführer und Justiziar der Krankenhausgesellschaft, Friedrich München.

Friedrich München
Friedrich München, der stellvertretende Geschäftsführer und Justiziar der Krankenhausgesellschaft Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Rechtlich sei das gar nicht zulässig: "Also die Triage, die jetzt der Herr Lauterbach da andenkt, die ist so, nach meinem Dafürhalten, nicht möglich. Man kann nicht bestimmte Jahrgänge pauschal behandeln und andere von der Behandlung ausschließen." Wer zur Behandlung ins Krankenhaus und möglicherweise auf eine Intensivstation verlegt werde, liege im Ermessen der behandelnden Mediziner, sagt Friedrich München.

Dass Patienten aus Pflegeheimen von einer Intensivbehandlung abgeraten werde, komme durchaus häufiger vor, etwa wenn sie schwere Vorerkrankungen hätten, die Regel sei das jedoch nicht.

Prioritätsverschiebung nicht zu erkennen

Aber: Hat das seit der ersten Welle zugenommen, wie es die Aussagen von Karl Lauterbach vermuten lassen? Werden zugunsten der Babyboomer jetzt weniger Patienten aus Pflegeheimen auf Intensivstationen behandelt?

Im Freistaat kommt wöchentlich eine Runde zusammen, die die Gesundheitsversorgung und die Behandlung der Covid-Patienten koordiniert. Neben Vertretern des Sozialministeriums, der Uni-Kliniken Leipzig und Dresden sowie des Klinikums Chemnitz nimmt auch Friedrich München an den Treffen teil. Er sagt: "Ich kann jetzt von den Aussagen der Krankenhäuser eine solche Prioritätsverschiebung nicht erkennen. Also: Solche Erkenntnisse liegen mir nicht vor."

Altersschnitt auf Intensivstationen gesunken

Eine Verschiebung hat es aber sehr wohl gegeben und da hat Lauterbach recht: Der Altersschnitt der Covid-Patienten auf deutschen Intensivstationen ist gesunken. Laut dem Präsidenten des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, liegt er auf manchen Stationen inzwischen sogar unter 60.

Das liegt laut Wieler aber schlicht daran, dass sich aktuell viele jüngere Menschen mit dem Virus infizieren und nicht an einer Selektion. Das sagt auch Professor Christian Karagiannidis, Lungenfacharzt und wissenschaftlicher Leiter des DIVI-Intensivbettenregisters.

Portrait von Professor Andreas Dösch und im Hintergrund links die Asklepios-Katharina-Schroth-Klinik 12 min
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Professor Andreas Dösch ist Chefarzt an der Asklepios Parkklinik in Bad Salzungen. Hier betreut er zahlreiche Long-Covid-Patienten. Im Interview spricht er über die Reha-Ansätze bei der Covid-Nachsorge

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mo 11.01.2021 15:18Uhr 11:38 min

https://www.mdr.de/thueringen/audio-long-covid-professor-doesch-reha-bad-salzungen100.html

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Bedenken der Patienten

Christian Karagiannidis schränkt aber ein, dass tatsächlich relativ wenige Covid-Patienten aus Pflegeheimen auf Intensivstationen behandelt würden, häufig jedoch aus eigenem Antrieb: "Ich glaube in einem fortgeschrittenen Lebensalter und gerade wenn man viele Vorerkrankungen hat, dann machen sich doch viele gute Gedanken darüber, ob eine Therapie im Krankenhaus oder gar auf einer Intensivstation überhaupt noch Sinn macht, und das völlig unabhängig von Covid."

Das habe sich auch schon während der ersten Infektionswelle gezeigt. Laut Karagiannidis war im Frühjahr überhaupt nur ein Viertel der beatmeten Patienten über 80 Jahre alt. Viele Patienten wüssten eben sehr gut, was sie wollten und was nicht.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 20. Januar 2021 | 06:00 Uhr

14 Kommentare

DermbacherIn vor 4 Wochen

Welche Netiquette?
Eine Netiquette, die auch ihren Namen verdient, finde ich zum Beispiel bei der ZEIT nicht beim MDR.
Nach meiner Erfahrung nach ist es abhängig, wer kommentiert und wer moderiert.

ElBuffo vor 5 Wochen

Die an den Schulen positiv Getesteten gingen nicht in die Statistik der poditiv Getesteten ein? Die Tests an den Schulen waren repräsentativ für die gesamte Bevölkerung in Sachsen?
Das Infektionsgeschehen in den Pflegeheimen ist weniger der Teststrategie geschuldet, sondern der Tatsache, dass das eben keine geschlossenenen Anstalten sind und dass die Gerontokratie in diesem Fall dieser Gruppe für einen wirksameren Schutz im Wege stand. Bis Stand heute wurden die kaum Einschränkungen unterworfen. Ja, da hätten von Anfang an Tests jeder Person stattfinden müssen, die reinwollte. Die Besucher halten sich nämlich kaum dran die Maske aufzubehalten. Das kann auch keiner kontrollieren wegen s.o. Und auch so kann die Risikogruppe sich weitgehend ungehemmt bewegen und bei den täglich drei Einkäufen ordentlich die Chancen erhöhen sich was einzufangen, was noch dadurch begünstigt wird, das viele nicht mehr wissen, wo am Kopf sich Mund und Nase befinden. Das wird sich auch mit FFP2 kaum ändern.

Critica vor 5 Wochen

Peter,
wo bleiben die Theologen, die anmerken, dass seit einem Jahr die Religionsfreiheit eingeschränkt ist?
Wo bleiben die Juristen, die anmerken, dass Ausgangssperren sehr gut zu begründen sind und nicht übermäßig ausgedehnt werden dürfen? (Nicht mal im Krieg gab es das, wenn Sie mal Ihre Eltern fragen).
Wo bleiben die Vertreter der Seniorenheime, die auf die Rechte der Senioren pochen?
Wo bleiben die Behindertenvertreter?
Ich könnte die Liste verlängern, aber vielleicht bekommen Sie es auch selbst auf die Reihe.