Eine Putzkraft putzt im Gegenlicht.
Wer weniger als zwei Drittel des mittleren Einkommens eines Landes erhält, gilt als Niedriglohnempfänger. Bildrechte: dpa

Faktencheck Hat Hartz IV den Niedriglohnsektor groß gemacht?

Seit mehr als zehn Jahren ringt die SPD mit den Nachwehen von Hartz IV. Die von ihr konzipierte Arbeitsmarktreform legt fest, was jeder vom Staat erwarten kann, wenn er länger arbeitslos bleibt. Aber sie verlangt auch, dass Arbeitslose zumutbare Jobs annehmen; sonst droht eine Kürzung der Hilfen. Nun aber wollen SPD und Grüne Hartz IV wieder abschaffen. Eine Begründung: Das Hartz-IV-System habe Millionen Menschen in den Niedriglohnsektor gedrängt. Aber stimmt das auch?

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Eine Putzkraft putzt im Gegenlicht.
Wer weniger als zwei Drittel des mittleren Einkommens eines Landes erhält, gilt als Niedriglohnempfänger. Bildrechte: dpa

Man kann Peter Hartz, dem Vordenker der Hartz-Reformen, vieles vorwerfen. Den Niedriglohnsektor hat er nicht erfunden. Niedriglöhne machten in Deutschland schon deutlich vor Hartz IV Karriere. Die Arbeitsmarktreform sei ja erst 2005 eingeführt worden, sagt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. "Eine starke Ausbreitung des Niedriglohnsektors gab es seit Mitte der neunziger Jahre bis 2006."

Mitte der neunziger Jahre hatten wir 15 Prozent aller Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor. 2006 waren es 22 Prozent. Und bei diesen 22 Prozent ist es in etwa geblieben.

Karl Benke, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Weniger Tarifbindung – mehr Niedriglohn

Hartz IV hat den Niedriglohnsektor vermutlich verfestigt, vergrößert hat die Reform seinen Anteil kaum. Doch warum gab es ab den späten Neunzigern immer mehr Niedriglöhner? Thorsten Kalina vom Institut Arbeit und Qualifikation in Duisburg macht verschiedene Ursachen aus: Die hohe Arbeitslosigkeit damals, der Trend zur Privatisierung staatlicher Aufgaben.

„Die Tarifbindung spielt eine sehr große Rolle. Die geht seit Mitte der neunziger Jahre schon sehr deutlich zurück. Es gibt Outsourcing von Aktivitäten. Zum Beispiel in einem Krankenhaus, das zuvor in öffentlicher Hand war. Das lagerte heute Catering oder Reinigungstätigkeiten aus. Dadurch kommen die Beschäftigten in Tarifbereiche, die sehr viel schlechter entlohnt sind", sagt Kalina.

Großer Niedriglohnsektor in Ostdeutschland

Ab wann man von Niedriglohn spricht, hat international die OECD geregelt. Maßgeblich ist das mittlere Einkommen eines Landes. Wer weniger als zwei Drittel dieses Einkommens erhält, gilt als Niedriglohnempfänger. Laut den letzten verfügbaren Zahlen von 2016 sind das in Deutschland alle, die keine 10,44 Euro Stundenlohn erhalten. Dazu gehören mehr als 22 Prozent aller Deutschen.

Es gibt aber einen sehr großen Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland. Wir haben in Ostdeutschland 35 Prozent im Niedriglohnbereich. Im Westdeutschland haben wir 20 Prozent.

Thorsten Kalina, Institut für Arbeit und Qualifikation Duisburg

Mindestlohn zeigt kaum Wirkung

Illustration - 8,84 Euro in Münzen liegen am 28.06.2016 in den Händen einer Frau in Dresden (Sachsen).
Der Mindestlohn liegt aktuell bei 8,84 Euro die Stunde. Bildrechte: dpa

Um Lohn-Dumping zu begrenzen, hat die Bundesregierung vor knapp vier Jahren den Mindestlohn eingeführt. Kleiner geworden sei der Niedriglohnsektor davon nicht, sagt Karl Brenke: "Man sieht keine starken Effekte durch die Einführung des Mindestlohns auf den Niedriglohnsektor. Das hängt damit zusammen, dass die Obergrenze des Niedriglohnsektor sehr viel höher ist, als der Mindestlohn, als er eingeführt wurde."

Der Mindestlohn liegt aktuell bei 8,84 Euro die Stunde. Viele Beschäftigte bekommen dank ihm zwar mehr Geld, sind aber weiterhin Niedriglöhner. Im EU-Vergleich ist der Niedriglohnsektor in Deutschland übrigens recht groß. Nur in den baltischen Staaten, in Polen und Rumänien ist der Anteil der besonders schlecht Bezahlten unter allen Beschäftigten noch größer.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. November 2018 | 06:24 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. November 0018, 06:05 Uhr

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29 Kommentare

27.11.2018 21:07 Peter 29

@24: Ach Rentner, Sie tun mir leid. statista.de ist ein komerzielles Unternehmen. Zitat wikipedia: "Es zählt zu den erfolgreichsten Statistikdatenbanken der Welt... Im Jahr 2016 gab es 1.000.000 registrierte Kunden. Monatlich wird die Webseite knapp 7 Millionen mal besucht."
Wenn die mit falschen Zahlen arbeiten, hat sich ihr Geschäftsmodell erledigt. Sie verdienen dann keinen Cent mehr.
Also bitte, zweifeln Sie weiter reale Zahlen an. Ihre Reaktionen macht das nicht glaubwürdiger.

27.11.2018 20:03 Udo K 28

@ Mediator 13
Was hat denn der Niedriglohnsektor mit dem Wunsch nach Teilzeit zu tun?
Erklären Sie bitte mal diesen Ihrer Meinung nach Zusammenhang.
Man kann doch schließlich Teilzeit arbeiten und trotzdem entsprechend hoch vergütet werden.

27.11.2018 18:37 Klaus 27

@ { 27.11.2018 18:06 Kritischer Bürger }
Das entscheidende ist nicht die Währung, sondern ob die Produkte auf dem Markt (Wettbewerb) bestehen können. Der freie Wettbewerb ist schon seit Jahrzehnten der Grundpfeiler unseres wirtschaftlichen Erfolges. Von daher ist fördern und fordern vollkommen richtig und dazu ist der Wettbewerb ausdrücklich erforderlich.

27.11.2018 18:35 Kritischer Bürger 26

@20 weiter: Im Bezug auf Arbeitszeit (Beginn und Ende) habe ich in meinem Arbeitsleben genügend nach der Wende erlebt und das hat sich bis heute nicht verbessert!Wenn um 7:00 Uhr (mal als Bsp. in Dresden) von mir eine Zugeinheit zu übernehmen ist musste ich da sein,egal ob ich als Lokfahrer 22:00Uhr gerade in Magdeburg eine Zugeinheit übergeben konnte.Die sgn.Überstunden wurden nicht in Geld, sondern auf Zeitkonten gerechnet.Was sich daraus ergibt kann sich jeder vorstellen,der hier ein wenig sich mit entsprechender Realität auseinandersetzt.Muss nicht einmal vom Fach sein. Und so geht es auch den ArbL.Wenn es heißt,dann und dann ist zu beginnen,dann muss der ArbL zusehen wie er zur Arbeit kommt!Ob er deshalb vllt. 4 Stunden Anfahrt zur Arbeit hat,wenn alle Strassen und Autobahnen gut passierbar sind oder nicht,interessiert den ArbG NICHT!Gerade von Zeit.-oder Leihfirmen vermittelte ArbL müssen sich bei Anfragen da melden.Nach der Arbeit versteht sich!

27.11.2018 18:17 Kritischer Bürger 25

@Klaus 20. Hat also nicht allein mit dem Sozialismus zu tun! Da hier der Welthandel für dt. Güter steht, ist eines der Defizite von damals in DDR schon mal beseitigt. Reiche Bonzen wie Wohlstandsbürger gibt es heute, so wie früher, Aber die Armut ist hier und heute allgegenwärtig gegenüber der damaligen Zeit (bemessen am Bedarf der Bürger für den Alltag damals wie heute) Die poli. Ausrichtung der Bürger vom Kleinkind bis ins Alter ist heute nicht mehr so extrem wie damals. Aber diese Gesellschaft hier ist wieder auf dem besten Wege dahin! Soweit ist meine Meinung nicht nur als Bürger von heute.
Aus diesen hier vgn. Worten=Sachlagen hat HartzIV den Niedriglohnsektor begünstigt und die Sanktionen von Seiten der Jobcenter, wie die Vermittlung von ArbL an Zeitarbeits.- oder Leihfirmen tragen einen großen Anteil dazu bei! Es ist verständlich das es Zeiten gibt wo es Auftragsüberfluss gibt und es gibt Zeiten da sind Aufträge Mangelware, doch immer im Sinne der Wirtschaft wird entschieden.

27.11.2018 18:16 Fragender Rentner 24

@Peter zu 21

Ist doch wieder so eine geschönte Statistik wie auch bei den Arbeitslosen ! :-(

Wer der so alles rausfällt ist mehr als erschreckend !

27.11.2018 18:06 Kritischer Bürger 23

@Klaus 20: Wenn DDR-Parteigenossen (auf rote Farbgebung möchte ich mal verzichten) damals das hatten, was heute ein Reicher in den alten Bundesländer hat,wie auch schon früher,bliebt nicht viel für den Rest der Infrastrukturen von dem Wenigen was als Billigerzeugnisse im Osten produziert im Westen für einheimische Westpreise verkauft wurde. Die damaligen oft geschäftlich verlangten VALUTA-Zahlungsmittel konnte sich DDR daher nur eingeschränkt oder gar nicht leisten,da ihr der Zugang zum weltweiten Handelsmarkt verwehrt war und sicher auch der Wert der einheimischen Währung so gedrückt bleiben konnte, weil dieser nicht den Wettbewerbsbedingungen gerecht war.
Grund: steuerlich vom Staat subventioniert und es gab keine Arbeitsämter, denn die Vollbeschäftigung war dafür als gegeben anzusehen. Maßgeblichen Anteil an diese Verwehrung des Zuganges zum Welthandel hatte die damalige BRD samt ihrer Wirtschaft und die (folgenden) Regierungen nach den Besatzungsmächten!

27.11.2018 17:51 Kritischer Bürger 22

@Mediator 13: +...1. Was hindert einen "qualifizierte,Arbeitslosen" einen VORHANDENEN guten Job anzunehmen?...+
Zunächst erst einmal die guten Jobs (ich spreche lieber von Arbeit) sind rar wie Wasser in der Wüste und dazu noch eines (aus meiner Erfahrung mit den ArbL die ich betreue) die ArbG wünschen in den seltensten Fällen qualifizierte ArbL (Bürger) denn diese könnten berechtigt zu viel Einkommen aus entsprechender Arbeit erwarten! Die allgemeinen Erkenntnisse (nicht allein nur vom Hören) liegen bei den ArbG so: Ist ein ArbL gut qualifiziert dann wird nach Berufserfahrung gefragt und ob er/sie eine selbstständige Arbeit ausführen kann. Wobei anzumerken sei =selbstständige Arbeit kann sehr weit auslegbar sein=! Gerade bei Pendlern um mal einen zweiten "Schnitt zu machen", da wird nicht nach dem finanz. Bedarf für diesen gefragt sondern nur zu oft festgestellt; Nun dann möchten sie eben eher aufstehen und pünktlich zur Arbeit kommen!

27.11.2018 17:43 Peter 21

@19 ralf meier: Na ja, ein uraltes Zitat scheint immer zu helfen.
Aber was sind die Realitäten: Seit 2005 wurden zusätzlich 5,866 Mio zusätzliche sozialversicherungspflichtige Jobs geschaffen (Quelle: statista.de).
Davon lagen 4,575 Mio oberhalb der Niedriglohnschwelle.
Ich finde, das kann sich sehen lassen. Widerspricht es doch allen Behauptungen, das Mehr an Jobs wären nur schlecht bezahlte.

27.11.2018 17:40 Klaus 20

@ { 27.11.2018 16:48 Kritischer Bürger ... Die Wettbewerbswirtschaft ist es,die abgeschafft werden sollte, ... }
Nein danke, es wurde schon bewiesen, dass der Sozialismus nicht funktioniert.