Mehrere hundert DDR-Bürger demonstrieren am Abend des 04.09.1989 (Montag) in der Innenstadt von Leipzig für Reisefreiheit und Reformen. Einige Demonstranten tragen ein Transparent mit der Aufschrift «Für ein offenes Land mit freien Menschen»
Mehrere hundert DDR-Bürger demonstrieren in Leipzig. Bildrechte: dpa

Faktencheck Heißt es "Wende" oder "Friedliche Revolution"?

In diesem Jahr feiert Deutschland das 30. "Wendejubiläum" – oder sollte man lieber sagen, 30 Jahre "Friedliche Revolution"? Zumindest wünschen sich das einige Wissenschaftler und Politiker. Sie halten "Wende" für politisches Framing durch die SED.

von Lydia Jakobi, MDR AKTUELL

Mehrere hundert DDR-Bürger demonstrieren am Abend des 04.09.1989 (Montag) in der Innenstadt von Leipzig für Reisefreiheit und Reformen. Einige Demonstranten tragen ein Transparent mit der Aufschrift «Für ein offenes Land mit freien Menschen»
Mehrere hundert DDR-Bürger demonstrieren in Leipzig. Bildrechte: dpa

Als Egon Krenz am 18. Oktober 1989 seine Antrittsrede als neuer SED-Generalsekretär hielt, hatten bereits Zehntausende DDR-Bürger ihr Land verlassen. In Leipzig und anderen Städten sammelten sich Woche für Woche unzählige Demonstranten. Krenz stand unter enormem Druck. Er bekannte sich zur Krise in der sozialistischen Republik und ließ dann – nachdem das Nachrichtenmagazin "Spiegel" den Begriff kurz zuvor verwendet hatte – diesen Satz fallen:

Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten.

Egon Krenz, damaliger SED-Generalsekretär

Was der SED-Funktionär mit dieser "Wende" meinte, umschrieb er so: Seine Partei werde die politische und ideologische Offensive wiedererlangen. Genau darin liegt begründet, warum Historiker und Ex-Bürgerrechtler die Bezeichnung problematisch finden. Anna Kaminsky, Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, erklärt, dass es Krenz nicht um die DDR als Staat oder als Gesellschaft, sondern um den Machterhalt der SED gegangen sei.

Umbruch von unten

Christa Wolf bei einer Veranstaltung in der Ost-Berliner Erlöserkirche im Oktober 1989
DDR-Schriftstellerin Christa Wolf hatte mit dem Wort "Wende" ihre Schwierigkeiten. Bildrechte: imago images / epd

Die griffige Bezeichnung "Wende" setzte sich trotzdem schnell durch – auch wenn sie schon damals ihre Kritiker hatte. Jürgen Reiche, Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig, nennt als Beispiel eine der berühmtesten DDR-Schriftstellerinnen: Christa Wolf. Sie sagte, dass sie mit dem Wort Wende ihre Schwierigkeiten habe. Das höre sich an, als würde man mit dem Schiff wenden wollen.

Die Verwendung des Begriffs suggeriere, dass der Umbruch 1989 von oben eingeleitet worden sei und nicht von unten, so Jürgen Reiche. Deshalb findet er die Bezeichnung "Friedliche Revolution" viel passender und vor allem eindeutiger, "weil es eine Wertschätzung für den Mut der Menschen ist, die hier auf die Straße gegangen sind."

Wie die Bevölkerung die Staatsmacht zur Kapitulation brachte, ist für mich immer noch ein großes Wunder der Geschichte.

Jürgen Reiche, Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig

Ist "Wende" falsch?

Aus denselben Gründen bevorzugt auch Anna Kaminsky von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur die Bezeichnung "Friedliche Revolution". Trotzdem wolle sie niemandem die Verwendung des Wortes "Wende" verbieten. Sie glaube, dass dieser Begriff umgangssprachlich für viele Menschen Veränderung und Umkehr bedeutete.

Fazit: Man muss das Wort "Wende" nicht aus dem Sprachgebrauch verbannen. Aber der Begriff "Friedliche Revolution" würdigt die Rolle der DDR-Bevölkerung viel besser.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 11. Juni 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Juni 2019, 05:00 Uhr

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65 Kommentare

12.06.2019 23:08 nasowasaberauch 65

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich nicht zu den friedlichen Revolutionären des 9.Oktober gehöre. Am darauffolgenden Montag war ich dabei bis zu dem Zeitpunkt als es um die D-Mark ging. Die Idee einer besseren und gerechteren DDR war der DM und dem politischen Versprechen auf blühende Landschaften unterlegen. Das war die Wende. Die alte DDR Diktatur möchte ich keinen Tag zurück haben und dennoch bin ich froh darüber, dass der Osten mit der Erfahrung aus zwei Gesellschaftssystemen anders tickt.

12.06.2019 21:47 Wessi 64

@ 63 ...Ihr habt Euch etwas anderes vorgestellt.Ihr habt Euch getäuscht.Ihr habt den Kapitalismus herangewünscht+mit der freien Volkskammerwahl auch herangewählt.Eine bessere DDR wäre für vieleoptimal gewesen...auch für "Wessis" wie mich.Aber wir hatten unsere Lebenslinien.Und wir möchten uns von Euch nicht sagen lassen, wie wir es gerne hätten.Ihr habt aber auch Kohl gewählt, als er bei uns eigentlich schon lange abgeschrieben war.Und: es gibt viele Rentner im Osten denen es besser geht als im Westen.Vor allem Frauen.Und "das normale Volk" lebt auch im Westen...und geht tw. mit den Enkeln zu "fridays for future"*).Tut was. Jammert nicht.
*) ...meines ist das nicht so...

12.06.2019 21:19 Thomas Braune 63

Wer von Euch hat die Wende erlebt? Richtig miterlebt? Ich war bei jeder Demo Montags mit dabei. Und ob es unter Honecker und CO eine Diktatur war kann ich nur bejahen.
Wir würden klein gehalten und alles wurde uns vorgegeben. Mündige Bürger waren wir nicht.
Nun aber zur heutigen Zeit. Was oder wie ist der Unterschied zu damals? Heute bekommen wir von der Regierung gesagt wie wir uns zu verhalten haben und Zensiert wird auch. Also was für ein Unterschied zu damals?
Ob nun Wende oder auch anders ist doch egal. Ich oder besser wir fühlen uns heute immer noch unterdrückt und bevormundet.
Danke Fr.Merkel das sich vieles zum schlechten gewendet hat und das unser Volk zumindest das normale Volk leiden muss.
Muss morgen wieder los Flaschen sammeln da die Rente nicht reicht.

12.06.2019 19:51 Fragender Rentner 62

@Klaus zu 58

Ist wie immer, uns wird etwas eingeredet und wir sollen es dann so sagen/glauben als wenn wir es so wollten !!!

12.06.2019 15:43 Wessi 61

@ 59 Ja, Rita, wenn ich das nun lese, verstehe ich die Konservativen im Westen, die AfD-Wähler im Osten als "undankbar" bezeichnen.Ihr glaubt doch wohl nicht allen Ernstes uns Eure rechten Wertevorstellungen aufdrücken zu können? Umso mehr AfD im Osten, desto mehr Grün im Westen, da wohnen 84% nach neuesten Zahlen.Und der Westen fängt an sich zuwehren,wir wollen keine andere Republik.Ich bin mehr als verärgert!Wobei ich die "Kapitalismus" und das Wort "Kehre" ab Vereinigung der real existierenden 2 Staaten auch unterschreibe.Aber Diktatur ist was ganz anderes!

12.06.2019 14:41 Bautzener 60

@ Rita 59

Volle Zustimmung. Mein Veto an Stefan, war leider nicht durchgegangen.

In der DDR war es vor allem eine Diktatur, die den Wohlstand für alle im Auge hatte. Jetzt ist es praktisch eine Diktatur des Kapitals und der Kapitalisten.

12.06.2019 14:06 Rita 59

ja schöner Stefan du hast recht heute eine totale
Diktatur ist das, nicht die DDR, hast du verwechselt, und übrigens müßten heute viele von Berlin in den Knast sitzen was die einem Volk angetan haben, aber heute konnten diese sich schützen und haben Immunität, das ist Deutschl. feiner Stefan !

12.06.2019 12:31 Klaus 58

Ob "Wende" oder "Friedliche Revolution", beide Begriffe bedeuten, dass es wesentliche Änderungen gegeben hat.
Ich habe die Situation begrüßt und bin froh, dass es so gekommen ist.
Die besten Ostdeutschen sind mittlerweile in den Westen abgewandert. Von daher ist es klar, dass es im Osten nicht so gut laufen kann. Aber insgesamt kann man doch zufrieden sein. Man muss sich nur in Südeuropa umschauen, da läuft es deutlich schlechter.
Wer nur den Sozialismus reformieren wollte, der ist jetzt unzufrieden. Das ist auch klar.

12.06.2019 10:17 Sr.Raul 57

Nein, @55 (Karl Stülpner), das Ziel, auch der meisten Bürgerbewegten, war ursächlich und einzig und allein die DDR hin zu mehr Sozialismus und weg von der Diktatur des Proletariats zu reformieren. Auch Dank einer sehr objektiven Westverwandtschaft, damals allesamt im ÖD beschäftigt, war für mich die BRD keine Option und kein Beweggrund mich den Demos anzuschließen. Die sog. Revolution war dann aber für mich beendet, als aus der Wende die Kehre wurde.

12.06.2019 09:50 Jörg 56

55 hat recht für das Deutschland von heute glaub ich auch wären die wenigsten demonstrieren gegangenen vielleicht hätte man so gar eine höhere Mauer gefordert naja wir leben jetzt hoffentlich schieben uns die Politiker nicht noch weiter an den Rand des Abgrunds wo wir schon stehen