Ein Haus mit dem Schriftzug ''Konsum'' auf dem Neumarkt in Zeitz.
Viele Regionen in Deutschland haben laut einer aktuellen Studie vom Wirtschaftsaufschwung der vergangenen Jahre nicht profitiert. Bildrechte: dpa

Studie Ostdeutschland in "dauerhafter Strukturkrise"

Zahlreiche Städte und Landkreise im Osten Deutschlands drohen langfristig wirtschaftlich abgehängt zu werden. Trotz guter Wirtschaftsdaten hat sich der Unterschied zwischen reichen und ärmeren Regionen in den vergangenen Jahren außerdem verfestigt. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie des Dortmunder Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Entwicklung sei eine Gefahr für die Demokratie, erklärten die Autoren.

Ein Haus mit dem Schriftzug ''Konsum'' auf dem Neumarkt in Zeitz.
Viele Regionen in Deutschland haben laut einer aktuellen Studie vom Wirtschaftsaufschwung der vergangenen Jahre nicht profitiert. Bildrechte: dpa

Weite Teile Ostdeutschlands sowie einige Regionen im Ruhrgebiet und im Saarland befinden sich in einer dauerhaften wirtschaftlichen Strukturkrise. Zu diesem Ergebnis kommt der "Disparitätenbericht 2019", der am Dienstag von der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) veröffentlicht wurde.

Der Studie zufolge hat das gesamtdeutsche Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre nicht dazu beigetragen, "die deutlichen Gräben zwischen reichen und ärmeren Regionen in Deutschland abzubauen". Vielmehr hätten sich die Abstände zwischen dynamischen und benachteiligten Regionen verfestigt.

13,5 Millionen Menschen abgehängt

Mehr als 13,5 Millionen Menschen leben laut dem Bericht in strukturschwachen Regionen, deren Angebote der Daseinsvorsorge bereits deutlich ausgedünnt seien. Das führe zu grundsätzlichen Problemen: "Dort, wo die Infrastruktur bröckelt, verlieren die Menschen auch das Vertrauen in Politik und Demokratie, weil sie sich abgehängt fühlen." Die Autoren attestieren daher eine "sich verschärfende Legitimationskrise" der demokratischen Institutionen. Die Politik müsse dringend handeln.

Für die Untersuchung werteten Wissenschaftler des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung in Dortmund 20 Faktoren aus. Dazu zählen unter anderem die Beschäftigungsquote, Armutsrate, Mieten und kommunale Verschuldung. Untersucht wurden alle 401 kreisfreien Städte und Landkreise in Deutschland.

Nur Städte ragen heraus

Auf der Website der FES ist das Ergebnis in einer interaktiven Karte dargestellt. Fast der gesamte Osten des Landes wird als "ländlich geprägter Raum mit dauerhafter Strukturkrise" klassifiziert. Ausgenommen sind lediglich Berlin, größere Teile Brandenburgs sowie zahlreiche Städte, darunter Dresden, Leipzig, Erfurt, Jena, Halle und Magdeburg.

In solchen "dynamischen Groß- und Mittelstädten" sowie in deren "starkem Umland" leben demnach deutschlandweit 44 Prozent der Bevölkerung beziehungsweise 36,4 Millionen Menschen. Diese "Wohlstandsregionen" hätten ihre Schwerpunkte allerdings im Süden, punktuell im Westen und Norden. Dort herrsche jedoch ebenfalls soziale Ungleichheit: Einkommensschwache Familien seien vor allem wegen steigender Wohnungskosten zunehmend benachteiligt.

Forscher fordern Entschuldungsfonds

Als Lösung schlagen die Autoren vor, finanzschwache Städte und Gemeinden Schulden zu erlassen. Nur so könne es gelingen, schwache Kommunen aus dem Teufelskreis von Verschuldung, Abwanderung und wirtschaftlicher Schrumpfung herauszulösen, schreiben die Forscher.

Konkret soll den Autoren zufolge ein Entschuldungsfonds angelegt werden, im dem die Altschulden der am meisten belasteten Kommunen gebündelt werden. Dieser echte Schuldenschnitt sollte zugleich mit Auflagen verbunden werden, um die Einnahmesituation der Kommunen zu verbessern und neue Schulden zu vermeiden.

Außerdem werben die Experten für eine weitere Übernahme von Sozialausgaben durch den Bund: "Denn die schwächsten Kommunen tragen heute die höchsten Lasten bei den Sozialtransfers." Nötig sei zugleich eine Anpassung der kommunalen Finanzausgleichssysteme der Länder. Die Zuweisung der Finanzmittel müsse sich stärker am tatsächlichen Bedarf orientieren.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 30. April 2019 | 11:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. April 2019, 20:10 Uhr

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32 Kommentare

02.05.2019 17:50 Cerstin Gehmlich 32

Der Osten ist nach der Wende regelrecht verramscht worden. Die jenigen mit guter Ausbildung sind rüber gegangen. Keiner wurden Übernommen. Wen wundert es da das ganze Regionen leer sind. In der Politik sitzen doch nur Gehaltsempfänger. Mann wundert sich über die Grütze die da raus kommt. Sind z. T. 30Jahre an der Macht und haben jetzt den Stein der Weisen gefunden. Ändern eh nichts blos vor den Wahlen haben sie Angst. Armes Deutschland.

02.05.2019 15:37 Max W. 31

Danke SPD! Offensichtlich hat auch hier "der Markt geregelt" - fragt sich nur, was...

02.05.2019 15:22 Wagner 30

Na, wer hätte das gedacht? Wer die seinerzeit bestens in Schuss vorhandene Mauer abreißt, muss auch die Folgen stemmen...

02.05.2019 11:03 D.o.M. 29

Werdet langsam mal ein bißchen vorsichtig mit dem Geldausgeben, liebe SPD. Die fetten Jahre dürften nachhaltig vorbei sein. Solche Studien dürften nicht ganz billig sein

01.05.2019 19:34 konstanze 28

Och nee, nicht immer und immer wieder. Wir sollten endlich selbstbewusster werden. Bitte nicht vergessen: Wir haben nach dem Krieg unser Land selbst aufbauen müssen und auch Reparationen an die Sowjetunion geleistet. Nach dem Beitritt 1990 wurden unsere Betriebe (Robotron/Sket/Orwo/Kali), die eine echte Konkurrenz waren, für'n Appel und nen Ei verscherbelt. Die Treuhand tat ihr übriges. Wichtiger war der Konsum..
Meine Empfehlung: Wir sollten uns mehr an die Tschechen, Polen, .. orientieren. Die bilden ihre Kinder sehr gut aus, haben ordentliche und sichere Städte, es gibt dort Top-Universitäten, sie sind dort weltoffen für Menschen, die sich anpassen, Wurzeln schlagen, ohne ihre Herkunft zu verleugnen und nicht jammern, wenn ihnen niemand eine Willkommenskultur bereitet. Diese Überheblichkeit vieler Westdeutscher uns gegenüber ist die Gleiche mit der man heute die Welt und das Klima retten will und dafür sogar den eigenen Untergang in Kauf nimmt.

01.05.2019 15:49 Fragender Rentner 27

Wow, was die nach ca. 30 Jahren so alles merken !!! :-(((

Wo schon nach der Wende einige 100.000 oder Mio. Menschen in den Westen gingen und daraus folgt auch, dass es immer weniger Kinder im Osten gibt !

01.05.2019 15:34 nasowasaberauch 26

Das sind ja schlaue Köpfe in der Friedrich-Ebert-Stiftung. Wäre jeder aber auch so drauf gekommen, der mit offenen Augen durch Land geht. Sie sagen Gefährdung der Demokratie und meinen den sozialen Frieden. Alle wollen in die Stadt, bis man sie sich nicht mehr leisten kann. Der Trend geht in den westlichen Metropolen schon wieder aus den Städten heraus. Im Osten stehen die ländlichen Strukturen betreffs Arbeitsplätze nicht mehr. Dafür hat u.a. die Treuhand gesorgt. Heute fordert die SPD und neuerdings auch die Grünen eine Aufarbeitung der Arbeit der Treuhand. Was soll das nach 30 Jahren bringen außer Wahlkampfpalaver und der Symbolik: Schau her Ossi, wir haben uns an dich erinnert. (weil Wahlen anstehen ;)

01.05.2019 14:13 Harzer 25

@zu21 meine Gesinnung kennen Sie nicht, ich habe für die linksgrünen keinen Pfennig über. Bis 2015 war ich CDU Fan!
Seid 2015 bin ich Befürworter der AFD aber kein Mitglied.
Die so genannte BRD ist nicht demokratisch, sonst könnte Frau Merkel 2015 nicht allein bestimmen was passiert!

01.05.2019 12:35 gerd 24

Wir sind vor kurzen aus der ach so tollen Grosstadt aufs Land gezogen in unser Eigenes Haus welches man bezahlen kann und nicht die Wucherpreise der Stadt
für ein Haus bezahlen muss , Es ist ruhig ,sehr erholsam und die Infrastruktur ist vorhanden . Arbeitzplätze kein Problem hier kannst dir aussuchen was du machen willst,ihr könnt für die kaputten Grosstädte gern Werbung machen jeder vernünftig denkende Mensch kehrt sehr bald den Zuständen dort den Rücken .

01.05.2019 12:09 Sonja 23

@ 1 7 , du bist wenigstens ehrlich im gegensatz zu viele andere , die zwar denken aber nichts sagen, wir waren
1 0 0 x im Osten sicherer was für die Menschen viel wert ist , auch wenn wir nicht viel Geld hatten, Sicherheit und dazu die Freiheit mich in meiner Umgebung sicher zu vielen ist sehr wichtig als alles andere, was nicht mehr jetzt gegeben ist.