Zeitaufwendig und kompliziert Kaum ein Studierender beantragt Bafög online

Im Studium geht heute vieles digital und online: die Recherche, Abgabe von Hausarbeiten, einige Vorlesungen und seit 2016 können die Studierenden sogar ihren Bafög-Antrag online stellen. Doch nicht einmal jeder fünfhundertste Student – das sind 0,2 Prozent – nutzt dieses Angebot, wenn er oder sie eine finanzielle Förderung vom Staat möchte.

 Ein Antrag für Bafög liegt auf einem Tisch
Auch digitale Bafög-Anträge müssen in einigen Bundesländern noch ausgedruckt und unterschrieben eingeschickt werden. Bildrechte: dpa

Die Bafög-Beratungsstunde des Studierendenrates der Universität Halle ist fast jede Woche ausgebucht. Der digitale Bafög-Antrag spielt dabei laut Pressereferent Martin Lohmann "überhaupt gar keine Rolle. Das liegt auch einfach daran, dass der Vorgang oder der Prozess dafür einfach nicht praktikabel ist."

Die Kritiken zum digitalen Bafög-Antrag sind vernichtend: zu kompliziert, zu zeitaufwändig – ganze fünfeinhalb Stunden beträgt die durchschnittliche Ausfülldauer. Und am Ende muss der Antrag in manchen Bundesländern immer noch ausgedruckt und unterschrieben abgeschickt werden. Willkommen im Jahr 2019.

Online-Antrag seit Jahren in der Kritik

Bereits vor neun Jahren hat der Normenkontrollrat der Bundesregierung dieses Verfahren gerügt. Geschehen sei bisher nichts, sagt der hochschulpolitische Sprecher der FDP, Jens Brandenburg.

Jens Brandenburg, 2018
Jens Brandenburg, FDP-Bildungspolitiker Bildrechte: dpa

Er sagt: "Bisher haben die Länder die Bürokratie, die wir bisher vom Papier kennen, einfach auf den Bildschirm gepackt. Der eigentliche Vorteil der Digitalisierung, also möglichst vollautomatisierte Anträge zur Verfügung zu stellen, mit einem sekundenschnellen Bescheid in den Händen, das wurde bisher überhaupt nicht ausgenutzt."

90 digitale Bafög-Anträge in Mitteldeutschland in drei Jahren

Entsprechend abgeschreckt sind die Studenten, auch in Mitteldeutschland. So nutzten in den vergangenen drei Jahren lediglich 63 Studenten aus Sachsen die Möglichkeit des digitalen Bafög-Antrags, in Sachsen-Anhalt waren es 16 und in Thüringen sogar nur elf.

Umständlich ist nicht nur der Online-Antrag selbst, sondern auch das damit einhergehende Identifizierungsverfahren, erklärt Martin Lohmann von der Uni Halle. "Man braucht den digitalen Personalausweis und dafür braucht man ein Lesegerät, was man extra anschaffen muss. Wenn man jetzt bedenkt, dass Studierende da Bafög beantragen, weil sie Geld wollen und dann dafür nochmal extra Geld ausgeben müssen, läuft das natürlich ein bisschen entgegen."

Forderung nach neuen Identifizierungsverfahren

Die Alternative ist die sogenannte "DE-mail". Ebenfalls kompliziert, kostenpflichtig und vielen dazu noch unbekannt. Jens Brandenburg von der FDP schlägt vor, zumindest das nutzerfreundliche und kostenlose Video-Ident-Verfahren zuzulassen. Das kennen viele bereits durch die Post, von Online-Banken oder wenn man ein Auto mieten möchte.

Auch Sachsen-Anhalts Wissenschaftsminister Armin Willingmann findet, dass andere Identifizierungsverfahren wünschenswert wären. "Diese können nicht beliebig gewählt werden, sondern müssen die Voraussetzungen für das jeweilige Vertrauensniveau erfüllen", erklärte er auf Anfrage von MDR AKTUELL schriftlich.

Video-Ident erfülle diese Voraussetzungen nicht. "Der BAföG-Antrag verlangt vielfältige personenbezogene Daten von verschiedenen Personen, weshalb das benötigte Vertrauensniveau als hoch eingestuft wird", heißt es aus dem Wissenschaftsministerium weiter.

Kultusminister wollen Online-Bafög-Anträge verbessern

Dass generell der Online-Bafög-Antrag verbessert werden muss, gesteht auch Minister Willingmann ein. Die Bundesländer haben seit Langem einen bundesweit einheitlichen Online-Antrag mit einer gemeinsamen Software versprochen. Sachsen-Anhalt ist bei der Koordination federführend.

Im Sommer habe man sich auf einen Prototyp geeinigt, so der SPD-Politiker schriftlich. Dies sei eine: "Lösungsskizze für einen möglichen, noch zu programmierenden Onlineantragsassistenten im BAföG. Dafür stellte u.a. Sachsen-Anhalt die benötigte Fachexpertise zur Verfügung."

Das Vorhaben kratze jedoch nur an der Nutzer-Oberfläche, kritisiert der Hochschulpolitische Sprecher der FDP, Jens Brandenburg. Er fordert: "Eine strukturelle Vereinfachung mit deutlich einfacheren Regeln, wo ein Algorithmus auch verlässlich sagen kann, wie hoch denn am Ende die Fördersumme sein wird."

Das ambitionierte Ziel der Bundesländer ist es laut Sachsen-Anhalts Wissenschaftsminister Armin Willingmann im Jahr 2021 einen Online-Bafög-Antrag anbieten zu können, der "möglichst durch alle Bundesländer mitgetragen wird."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 09. Dezember 2019 | 07:05 Uhr

5 Kommentare

nasowasaberauch vor 50 Wochen

Da hilft bloß ein neuer Marsch von Studenten auf die Wartburg zur Einforderung des Rechtes auf ein einheitliches Bildungssystem in Deutschland. Die Kleinstaaterei von 1817 lebt fort in Teilen eines falsch angewandten Föderalismus.

Kritiker vor 50 Wochen

+...Wenn man jetzt bedenkt, dass Studierende da Bafög beantragen, weil sie Geld wollen und dann dafür nochmal extra Geld ausgeben müssen, läuft das natürlich ein bisschen entgegen."...+
Wieso läuft es entgegen? NEIN es ist so gewollt!!! von der Politik! Nur Ausgaben, die die meisten Studenten erst einmal in Vorleistung erbringen sollen, damit auch die Haushaltskasse des Bundes oder der Länder gefüllt werden kann, ehe überhaupt etwas für Studenten ausgegeben werden wird! Warum wird es nicht zentral geregelt wie zBsp. die Steuerberatungen, die Wohlfahrtverbände usw. Ein zentrales Anlaufbüro wo alles vorhanden ist. Sogar die Sicherheit der Datenübertragung kann von einer solchen zentralen Stelle sichergestellt werden! ZBsp, durch eine Direktverbindung zum entsprechendem Ministerium! Vom Lesegerät über die Grundlagen der digitalen Antragsstellung bis hin zur Geldausgabe an die Studenten! Nur will man das als Politik? NEIN!

Kritiker vor 50 Wochen

+...Das ambitionierte Ziel der Bundesländer ist es laut Sachsen-Anhalts Wissenschaftsminister Armin Willingmann im Jahr 2021 einen Online-Bafög-Antrag anbieten zu können, der "möglichst durch alle Bundesländer mitgetragen wird."...+
Das ist und bleibt Utopie!! Jedes Bundesland will sein eigenes Gutes haben oder bekommen! Die Gleichschaltung wird es nicht geben und das wird zu Lasten der Studenten gehen!!