Förderung ab sofort abrufbar Nachrüsten oder Neukauf: Viele Wege führen zum Abbiegeassistenten

Abbiegeassistenten für Lkw und Busse sollen Fahrradfahrer sichtbar machen im toten Winkel. Dieses Mehr an Verkehrssicherheit kostet. Damit Unternehmer auch bereit sind zu investieren, stellt der Bund jetzt fünf Millionen Euro an Fördergeld pro Jahr bereit. Die Mittel sind also da. Aber nutzen die Unternehmer sie auch?

von Wiebke Schindler und Carolin Voigt, MDR AKTUELL

Das Transportunternehmen Garbe aus Hamburg testet seit etwa drei Monaten in einem Lkw einen Abbiegeassistenten, der nachgerüstet wurde. Geschäftsführer Michael Garbe ist hoch zufrieden mit dem Produkt. Im Gespräch mit MDR AKTUELL sagt er, es funktioniere einwandfrei. Beschwerden von Fahrern habe es keine gegeben.

Entwickelt hat den Assistenten die Hamburger Firma Luis Technology. Das System "Turn Detect" zeichnet sich laut Internetseite des Herstellers durch eine doppelte Warnung aus: Wenn sich ein anderer Verkehrsteilnehmer im "toten Winkel" befindet, bekommt er ein optisches und ein akustisches Warnsignal.

Nachrüstung oder serienmäßige Ausstattung ab Werk

Für Michael Garbe ist das "der entscheidende Vorteil gegenüber den Systemen, die ab etwa 2017 serienmäßig eingebaut wurden". Lkw seien heutzutage bis oben hin voll mit Assistenzsystemen, aber dieses ergebe wirklich viel Sinn. Garbe erklärt, dass große Hersteller wie Scania und MAN nur mit Kamerasystemen arbeiteten. Bei Volvo hätte das Warnsystem zwar auch ein Hupsignal, aber es löse erst bei Geschwindigkeiten über 30 km/h aus. Das schütze keine Fahrradfahrer, sagt Garbe.

Förderung ab sofort abrufbar

Mit einer Förderung vom Bundesverkehrsministerium will der Hamburger Unternehmer nun auch weitere Lkw in seinem Fuhrpark nachrüsten: "Wir haben nur gewartet, bis das klar ist mit der Förderung vom Bund. Die nehmen wir mit und legen jetzt los."

Das Verkehrsministerium fördert die freiwillige Nachrüstung mit Abbiegeassistenten für Busse und Lkw voraussichtlich fünf Jahre lang mit fünf Millionen Euro jährlich. Die Fördermittel können seit Montag auf der Seite des Bundesamts für Güterverkehr beantragt werden.

Voraussetzung für die Förderung sind eben diese Warnsignale, die die neuen Systeme von Einpark- oder Spurwechselhilfen unterscheiden. Nur wenn ein Kamera-Monitor-System zusätzlich noch ein Warnton- oder optisches Signal bei Gefahren abgibt, gilt es als Abbiegeassistent. So geht es aus den im Verkehrsblatt dargelegten Anforderungen für Abbiegeassistenzsysteme hervor.

Nach Dutzenden womöglich vermeidbaren Unfällen mit getöteten Radfahrern war der Druck auf Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) so groß geworden, dass er die "Aktion Abbiegeassistent" ins Leben gerufen hat. Eine gesetzliche Pflicht lässt unterdessen auf sich warten. Auf EU-Ebene sollen ab 2024 Abbiegeassistenten in allen Neufahrzeugen verpflichtend sein, ab 2022 für alle neuen Fahrzeugtypen.

Wenig Nachrüst-Nachfrage in Mitteldeutschland

Der Run auf die Nachrüstung wird sich bis dahin voraussichtlich in Grenzen halten. Eine stichprobenartige Umfrage von MDR AKTUELL bei mitteldeutschen Speditionen und Logistikfirmen hat ergeben, dass beim Thema Nachrüsten eher Zurückhaltung besteht.

Hans-Dieter Otto, Geschäftsführer von "Otto Spedition" aus Benneckenstein in Sachsen-Anhalt, sagt, es sei einfacher Lkw zu kaufen, die serienmäßig mit einem solchen Assistenten ausgestattet seien. Seit drei Jahren kaufe er deshalb nur noch Fahrzeuge mit serienmäßigen Abbiegeassistenten. Für ihn mache der Assistent aber eine Grundsatzdiskussion auf: "Wir brauchen den Totwinkelassistenten genauso für Busse und Pkw."

Der Abbiegeassistent sei eine realistische Hilfe nicht nur wegen der Fahrradfahrer in der Stadt. Auch auf Autobahnen und Landstraßen könnten solche Assistenten für mehr Sicherheit sorgen. "Diese Technik aber nachzurüsten ist aufwendig aus wirtschaftlichen und bürokratischen Gründen. Auch mit Förderungen kommt das für uns nicht in Frage."

Für die Spedition Hanitzsch im sächsischen Kesselsdorf gilt: Die Nachrüstung sei eine gute Entwicklung. Systeme will man an einigen Fahrzeugen testen. Generell setze man aber auch eher auf serienmäßige Abbiegeassistenten als auf eine Nachrüstung. Viele Fahrzeuge seien ohnehin technisch bedingt gar nicht ausrüstbar, erklärt Andreas Hanitzsch, Geschäftsführer der Spedition Hanitzsch.

Zum jetzigen Zeitpunkt verspreche ich mir nicht zu viel von den Zusatzsystemen. Die bloße Technik allein reicht nicht. Ein Lkw wird immer tote Winkel haben. Wichtiger wäre, dass sich Menschen diesen Fakt im Straßenverkehr vor Augen führen.

Andreas Hanitzsch Spediteur

Die Förderung bei der Nachrüstung sei attraktiv, aber für Unternehmen immer noch eine Investition. Da stelle sich dann die Gewissensfrage: Lohnt sich das Nachrüsten für ein altes Fahrzeug? Jeder Unternehmer müsse das auch immer kaufmännisch betrachten.

Mehr als 30 Tote durch Abbiege-Unfälle jährlich

Nach Angaben des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) kamen im vergangenen Jahr 34 Radfahrerinnen und Radfahrer durch Abbiege-Unfälle mit Lkw ums Leben. 2017 seien es sogar 38 Tote gewesen. Die Jahre davor habe die Zahl ebenfalls immer um die 30 gelegen.

Der ADFC sieht Scheuers Förderprogramm kritisch und fordert weiter eine gesetzliche Pflicht für die Assistenten. Sprecherin Stephanie Krone sagte MDR AKTUELL, es gehe alles zu langsam. Bis 2022 könne man nicht warten. Vor allem die Kommunen müssten mit gutem Beispiel vorangehen.

Fuhrparks von Bund, Ländern und Kommunen kaum nachgerüstet

Tatsächlich sieht es bei den Fahrzeugen der öffentlichen Hand in Sachen Abbiege-Assistenten schlecht aus. Das Bundesverkehrsministerium selbst gibt an, seinen kompletten Fuhrpark bis Ende des Jahres nachrüsten zu wollen. 2018 habe man bereits 11 Lkw ausgestattet.

Eine Anfrage der Grünen im Sächsischen Landtag hat jüngst ergeben, dass im Freistaat keiner der fast 400 Lkw im Fuhrpark der Behörden mit einem Abbiegeassistenten ausgerüstet ist. Wie die "Leipziger Volkszeitung" berichtet, will Verkehrsminister Martin Dulig (SPD) bis Ende des Jahres 13 Fahrzeuge nachrüsten. Zu wenig in den Augen der Grünen-Abgeordneten Katja Meier. Sie sagte der Zeitung: "Gerade weil es noch keine Nachrüstpflicht gibt, ist es umso wichtiger, dass die Staatsregierung ihrer Vorbildfunktion nachkommt."

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 08. Juni 2018 | 10:55 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Januar 2019, 05:00 Uhr

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9 Kommentare

22.01.2019 18:04 Olaf 9

Als LKW-Fahrer und leidenschaftlicher Radfahrer muß ich sagen das ich immer ein ungutes gefühl habe wenn ich mit dem Laster rechtsabbiege , viele Radfahrer rasen auf dem Fußweg um noch die Grüne Fußgängerampel zu schaffen . So viele Augen kann man garnicht haben um Alle zu beobachten das nichts passiert. Ein bisschen mehr Verständnis für den Anderen täte uns Allen gut. Und etwas mehr Kontrollen der Fußwegradler.

22.01.2019 15:37 optinator 8

Abbiegeassistent - könnte auch etwas für die Politik sein.
Aber Spaß beiseite, Abstand zu jedem LKW, ob im Kreuzungsbereich oder auf der "Langen Gerade" ist das A und O.

22.01.2019 12:44 Brennabor 7

Ich als Radfahrer versuche immer mindestens
15 Meter von einem LKW Abstand zu halten,
egal in welcher Situation. Gelingt leider nicht immer.

22.01.2019 11:47 Sabine 6

@Jakob

Es hat nicht viel mit der Bauweise der Autos zu tun. Man müsste einfach mal die Rückspiegel benutzen. Wer nicht reinsieht, übersieht auch Radfahrer beim Rechts abbiegen. Wenn man an einer Ampel steht muss man damkt rechnen, dass sich in dieser Zeit etwas bzgl. ankommenden Radfahrern tut.

22.01.2019 11:47 Franzi 5

wenn das nunmehr keiner nutzen sollte bei den vielen Toden die es bis jetzt gab , dann 15 Jahre Knast bei dem nächsten Opfer was diese verursachen, entlich, diese könnten heute noch leben, schlimm, schlimm.

22.01.2019 09:59 Hossa 4

Ein großes Problem ist das viele Verkehrsteilnehmer nicht die einfachsten Verkehrsregeln kennen.
z.B.mit dem Fahrrad über den Fußgängerüberweg fahren,rechts abbiegen und überrascht sein das der Fußgänger „Grün“ hat,
von „Rechts vor Links“ganz zu schweigen

22.01.2019 08:16 Jakob 3

Ehrlich gesagt müsste man die Vorfahrtregeln ändern. De facto verändern sich selbst PKWs mehr und mehr dahin, dass man beim Schulterblick einfach nichts sieht, selbst wenn man guckt. Da kann man doch nicht die Radler in einen täglichen Kampf um den Vorrang zwingen, den sie oft verlieren und mit ihrem Leben bezahlen.

Man darf keine unübersichtlichen Verkehrssituationen schaffen, nicht durch unrealistische Vorrangregeln und nicht durch unübersichtliche Verkehrsführung. All das gefährdet die schwächeren Verkehrsteilnehmer.

Also ich mach das im Alltag jedenfalls so. Die Erfahrung hier in Eisenach zeigt, dass sich kein Autofahrer an nichts hält sondern im Zweifel beim Kurvenschneiden sogar über den Bürgersteig brettert. Selbst an Fußgängerüberwegen bleibt man regelmäßig besser stehen, weil die vielen Agrofahrer nicht gerne für Fußvolk bremsen, Verkehrsregeln hin oder her. X Tonnen Blech sind nun mal leider ein durchschlagendes Argument.

22.01.2019 06:13 Sabine 2

Ich bin immer wieder schockiert, dass in diesen ganzen Berichten nicht der Hinweis an Radfahrer gegeben wird, dass man in der Nähe einer Kreuzung auf keinen Fall neben einem LKW stehen sollte, sondern immer dahinter für den Fall, dass man nicht gesehen wurde. Das würde auch Leben retten. Ein LKW niemals leichtsinnig überholen oder nebenher fahren! Ich als Radfahrerin (kein Auto) habe dank dieser Verhaltensweise auch keine Angst vor LKWs oder werde allein von Autofahrern „übersehen“.

22.01.2019 05:38 Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, ... 1

"Eine Anfrage der Grünen im Sächsischen Landtag hat jüngst ergeben, dass im Freistaat keiner der fast 400 Lkw im Fuhrpark der Behörden mit einem Abbiegeassistenten ausgerüstet ist. "

das sind schmutzige Diesel, keiner kann sagen wieviel Menschen Tag täglich dadurch sterben.

Die sollten gar nicht mehr fahren!