Alice Weidel, Fraktionsvorsitzende der AfD, spricht bei der Generaldebatte im Deutschen Bundestag.
Die AfD-Co-Fraktionscheffin Alice Weidel spricht im Bundestag zur Haushaltsdebatte. Bildrechte: dpa

Ausgrenzung und Abwertung Führt die Sprache der AfD zu Gewalt?

Nach dem Anschlag in Halle wird die Frage nach den Ursachen diskutiert. Nicht wenige zeigen mit dem Finger auf die AfD. Die Partei habe mit ihrer ausländerfeindlichen und hetzenden Sprache erst den Boden für solche Gewalttaten geebnet. Ist dieser Vorwurf gerechtfertigt? Kann Sprache eine Gesellschaft zu Mord- und Totschlag bringen?

von Jessica Brautzsch, MDR AKTUELL

Alice Weidel, Fraktionsvorsitzende der AfD, spricht bei der Generaldebatte im Deutschen Bundestag.
Die AfD-Co-Fraktionscheffin Alice Weidel spricht im Bundestag zur Haushaltsdebatte. Bildrechte: dpa

Mit Sprache kann man Gedanken manipulieren. Der Beweis? Wenn jemand aufgefordert wird an einen sonnengelben Elefanten zu denken, der in einem pinken Trabi sitzt und mit tiefer Stimme aus voller Kehle "Wind of Change" singt, dann hatte er diesen Gedanken zuvor nicht. Nach der Aufforderung schon. Vielleicht wird die Person auch das nächste Mal, wenn sie einen Trabi sieht oder "Wind of Change" hört an dieses Bild denken.

Nationalsozialisten bereiteten mit Sprache die Vernichtung der Juden vor

Sprache kann das Denken also beeinflussen, bis hin zu Gewalttaten, sagt der Vorsitzende der Arbeitsgruppe "Sprache in der Politik", der Germanistik-Professor Thomas Niehr. "Wenn ich es schaffe, das in den Köpfen der Menschen zu verankern, dann senke ich die Hemmschwelle auch tätig zu werden."

So hätten auch die Nationalsozialisten die Bevölkerung auf die Ausgrenzung und Vernichtung der Juden vorbereitet, sagt Niehr "Wenn ich sprachlich immer wieder eine bestimmte Bevölkerungsschicht mit Ungeziefer, mit Parasiten gleichsetze – damals eben die Juden – dann ist es nicht weit hergeholt, die Menschen wirklich anzugreifen, zu vernichten." So sei sprachlich vorbereitet worden, dass es eigentlich keine Menschen seien.

Metaphern beeinflussen unser Bild

Durch die Entmenschlichung einer Gruppe lassen sich Gewalttaten und Ausgrenzung rechtfertigen. Besonders wirksam scheint uns bildliche Sprache – zum Beispiel Metaphern – zu beeinflussen.

Das haben die US-amerikanischen Psychologen Paul Thibodeau und Lera Boroditsky 2011 in einem Experiment bewiesen. Ihre Probanden bekamen einen Text zu Stadtkriminalität vorgelegt, der sich in einem Punkt unterschied: bei einer eingebetteten Metapher. In einer Version war das Verbrechen ein wildes Biest; in der anderen war das Verbrechen ein Virus. Jeweils eine Hälfte der Teilnehmer erhielt eine der beiden Versionen.

Im Anschluss wurden die Teilnehmer gefragt, wie sie gegen die Kriminalität vorgehen würden: mit sozialen Reformen oder hartem Durchgreifen. Die Teilnehmer mit dem Biest-Text entschieden sich zum größten Teil für das Durchgreifen, die mit dem Virus für Reformen.

Einzelne Wörter lösen bei uns also Assoziationen aus, die ganz andere Aktionen denkbar machen. Und das kann gefährlich sein.

Die Sprache der AfD

In einer Rede vor dem Bundestag benutzte der AfD-Abgeordnete Gottfried Curio die Begriffe "Papagefährder, Mamagefährder und Bambinigefährder". Und die AfD-Co-Fraktionschefin im Bundestag, Alice Weidel, sprach über "Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse". Trägt die AfD an rechten Gewalttaten also eine Mitschuld?

Thomas Niehr von der Arbeitsgruppe "Sprache in der Politik" sagt, man könne nicht wie bei einem Naturgesetz eins zu eins Ursache und Wirkung feststellen. "Aber was wir feststellen ist, dass der Sprachgebrauch von Rechtspopulisten und von AfD-Politikern immer dazu dient, Stimmung zu machen. Es werden ständig Tabus gebrochen."

Laut Niehr ist es nicht von der Hand zu weisen, dass es vermutlich auch Leute gibt, die sich aufgerufen fühlen, zu Taten zu schreiten. Insofern könne man also von einer mittelbaren Beeinflussung sprechen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 15. Oktober 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2019, 05:00 Uhr

305 Kommentare

Auf der Sonnenseite des Lebens vor 4 Wochen

https://www.mdr.de/nachrichten/panorama/suv-unfall-berlin-fahrer-krampfanfall-100.html

dieser Beitrag des MDR, wo die Herkunft des Fahrers verschwiegen wird und gleich mal die Kommentarfunktion ausgeschaltet ist, zeigt doch wieder warum die Wähler immer empfänglicher für die AfD werden.

Da gibt es auch keine zwei Meinungen!

Auf der Sonnenseite des Lebens vor 4 Wochen

+1

Meiner Meinung nach hat die jetzige Regierung die AfD stark gemacht.

und mit dem Artikel über die Pflege
(https://www.mdr.de/nachrichten/politik/inland/dak-pflegereport-fordert-begrenzung-eigenanteil-pflege-100.html)
noch einmal mehr.

aus Elbflorenz vor 4 Wochen

Die Aussage ist doch vollkommen in Ordnung:
Wofür kämpften denn unsere Vorfahren auf Malta, bei Lepanto, vor Wien, an der Raab, auf dem Kahlfeld? Wofür Vercingetorix, Boudicca, Viriatus?
Fragen Sie mal Ihren Kompagnon Wessi (=Ostfriese), wofür sein Vorfahr Radbod kämpfte.
Die Namen sagen mir zum Teil nichts (Lützow), lassen natürlich auf eine gewisse politische Herkunft (Schlageter) schließen.
Aber das Wichtigste ist doch: Was finden Sie denn an dem Zitat inhaltlich anrüchig?