Joachim Gauck, Bundespräsident a.D., nimmt beim 37. Deutschen Evangelischen Kirchentag an einer Diskussionsrunde des «Roten Sofa» teil.
Joachim Gauck während einer Veranstaltung auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund. Bildrechte: dpa

Diskussion beim Kirchentag Gauck: DDR hätte auch im Westen funktioniert

Altbundespräsident Joachim Gauck hat beim Evangelischen Kirchentag für mehr Verständnis gegenüber Ostdeutschen geworben. Zugleich nahm er die Ostdeutschen vor herablassender Kritik aus dem Westen in Schutz. Die DDR hätte auch in Westdeutschland funktioniert, sagte Gauck.

Joachim Gauck, Bundespräsident a.D., nimmt beim 37. Deutschen Evangelischen Kirchentag an einer Diskussionsrunde des «Roten Sofa» teil.
Joachim Gauck während einer Veranstaltung auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund. Bildrechte: dpa

Altbundespräsident Joachim Gauck hat die Ostdeutschen vor herablassender Kritik aus dem Westen in Schutz genommen. "Wenn es bei Ihnen in Stuttgart oder in Köln oder Dortmund die DDR gegeben hätte, das hätte genauso mit Ihnen funktioniert wie mit den Leipzigern und Rostockern", sagte Gauck am Donnerstag auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund. Es gebe gewachsene Unterschiede. Wörtlich sagte Gauck zudem:

Man muss nicht alles gut finden, was dort anders ist, aber man muss die Herkunft verstehen und sie nicht aus einem minderen Charakter herleiten.

Joachim Gauck Altbundespräsident

Gauck erinnerte zudem an die wichtige Rolle der Evangelischen Kirchentage in der damaligen DDR für die Demokratiebewegung. Diese hätten Freiräume vor allem für oppositionelle Kräfte eröffnet. Man habe den Menschen zeigen können: "Wir haben eine Wahl." Der Staat habe damals große Angst vor der Kirchentags-Bewegung gehabt, deswegen seien auch nur regionale Christentreffen erlaubt gewesen, fügte der 79-Jährige hinzu.

Menschen sollen Ängste überwinden

Gauck rief die Menschen in Deutschland außerdem dazu auf, sich nicht von Ängsten leiten zu lassen. "Wir müssen unserer Angst den Abschied geben. Niemals soll sie herrschen über uns", sagte er. Auch hierbei nahm er Bezug auf die Bürgerrechtsbewegung der DDR, in der die Menschen trotz ihrer Angst auf die Straße gegangen seien, um Unrecht zu beenden.

Katharina Flatt (l) und Franca Goslar  stehen mit ihren Kerzen während des sogenannten Segens zur Nacht auf dem Friedensplatz.
Am 37. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund nehmen laut den Veranstaltern fast 120.000 Menschen teil. Er dauert bis Sonntag. Bildrechte: dpa

Auch heute sei die Versuchung, mit Ängsten Politik zu machen, sehr gewaltig, sagte Gauck. Aktive Bürgerinnen und Bürger hätten die Aufgabe, zu unterscheiden zwischen hochgepushten Ängsten und Bedenken, für die es rationale Gründe gebe. "Parteien können mit Ängsten richtige Bewegungen in Gang setzen, und da müssen wir sehr, sehr ängstlich sein", sagte Gauck.

"Demokratiewunder"

Andererseits hätten Menschen gezeigt, dass das, wovon sie einst träumten, gestaltbar sei, sagte Gauck weiter. Sie hätten aus einer "ewigen Kette politischer und gesellschaftlicher Ohnmacht Gesellschaften der Ermächtigten" geschaffen. Menschen hätten dafür gesorgt, dass Menschenrechte und die Herrschaft des Rechts zentrale Bezugsgrößen in der Politik geworden seien. Es gebe eine gute Geschichte der Demokratie, betonte er. "Es ist töricht, nur von einem Wirtschaftswunder zu sprechen und nicht von einem Demokratiewunder, was dieses Land erreicht hat."

Gauck hatte diese Woche eine Debatte losgetreten, indem er für mehr Toleranz gegenüber rechten Positionen warb - wobei er rechtsradikale und rechtsextreme Ansichten explizit ausschloss.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 20. Juni 2019 | 17:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Juni 2019, 21:22 Uhr

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45 Kommentare

22.06.2019 17:28 nasowasaberauch 45

Ich brauche keine Fürsprache von Gauck. Ich halte es für den Osten eher mit dem Bayernspruch mia san mia. Wir haben Erfahrungen aus zwei Gesellschaftssystemen, wer hat mehr? Die Reparationskosten an Russland hat der Osten allein gezahlt und einen Maschallplan gab es auch nicht. Lasst dem Wessi sein 84 % Mehrheitsdenken und lasst euch nicht beirren. 40 Jahre Phrasendrescherei schärfen das Gehör auch für Sprüche in diesem neuen Deutschland.

22.06.2019 10:58 Fragender Rentner 44

Hoffe doch nicht, dass er uns einschläfern und trösten will mit seinen warmen Worten.

21.06.2019 18:54 Wessi 43

@ 42 Das "Ost-West"-Thema betrifft doch diese Äusserungen von Gauck+Sie sind darauf eingegangen.Und "Humbug"? Genau das ist überheblich+lediglich Ihre Minderheitenmeinung.Das Volk denkt anders.Der Westen ist, mehrheitlich+belegbar (s. Bayern+Hessen-hin zu d.Grünen als Seehofer rechtsschwenk machte) anders.(Bremen erst!)Sie respektieren einfach nicht,daß viele Wessis mit dem "Istzustand" (EU,weltoffen etc.) zufrieden sind. Das Jammern+Mäkeln ist nicht unsere Kultur ist+die Demokratie SO WIE SIE IST empfinden wir als zufriedenstellend.Wir setzen uns auch auseinander, waren aber '89 schon da angekommen, wo wir, bei aller Kritik, sein wollten.(n.Ihrer Theorie können Sie nun das gar nicht beurteilen....)Heute ist es so, daß weite Kreise eher einen Linksschwenk (z.d.Grünen) wollen.Und Sie haben Recht:die Rechtsnationalen sind kein reines Ostthema: deren radikaler Flügel mordet i.Westen sogar schon wieder! Man will keine Änderungen nach rechts!

21.06.2019 18:09 007 42

@ Wessi 39 ... Wieder beim ewigen Ossi-Wessi Thema? Es ist falsch, dass was sie vorgeben nicht zu tun, tun sie, u das ist ihre Schwäche. Alles u jeden Humbug zu glauben den man ihnen erzählt, ohne nachzudenken oder zu hinterfragen. Die AfD ist eigentlich keine reine Ostpartei. Warum wohl ist sie hier so stark? Weil wir uns mit Themen+ Problemen auseinandersetzten u alternativen suchen, anstatt nur wie sie Wessis, immer das geringere Übel zu wählen. Uns kann man nicht mit bunten Worten einlullen wir wollen Taten sehen. Neue Verpackung alter Inhalt?, Phuuu nicht mit uns. Wenn Madame Teflon weg ist u Blaupause AKK die Partei übernimmt, ändert sich dadurch irgendetwas an der CDU, deren Politik, oder in unserem Land? Wenn sie das wollen müssen sie schon umsatteln.
Nicht Fremd gehen u weiter meckern, sondern neue Wege gehn ...

21.06.2019 18:06 Olaf Höft 41

Ist das der Herr, der 2016 aus Angst vor einer Volksbefragung meinte, das dass Volk zu "Dumm" ist rationale Entscheidungen zu treffen. Ist der das? Freundlichst Olaf Höft, Magdeburg, nicht rechts nicht links

21.06.2019 16:56 Dietmar Brach 40

Wenn er rechtsradikale und rechtsextreme ausnimmt, welche Rechten meint er dann, wenn er mehr Toleranz fordert? Etwa die Konservativen oder die Neo-liberalen? Die stellen doch die Kanzlerin und den "Heimatminister". Oder meint er die Ausländerfeinde, die Antisemiten die Homophoben? Die fallen für mich unter rechtsextrem. Also - wenn zum Teufel meint er denn?

21.06.2019 16:54 Wessi 39

@ 32, 007.Ich habe hier durch die posts Einiges gelernt, vor allem auch durch den user "kritischer Bürger", das es doch viel gab, was in der DDR besser war.Und ich kenne heute ehemalige DDR-Bürger (davon die Meisten bürgerlich-konservativ)+das,was sie erzählen.Daß ich mir,innerhalb meines Meinungsspektrums natürlich (da habe ich auch Ihnen ja nicht immer Unrecht gegeben,aber vllt. geschwiegen) eine eigene Meinung bilden kann, sollten Sie mir schon abnehmen.Ohne, daß ich ausserhalb von Besuchen in Berlin-Hauptstadt, die DDR kannte."Sendepausen" lasse ich mir nicht anordnen, denn Sie reden manches Mal ja auch,zu Recht,über die BRD, vor 89.Kommen Sie aus dem Überheblichkeitsrhythmus.Das sollte auch Herr Gauck, denn wir Wessis lassen uns kaum gefallen, daß uns Meinung+Gefühl übergestülpt wird, die nicht das Unsere sind!Wenigstens täte der BRD so manches Sozialistische aus der ehem. DDR heute richtig gut!ich finde @ 24 auf den Punkt gebracht.

21.06.2019 15:55 Sonja 38

@ 3 5 sein Sinneswandel besteht dahinn er will ja sein Buch vermarkten so sieht es aus, der Herr Dunkeldeutschland Genosse............ der hört sich sehr gerne selber reden , der noch die Kurve 1989 bekommen hatte auf dem Zug aufzuspringen,

21.06.2019 15:38 susanne 37

Im Gegensatz zum Westen hatte das Grundgesetz in der DDR sogar Gültigkeit. Dort galt "Männer und Frauen sind gleichberechtigt."

21.06.2019 15:05 Atheist aus Mangel an Beweisen 36

Wieso spricht er von der Vergangenheit?
Das System der Ganztagsschulen, Kitas, politische Bildung, Handbücher für Kitas...bis hin zu „sag mir wo du stehst...“ hat doch schon längst den Westen erreicht.
Als wir vor ein paar Jahren nach Bayern gezogen bin wurde ich als Rabenmutter betitelt, heute tut jeder CSU Politiker so als sei das DDR Model Kita ein Menschenrecht.
Nur im Osten wo Menschen erkennen wo es wieder hingeht wehren sich!
Einzig der Unterschied das es damal keine Frauenhäuser, Tafeln und weniger Lohn für Frauen nicht gab.