Holocaust-Gedenken im Bundestag Gedenkrednerinnen warnen vor Erstarken des Antisemitismus

76 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee, wurde im Bundestag an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Nach der Gedenkstunde wurde noch die Sulzbacher Torarolle in einer Zeremonie vollendet.

Ein Mann mit Kippa sitzt vor Beginn der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag.
Im Bundestag wurde am 27. Januar der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Bildrechte: dpa

Im Bundestag hat am Mittwoch eine Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus stattgefunden. Im Zeichen des Jubiläumsjahres zu 1.700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland, sprachen die Gedenkrednerinnen Charlotte Knobloch und Marina Weisband über Erfahrungen, die sie als Jüdinnen in Deutschland machen. Der Anstieg von antisemitischen Gedanken und Taten spielte eine zentrale Rolle bei den Ansprachen.

Erinnerungskultur schützt nicht vor Antisemitismus

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble begann seine Rede damit, dass die Geschichte der Juden und Jüdinnen ein wichtiger Teil der deutschen Geschichte sei, die hellen wie die dunkelsten Kapitel. Umso mehr sei das vielfältige deutsch-jüdische Leben, das aktuell vorzufinden ist, ein "unglaubliches Glück für unser Land, das wir uns immer wieder neu verdienen müssen".  

Schäuble mahnte aber, es sei "niederschmetternd, eingestehen zu müssen: Unsere Erinnerungskultur schützt nicht vor einer dreisten Umdeutung oder sogar Leugnung der Geschichte." Er erinnerte an das Attentat in Halle, wo die jüdische Gemeinde nur knapp einem mörderischen Anschlag entkommen war.

Judenhass in Mitte der Gesellschaft

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern bei Gedenkrede.
Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch. Bildrechte: dpa

Die Holocaust-Überlebende Charlotte Knobloch forderte in ihrer Gedenkrede für die Opfer der Nationalsozialisten dazu auf, stärker gegen Judenhass in der Mitte der Gesellschaft vorzugehen. Das Phänomen Antisemitismus sei größer als das Offensichtliche.

Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland verurteilte Holocaust-Vergleiche bei den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen. "Wer Corona-Maßnahmen mit der nationalsozialistischen Judenpolitik vergleicht, verharmlost den antisemitischen Staatsterror und die Shoah."

Zugleich warnte sie vor antisemitischen Verschwörungsmythen, die kursierten "von der Schule bis zur Corona-Demo und im Internet, dem Durchlauferhitzer für Hass und Hetze jeder Art". Die Parlamentarier forderte sie auf: "Passen Sie auf unser Land auf."

Sichtbarkeit von Jüdischsein immer noch gefährlich

Die zweite Gedenkrednerin war die Publizistin Marina Weisband. Nachdem sie alle Anwesenden nur mit "sehr geehrte Menschen" begrüßte, berichtete sie davon, dass es für Juden in Deutschland auch heute noch fast unmöglich sei, "einfach nur Menschen" zu sein. Sie müssten aus Sicherheitsgründen ihr Jüdischsein verstecken und unsichtbar machen.

Publizistin Marina Weisband hält die Gedenkrede am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.
Publizistin Marina Weisband Bildrechte: dpa

"Einfach nur Mensch zu sein ist Privileg derer, die nichts zu befürchten haben aufgrund ihrer Geburt", sagte Weisband. "Einfach nur Mensch zu sein bedeutet, dass jüdisches Leben in Deutschland unsichtbar gemacht wird", denn es sei für Juden und Jüdinnen "gefährlich, sichtbar zu sein".

Die jüngere Generation der Juden in Deutschland stehe vor der Aufgabe, "einen Weg zu finden, das Gedenken weiterzutragen, ohne uns selbst zu einem lebenden Mahnmal zu reduzieren", sagte Weisband. Ziel sei es, dass jüdisches Leben in Deutschland als "schlichte Selbstverständlichkeit" wahrgenommen werde. Weisband sprach im Bundestag als Vertreterin der dritten Generation nach dem Holocaust.

Feierliche Vollendung der Sulzbacher Torarolle

Jeremy Issacharoff (r), Botschafter von Israel, steht gegenüber von Rabbiner Shaul Nekrich (2.v.l) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) während der feierlichen Vollendung der Sulzbacher Torarolle.
Angela Merkel bei der Vollendung der Sulzbacher Torarolle. Bildrechte: dpa

Am Ende der Gedenkstunde ging es für die höchsten Repräsentanten der Bundesrepublik in den Andachtsraum des Bundestages. Dort wurde in einer Zeremonie die Sulzbacher Torarolle vollendet.

Unter anderem Kanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff, wurden in der Zeremonie zu Paten für die Torarolle. Bei der Zeremonie schrieb ein jüdischer Schriftführer die letzten Zeichen der Sulzbacher Torarolle nach und vollendete sie auf die Art.

Die Tora Die Tora ist die Heilige Schrift der Juden und besteht aus den fünf Büchern Mose. Sie wird von Hand geschrieben.

Die vollendung der Tora bedeutet, dass die letzten zwölf Buchstaben des 5. Buch Moses "Deuteronomium" noch fehlen - was übersetzt "Vor den Augen von ganz Israel" heißt. Es gilt als besondere Ehre für Rabbiner, Toraspender und bedeutende Persönlichkeiten an dieser "Vollendung" aktiv teilzunehmen. Zentralrat der Juden in Deutschland

Seit 25 Jahren erinnert der Bundestag rund um den 27. Januar mit einer Gedenkstunde an die Opfer des Holocaust. 1996 hatte der damalige Bundespräsident Roman Herzog den Tag der Befreiung des NS-Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 als Gedenktag proklamiert. In Auschwitz starben rund 1,1 Millionen Menschen. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurden insgesamt rund sechs Millionen Juden ermordet.

Auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wurde am Mittwoch der Holocaust-Opfer gedacht, so mit Kranzniederlegungen in den KZ-Gedenkstätten Sachsenburg und Feldscheune Isenschnibbe.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. Januar 2021 | 11:00 Uhr