MINT-Fächer Geschlechtergetrennter Unterricht – eine gute Idee?

Es gibt Statistiken, die besagen, dass Frauen, die auf einer reinen Mädchenschule unterrichtet wurden, eher einen technischen Beruf erlernen als Frauen, die auf einer gemischten Schule waren. Sollten Kinder in "MINT"-Fächern – also Mathe, Informatik, Naturwissenschaft und Technik – getrennt unterrichtet werden? Das jedenfalls hat die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Stephanie Hubig, vorgeschlagen. Wie denkt man in Mitteldeutschland darüber?

von Juliane Neubauer, MDR AKTUELL

Naturwissenschafter Unterricht
Wie kann man Mädchen mehr für MINT-Fächer und damit später für technische Berufe begeistern? Bildrechte: imago/Westend61

Er sei wenig begeistert von dem Vorschlag geschlechtergetrennten Unterricht einzuführen, sagt Sachsens Kultusminister Christian Piwarz. Es sei, als würde man 50 Jahre in der Entwicklungsgeschichte zurückfallen.

Christian Piwarz
Christian Piwarz Bildrechte: dpa

"Wir müssen stattdessen eher die Frage stellen, wie kann es uns in unserem Unterricht gelingen, unterschiedliche Neigungen und Interessen von Schülern stärker zu fördern, zu unterstützen, Nachhilfe zu geben dort wo es nötig ist", erklärt der CDU-Politiker.

Das könne zwischen Mädchen und Jungen unterschiedlich sein. Da sei es für die Lehrkräfte eher wichtig, mit entsprechenden, zusätzlichen Assistenzsystemen oder Ähnlichem diese Unterstützung zu leisten. "Aber eine Geschlechtertrennung bei einzelnen Schularten würde ich für Sachsen ablehnen", sagt Piwarz.

Lehrer- und Platzmangel – ein gültiges Argument?

Auch Marco Tullner, Bildungsminister von Sachsen-Anhalt, sieht in der Aufteilung der Schülerinnen und Schüler im Unterricht eher eine Gefahr, Vorurteile zu unterstützen.

Marco Tullner
Marco Tullner Bildrechte: dpa

Der CDU-Politiker sagt: "Man muss natürlich festhalten, dass Unterricht grundsätzlich zielgruppenorientiert sein sollte und dass man dann weder mit Stereotypen arbeiten sollte, noch mit irgendwelchen geschlechterspezifischen Zuschreibungen."

Deswegen könne eine Debatte nie schaden. Aber man sollte auch mit den baulichen sowie den Ressourcen-Möglichkeiten nahe an der Realität bleiben.

Da erhebt Bildungsforscher Daniel Diegmann von der Uni Leipzig Einspruch: Lehrer- oder Platzmangel seien hier kein gültiges Argument gegen den getrennten Unterricht. Parallelklassen könnten ganz einfach gleichzeitig in den MINT-Fächern unterrichtet werden, und so wäre keine zusätzliche Kapazität nötig.

Mädchen hätten ohne Jungen im Unterricht mehr Raum

Eher stellt Diegmann in Frage, ob die Strategie wirklich zielführend ist. Die Forschungsergebnisse würden eigentlich keinen Hinweis darauf geben. Man könne nicht sagen, dass geschlechtergetrennter Unterricht die Leistung der Mädchen automatisch verbessere, aber auch nicht verschlechtere. Da sei es eher so, dass man nicht allzu große Hoffnung darin haben sollte. "Was die Interaktion angeht, kann man sich schon vorstellen, dass, wenn keine Jungen mehr im Unterricht sind, die Mädchen mehr Raum haben", überlegt Diegmann.

Befragungen unter Lehrern hätten gezeigt, dass es sehr unterschiedliche Umgangsweisen mit der Frage zur Gleichberechtigung der Geschlechter im Unterricht gebe. Während einige nicht bereit seien, ihre Einstellung zu hinterfragen, gehe ein Teil der Lehrer an gemischten Schulen sehr reflektiert mit dem Thema um und lasse Mädchen und Jungen im Unterricht beispielsweise immer abwechselnd zu Wort kommen.

Schulpädagoge: Mut haben, es zu probieren

Das Problem liege oft schon im Elternhaus begründet, sagt Diegmann. Mädchen, die von ihren Eltern schon in früher Kindheit für technische Themen begeistert würden, hätten später auch seltener eine Abneigung gegen Mathe oder Physik.

Für den Schulpädagogen spricht aus wissenschaftlicher Sicht nichts dagegen, den Vorschlag von der Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Stephanie Hubig zu testen. Er plädiert für "Mut dazu, das auszuprobieren". Für eine bestimmte Zeit mit den Schülern und Schülerinnen gemeinsam zu schauen, welche Erfahrungen sie darin machten, ob sie das eher positiv oder negativ erfahren würden. Nicht als kleines, einzelnes Experiment, das losgelöst sei von allem anderen in der Schule, sondern das wirklich konzeptionell einzubauen in die Schulentwicklungs- und Qualitätsentwicklungsprozesse an Schulen. Das halte er für ganz wichtig, sagt Diegmann.

In vielen Wahlfächern in den Oberstufen findet ohnehin ein nahezu geschlechtergetrennter Unterricht statt. In den Physikkursen sitzen fast nur Jungs, in Französisch deutlich mehr Mädchen. Wie man hier eine gleichmäßigere Verteilung erreichen kann, ob getrennter Unterricht in der 7. und 8. Klasse hier helfen könnte, werden wohl nur Versuche im Schulalltag zeigen können.

Mädchen für MINT-Fächer begeistern

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 22. Februar 2020 | 09:09 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Februar 2020, 15:56 Uhr

26 Kommentare

Anita L. vor 4 Wochen

"Anita, warum sollte VOR der Einbeziehung des religiös-kulturellen Gesichtspunktes "zu Ende gedacht" sein ?!"

Weil es nicht um kulturelle oder religiöse Unterschiede in den MINT-Leistungen geht, sondern um eine geschlechterabhängige.

winfried vor 4 Wochen

Anita, warum sollte VOR der Einbeziehung des religiös-kulturellen Gesichtspunktes "zu Ende gedacht" sein ?!
Ich denke, man kann, u.a. auch bei diesem Thema, nicht allumfassend, sprich kreativ bzw. "abartig", genug denken.

winfried vor 4 Wochen

Anita, Ihr Gedanke, alle gemeinsam unterrichten, finde ich, hat was.
Wir definieren Jungen und Mädchen als Variante von "divers",
und alle Genderprobleme sind … Vergangenheit.