Corona-Schutzmaßnahmen in Mitteldeutschland Gesundheitsämter unzureichend auf mögliche neue Infektionswelle vorbereitet

Politiker und Virologen betonen immer wieder, dass eine Grundvoraussetzung für weitere Öffnungsschritte die möglichst vollständige Kontaktnachverfolgung von Corona-Infektionsketten sei. Nur so könne sie auch unterbrechen und so den Virus unter Kontrolle bekommen. Deshalb hatten Bund und Länder vor sechs Wochen Mindestpersonalstärken für Gesundheitsämter beschlossen. Doch mit der Umsetzung dieses Beschlusses hapert es in Mitteldeutschland.

Wegweiser Gesundheitsamt
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Die Gesundheitsämter in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind derzeit nur eingeschränkt in der Lage, zukünftig Corona-Infektionsketten eigenständig und schnell zu erkennen und zu stoppen. Das ergaben Recherchen der MDR-Wirtschaftsredaktion. In Sachsen verfügt nur gut ein Drittel der Gesundheitsämter über die vor sechs Wochen von Bund und Ländern beschlossene Personalstärke für Kontaktnachverfolgungsteams. Demnach sollen es fünf Mitarbeiter pro 20.000 Einwohner sein. In Thüringen hat nur knapp die Hälfte der Ämter diese Sollstärke erreicht bzw. annähernd erreicht. In Sachsen-Anhalt sind es nur zwei von 14.

Sachsen: aktuelle Situation rechtfertigt keine Personalaufstockung

Sächsisches Staatsministerium für Soziales in Dresden
Sächsisches Staatsministerium für Soziales in Dresden Bildrechte: imago images / Dehli-News

In Sachsen verfügen die Kontaktverfolgungsteams derzeit nur in den Städten Chemnitz, Dresden und Leipzig sowie in den Landkreisen Leipzig, Görlitz und dem Erzgebirgskreis über das geforderte Personal. Das in Sachsen zuständige Staatsministerium für Soziales und gesellschaftlichen Zusammenhalt kommentiert die Umsetzung des Bund-Länder-Beschlusses wie folgt: „Die derzeitige personelle Besetzung orientiert sich bei den meisten am momentanen tatsächlichen Arbeitsaufkommen. Aktuell rechtfertigen die Fallzahlen nicht die weitere Aufstockung, da zurzeit keine Auslastung der bereits vorhandenen Teams vorliegt. In einigen Landkreisen und Städten könnte allerdings kurzfristig aufgestockt werden.“ Die Gesundheitsämter seien personell so besetzt, dass sie sowohl ihre derzeitigen Aufgaben als auch die Anforderungen der Kontaktpersonennachverfolgung meistern könnten, so eine Sprecherin.

Thüringen: Mehrheit der Kreise erreicht Personal-Soll nicht

An einer grauen Mauer ist ein Schild mit Thüringer Landeswappen mit grau-rot-gestreiften und gekrönten Löwen auf blauem Grund und dem Schrifzug 'Thüringer Landesverwaltungsamt' angebracht.
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In Thüringen erreichen derzeit nur die Städte Jena, Suhl und Weimar sowie die Landkreise Eichsfeld, Greiz und der Saale-Holzland-Kreis die geforderte Personalstärke in den Nachverfolgungsteams. In der Stadt Gera, im Ilm-Kreis, im Landkreis Sömmerda und im Weimarer Land fehlen je ein bis drei Mitarbeiter zum Erreichen der Sollstärke. Gut die Hälfte der Kreise und kreisfreien Städte hat die Personalstärke in den Gesundheitsämtern bislang nicht annähernd erreicht. Der Sprecher des Thüringer Landesverwaltungsamtes, das die Ist-Zahlen erfasst, erklärt ohne Nennung von Namen, dass das für einige Kreise noch keine endgültigen Zahlen seien. „Mehrere Gebietskörperschaften haben angegeben, im Bedarfsfall weiteres Personal zuzuführen. Einige werden allerdings hierzu nicht in der Lage sein“, so der Sprecher. Nach seiner Auskunft sollen diese kurzfristig durch die vorübergehende Zuführung von ärztlichem und pflegerischem Personal in die Lage versetzt werden, die Kontaktnachverfolgung den Vorgaben entsprechend sicherzustellen. Zudem heißt es aus Erfurt: „Sollte in einzelnen Gebietskörperschaften die Sollstärke nicht erreicht werden, sind die jeweils aktuellen Fallzahlen in den Blick zu nehmen, um eine Anpassung der Personalstärke durch landesseitige Unterstützung zu ermöglichen.“

Sachsen-Anhalt: nur zwei von 14 melden Sollstärke

Die Stadtansicht Magdeburgs mit der Elbe und der neuen Wohnsiedlung 'Am alten Elbbahnhof' aus der Vogelperspektive
Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt Magdeburg Bildrechte: dpa

Nach Auskunft des Sozial- und Arbeitsministeriums in Magdeburg ist der Bund-Länder-Beschluss zur Personalaufstockung der Gesundheitsämter noch nicht vollständig umgesetzt. Nach den aktuellen Zahlen wurde lediglich in den Landkreisen Harz und Wittenberg jeweils die Sollstärke bei den Nachverfolgungsteams erreicht. In den anderen zwölf Landkreisen und kreisfreien Städten fehlen derzeit zwischen 14 und 78 Prozent des geforderten Personals. Besonders groß ist die Personallücke im Jerichower Land und im Bördekreis. Das Ministerium verweist im Zusammenhang mit der Umsetzung des Beschlusses darauf, dass Sachsen-Anhalt unter den Bundesländern die zweitniedrigste COVID-19-Fallzahl je 100.000 Einwohner hat. Zudem sei dem Ministerium in regelmäßigen Telefonschaltkonferenzen mit den Gesundheitsämtern mitgeteilt worden, dass derzeit alle Kontakte durch die Gesundheitsämter  nachverfolgt werden könnten. „Die sind darüber hinaus verpflichtet, die absehbar oder tatsächlich nicht mehr leistbaren Kontaktnachverfolgungen umgehend gegenüber dem Land anzuzeigen“, so eine Sprecherin.

Bund-Länder-Vorgabe für Sollpersonalstärke in Gesundheitsämtern

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gibt eine Pressekonferenz.
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Nach dem Bund-Länder-Beschluss vom 25. März 2020 soll bei den örtlichen Gesundheitsdiensten pro 20.000 Einwohner mindestens ein Kontaktnachverfolgungsteam mit fünf Personen geschaffen werden, um bei einer plötzlichen und sprunghaften Zunahme der Neuinfektionen Infektionsketten zu erkennen und zu unterbrechen – und damit eine unkontrollierte Ausbreitung des Virus wie zu Beginn dieser Krise zu verhindern. „Die möglichst vollständige Kontaktnachverfolgung ist die Grundvoraussetzung für weitere Öffnungsschritte und ein wichtiger Maßstab für die Bewertung der Frage, welche Neuinfiziertenzahlen im mehrtägigen Mittel toleriert werden können“, betonten Bundeskanzlerin und Länderchefs am 30. April in einer Telefonkonferenz nochmals. Dabei soll nach Angaben der Bundesregierung auch darüber informiert worden sein, dass seit dem 24. April alle Gesundheitsämter über die zuständigen Landesbehörden an das Robert-Koch-Institut (RKI) melden, ob die vollständige Kontaktnachverfolgung gewährleistet, gefährdet oder bereits aktuell nicht mehr möglich ist. Nach der aktuellen Einschätzung des RKI könnte es zweite oder sogar eine dritte Infektionswelle geben.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 06. Mai 2020 | 19:30 Uhr